Die Dame ließ den Brief durch ihre Amme befördern. Die ging geradewegs ins Gerichtshaus und übergab ihn dem Stellvertreter des Kadis, dem Najb-Effendi. Er nahm Kenntnis von dem Inhalte und sah, daß der Kadi eine Mütze, einen Turban, Unterhosen und alles übrige haben wollte; er rief den Haushofmeister und teilte ihm alles mit. Dieser ließ sich, dem Briefe gemäß, im Harem einen vollständigen Anzug ausfolgen und übergab den Pack der Amme, und die brachte ihn rasch dem Kadi. Der Kadi kleidete sich an, gürtete sich und band sich den Turban um; als er dann gehn wollte, erinnerte er sich des Maultiers und befahl es ihm vorzuführen. Eine Sklavin lief in den Stall; da sie es aber nicht vorfand, schrien sie: »Effendi, das Maultier ist nicht da.«
Der Kadi war zwar verdutzt über dieses neue Ereignis, nahm aber, ohne noch weiter zu verziehen, von der Dame Abschied; er war so verstört, daß er auf dem ganzen Wege zum Gerichtshause nicht vor und nicht hinter sich sah. Als er dann auf seinem Sitze ausruhte, rief er sich alles, was er tagsüber erlebt hatte, ins Gedächtnis zurück. Bald darauf ging er heim und legte sich, da es Nacht geworden war, schlafen.
Am nächsten Tage verließ er seinen Harem schon in der Morgendämmerung und ging sein Amt als Richter versehn. Nachdem sich einige Freunde, die ihn zu unterhalten gekommen waren, entfernt hatten, wandten sich seine Gedanken, wie er so allein war, wieder den Vorfällen des Abends zu; aber je mehr er nachdachte, desto mehr verwundert war er.
Unterdessen zog der Hodscha Nasreddin die Kleider des Kadis an, wickelte sich dessen Turban um und hüllte sich in dessen Mantel; und in dieser Tracht bestieg er das Maultier des Effendis und begab sich aufs Gericht. Den Dienern des Kadis entging es, als sie ihn ansahen, keineswegs, daß er all die Kleider ihres Herrn trug und auch dessen Maultier ritt; sie liefen auch alsbald zum Kadi, um ihm das zu melden. »Herr,« sagten sie, »Nasreddin-Effendi, der jetzt kommt, hat dich bestohlen; sieh dir nur die Kleider an, die er am Leibe hat, und das Maultier, das er reitet.«
Aber der Kadi sagte: »Gebt acht, was ihr sagt; man darf niemand leichtfertig anklagen.«
Inzwischen stieg der Hodscha ab, band das Maultier unten an der Stiege an, ging hinauf und begrüßte den Kadi. Der gab ihm den Gruß zurück, erhob sich und ließ den Hodscha, um ihm eine Höflichkeit zu erzeigen, den Ehrensitz einnehmen; er bot ihm einen vortrefflichen Kaffee an und überhäufte ihn mit ehrenvollen Aufmerksamkeiten. Schließlich ließ er alle lästigen Zuhörer entfernen und richtete geradeaus an den Hodscha die Frage: »Woher hast du diese Kleider, Hodscha-Effendi, und woher hast du das Maultier?«
»Sowahr mir Gott helfe,« antwortete Nasreddin, »gestern hat hier ein Kampf stattgefunden: der Rote Prinz hat die Weiße Burg gestürmt. Als der Kampf am hitzigsten war, bemächtigte sich der Streitenden ein jäher Schrecken, und ich raffte die Beute auf, die auf dem Schlachtfelde verblieben war.«
Aus diesen Worten begriff der Kadi leicht, worum es sich handelte; er änderte seine Haltung und sagte zum Hodscha: »Da es deine Beute ist, ist es billig, daß du sie behältst; vielleicht muß sie sogar noch vergrößert werden, damit du, wenn man dich fragt: ›Hast du das Kamel gesehn?‹, antwortest: ›Es muß samt seinem Füllen verzehrt worden sein; ich habe weder das Kamel, noch das Füllen gesehn.‹«
Der Hodscha erwiderte: »Wenn das so sein soll, so gib mir den Preis des Kamels, damit sich unser Mund so schließe, daß ihm auch nicht ein Wörtchen entfällt.«
Sowohl um den Wunsch des Hodschas zu erfüllen, als auch der eigenen Ruhe halber reichte ihm der Kadi zwanzig Goldstücke, indem er ihm noch einmal ans Herz legte, ja nichts verlauten zu lassen. Und der Hodscha antwortete: »Wie sollte denn etwas bekannt werden? Alles bleibt unter uns, besonders wenn du mir statt des Kamelfüllens das Maultier geben willst; das ist dann alles, was ich von dir haben will.«