NAsreddin hatte eine Tür inmitten des Feldes gebaut, so daß er sie von seinem Hause sehn konnte; den Schlüssel verwahrte er zu Hause. Seine Frau fragte ihn, was das für ein Schlüssel sei, und er sagte, was er gemacht hatte, und fuhr fort: »Ich habe diese Tür gebaut, um die ehrlichen Leute von den unehrlichen unterscheiden zu können; die guten werden von weitem herumgehn, die schlechten aber werden geradewegs auf die Tür zugehn.«

Einige Tage später sah Nasreddin, daß neun Leute feldein auf die Tür zuschritten. Er ging sofort zu ihnen und fragte sie: »Wohin, Leute?«

»Wir haben Geschäfte,« antworteten sie; »was gehts dich übrigens an, daß du es wissen mußt?«

»Ihr seid Diebe und geht stehlen,« antwortete ihnen Nasreddin. »Nehmt mich auf in euere Gesellschaft; sonst werde ich euch als Diebe angeben.«

Nun waren die Leute wirklich Diebe, und sie waren sehr erstaunt, daß der Hodscha die Wahrheit erraten hatte; sie sagten zu ihm: »Es ist so; wir sehn, du weißt, was die Leute denken und womit sie sich beschäftigen. Komm also mit uns, wir wollen unser zehn sein.«

Als sie ins nächste Dorf kamen, sahen sie eine Hirtin mit ihrer Schafherde; sie schlichen sich näher heran und Nasreddin sagte zu seinen Gesellen: »Geht ihr ein bißchen in den Wald und ich will zu diesem Mädchen gehn und ihr einige hübsche Geschichten erzählen; und wenn ich ihr mit dem Finger die Sonne zeige, so kommt rasch hervor und treibt die Schafe weg.«

Gesagt, getan. Als Nasreddin sah, daß die Diebe zehn Schafe weggetrieben hatten, sagte er zu der Hirtin: »Gott befohlen, Kind; ich muß zu meinen Gesellen eilen.«

Er holte sie erst in der Nähe seines Hauses ein, und seine erste Frage war: »Wie werden wir jetzt diese zehn Schafe verteilen?«

»Herr,« sagten die Diebe, »du bist der älteste von uns und der gescheiteste und der gerechteste; und wie du sie verteilst, werden wir zufrieden sein.«

»Wenn es so ist,« sagte Nasreddin, »so mag Gott helfen. Wir sind unser zehn, und Schafe sind auch zehn; ihr seid euer neun. Nehmt ihr ein Schaf, so werdet ihr euer zehn sein; ich werde die andern neun nehmen, und so werden wir auch zehn sein.«