Die Russin.

Ich sah sie einst. Sie stand auf dem Mondlichtbalkone.
Der Frühling verblühte in Beeten und Töpfen.
Ihr goldenes Haar, eine luftige Krone,
Verrankte, verlor sich in offenen Zöpfen.

Ihr griechisches Doppelkreuz grüßte die Brüste,
Die immer zum Kreuz hinan wogten und wallten,
Als ob es die Seele sanft wachhalten müßte.
Der Mondschimmer kam, ihren Traum zu erhalten.

Bald lachten die Sicheln fast männlicher Zähne.
Sie glänzten hinaus zu den horchenden Sternen.
Es trug schon die Nacht ihre feurige Mähne,
Sie schwang sich als Stute durch Steppen und Fernen.

Die Augen der Russin vermuteten Meere.
Sie regten sich stets in der furchtbaren Stille.
Es nahte ein Augenblick schrecklicher Leere,
Doch unentwegt zuckte die goldne Pupille.

Dann schenkte die Ebne sich kühlende Winde.
Die Russin erwachte und spürte die Kälte.
Zitternd zerband sie die Fenstergewinde,
Versperrte sich, schwand. Und ein ferner Hund bellte.


Max Dauthendey.

Geboren am 25. Juli 1867 zu Würzburg, gestorben im Herbst 1918 auf Java. – Reliquien 1900. Singsangbuch 1907. Insichversunkene Lieder im Laub 1908. Der weiße Schlaf 1909. Lusamgärtlein 1909. Weltspuk 1910. Des großen Krieges Not 1915.

Laß mich in deinem stillen Auge …