Einsilbig saß der feurige Legationssekretär im Wagen und schaute wie Wotan unter dem großen, breitkrämpigen Strohhut in die Ferne …
»Schönhausen, ganz wie Schönhausen!« rief er versunken, als sie an den ersten rheingauischen Herrensitzen vorüberrasselten. »Meine liebe Zampel« – als das Gefährt den plätschernden Kiedricher Bach überschritt. »Der Kniephof!« seufzte er leise und zog den Duft einer mächtigen Linde ein, die am mohnroten Feldrain in der grellen Sonne stand …
Der verstehende Lynar, um ihn mit seinen Gedanken allein zu lassen, hielt Rochow im Gespräch, aus dem Bismarck manchmal nur dunkel ein Wort aufgriff … »Rheinische Backofenglut …« »Wie es reift!« war das geheimnisvolle Echo. »Wie es reift« – wiederholte er im unverwandten Anblick der reichbehangenen Rebgärten und pfirsichglühenden Spaliere, die sein Auge angestrengt im Vorüberfahren abwanderte. Solchermaßen arbeitete es in ihm …
Unterdessen waren sie in Winkel angekommen, wo der Weg zum Johannisberg abzweigt. Da aber zeigte es sich, daß das, weswegen er die Reise unternommen, innerlich schon überlebt und ihm zuteil geworden war, und der Seitenpfad zu dem Schlosse hinauf jetzt nur ein lästiger Abweg gewesen wäre von der Hauptstraße seines Dranges, der ihn dem Strome entlang vorwärts trieb. Konnte es im Grunde größere Gegensätze geben, als ihn, den Diplomaten in Holzschuhen, und den ministre papillon? Und was sollte er jetzt auf zierlich gepflegter Schloßterrasse zwischen Semperflorens-Rosen und einer in Töpfen gezogenen Orangerie anfangen?
Rochow, wegen seiner heimlichen Mitbewerbung um den Frankfurter Gesandtschaftsposten befangen, ließ sich ohne Widerspruch den edlen Tropfen aus den fürstlichen Weinkellern von den Lippen reißen und schickte nur einen verlechzten Blick nach dem entschwindenden Schlosse auf die Höhe hinauf – ohne zu ahnen, daß seine Gegenwart mit die Ursache war, warum es den andern vom Menschen fortdrängte ins Grenzenlose der Natur, bei der wir uns allein von unserer letzten Einsamkeit befreien, weil wir im tiefsten mit ihr zusammenklingen.
Und wie jeder redliche Entschluß erfrischt, so begann auch der junge Diplomat, nachdem er sich den Weg freigemacht in eine unbestimmte Weite, seine Verschlossenheit mit dem beginnenden Abend abzuwerfen, sich den Traum von seiner pommerischen Heimat aus den Augen zu wischen und mit erhöhtem Pulsschlag zu fühlen, daß er nicht mehr an den Wiesenbächlein der heimatlichen Scholle, sondern am Rheine war – dem deutschen Strom! So lebhaft zeigte er jetzt nach der dunkelnden Giebelfront der Hallgarter Zange, jetzt nach den heidnischen Walddolmen der Rabenköpfe, jetzt nach den goldgelben Sanden und Pappelauen mitten in den Fluten, daß Lynars Pudel den deutenden Händen bald herüber, bald hinüber, die Vorderpfoten über den Wagenschlag gelegt, nachsprang, um zu ergründen, was es da draußen zu apportieren gebe … Als sie aber neben der reichgezackten Silhouette des Adlerturms mit seinem Birkenbäumchen in der Zinnenkrone in Rüdesheim einfuhren; drüben auf dem Rochusberg die Kapelle im Mondschein aufragen sahen; das dunkle Felsentor, das der Strom durchbricht, mächtig vor ihren Blicken lag; und rings um die Ufer die abendlichen Lichter an den Berglehnen sich entzündeten, als sei Vineta heraufgestiegen – da wußte er, daß ein höher gewolltes Ziel ihn richtig geführt hatte …
Und während der Engelwirt seine Begleiter von dem Wagenschlag durch den vornehmen Treppenpavillon in den Gasthof komplimentierte, stand er just, wie er aus dem Reisewagen gesprungen, schon am grasigen Ufer drunten, an dem muschelknirschenden vordersten Kiesrande, – allein mit dem erdgeisterhaften Rauschen der nächtlichen Brandung …
Das Gewitter hatte sich jenseits der Berge entladen und gereinigte Lüfte herübergesandt. Der Wisperwind kam aus den Felstoren und kräuselte Schaumkämme über die Wasserfläche, die im Mondschein spiegelte, als glühte das Nibelungengold aus der Tiefe herauf … Er stand mit seherischen Sinnen und setzte sich allmählich, dem Stromlauf folgend, in Bewegung, wie ein Nachen auf den Wellen treibt, immer von dem Verlangen gequält, dem Strome näher zu kommen, anstatt verurteilt zu sein, auf dem Leinpfad nebenher zu schreiten – bis er an die Klippe gelangte, darin der Lehrer Metternichs sein Herz hatte begraben lassen, daß es dort ewig umwiegt sei von den heiligen Wogen, über denen der Geist des Vaterlandes schwebt. Da riß es ihn plötzlich hin, all das Licht der Wasser in die Arme zu fassen; und, dem verankerten Dreibord seine Kleider hinterlassend, warf er sich in die Flut und tauchte bald wie ein Rheingott in der Ferne auf, wo die Mäuseturminsel mit ihrem Pappelhain traumhaft aus der Tiefe steigt …
Und während er auf den Wellen dahinwiegte, von der riesigen Stufenpyramide der Weinberge und mondduftigen Waldhöhen eingeschlossen, überglitzert von Sternen, die durch die Fensterhöhlen der getürmten Burgruine schauten, und der schäumende Wogenfall des Bingerloches durch die Stille donnerte, da fühlte er, wie er dem ganzen Lande angehörte; wie seine Arme erstarkten, indem er spielend die Flut bezwang an einer Stelle, wo die Strömung reißend den gefährlichen Felsenbänken entgegenschießt; und wie in seine Schultern die Kraft strömte, das Schicksal des geliebten Landes zu tragen …