Segnend legt sie dann die kranken
In ein stilles, feines Kästchen,
Das aus Seele sie gezimmert,
Das nur sie erschließen kann,

Und sie pflegt die kranken Tränen
Wie ein Gärtner, der sein Leben,
Seine edle, stumme Güte
Zarten Blütenknospen weiht …

Wenn ich einst in Freudestunden
Zitternd nach den Tränen frage,
Küßt mir meine gute Mutter
Schnell den Dank vom Herzen weg.


Albert Ehrenstein.

Geboren am 23. Dezember 1886 zu Wien. – Die weiße Zeit, 1914. Der Mensch schreit, 1916. Die rote Zeit, 1917. Den ermordeten Brüdern, 1918. Die Gedichte, Gesamtausgabe, 1920.

Auf der hartherzigen Erde.

Dem Rauch einer Lokomotive juble ich zu,
Mich freut der weiße Tanz der Gestirne,
Hell aufglänzend der Huf eines Pferdes,
Mich freut den Baum hinanblitzend ein Eichhorn,
Oder kalten Silbers ein See, Forellen im Bache,
Schwatzen der Spatzen auf dürrem Gezweig.
Aber nicht blüht mir Freund noch Feind auf der Erde,
Ferne Wege gehe ich durch das Feld hin.

Ich zertrat das Gebot:
„Ringe, o Mensch, dich zu freuen und Freude zu geben den andern!“
Düster umwandle ich mich,
Vermeidend die Mädchen und Männer,
Seit mein weiches, bluttränendes Herz
Im Staube zerstießen, die ich verehrte.
Nie neigte sich meinem einsam jammernden Sinn
Die Liebe der Frauen, denen ihr Atmen ich dankte.
Ich, der Fröstelnde, lebe dies weiter. Lange noch.
Ferne Wege schluchze ich durch die Wüste.

Verzweiflung.