Auf jene fremden Kinder ging er zu
Und war bereit, an unbekannter Schwelle
Ein neues Leben dienend hinzubringen.
Ihm fiel nicht ein, den Reichtum seiner Seele,
Die frühern Wege und Erinnerung
Verschlungner Finger und getauschter Seelen
Für mehr als nichtigen Besitz zu achten.
Der Duft der Blumen redete ihm nur
Von fremder Schönheit, und die neue Luft
Nahm er stillatmend ein, doch ohne Sehnsucht:
Nur daß er dienen durfte, freute ihn.

Aus „Der Tod des Tizian“.

Gianino spricht:

Mir war, als ginge durch die blaue Nacht,
Die atmende, ein rätselhaftes Rufen.
Und nirgends war ein Schlaf in der Natur.
Mit Atemholen tief und feuchten Lippen,
So lag sie, horchend in das große Dunkel,
Und lauschte auf geheimer Dinge Spur.
Und sickernd, rieselnd kam das Sterngefunkel
Hernieder auf die weiche, wache Flur.
Und alle Früchte schweren Blutes schwollen
Im gelben Mond und seinem Glanz, dem vollen,
Und alle Brunnen glänzten seinem Ziehn,
Und es erwachten schwere Harmonien.
Und wo die Wolkenschatten hastig glitten,
War wie ein Laut von weichen, nackten Tritten …
Leis stand ich auf – ich war an dich geschmiegt –
Da schwebte durch die Nacht ein süßes Tönen,
Als hörte man die Flöte leise stöhnen,
Die in der Hand aus Marmor sinnend wiegt
Der Faun, der da im schwarzen Lorbeer steht,
Gleich nebenan, beim Nachtviolenbeet.
Ich sah ihn stehen still und marmorn leuchten;
Und um ihn her im silbrig Blauen, Feuchten,
Wo sich die offenen Granaten wiegen,
Da sah ich deutlich viele Bienen fliegen,
Und viele saugen, auf das Rot gesunken,
Von nächt'gem Duft und reifem Safte trunken.
Und wie des Dunkels leiser Atemzug
Den Duft des Gartens um die Stirn mir trug,
Da schien es mir wie das Vorüberschweifen
Von einem weichen, wogenden Gewand
Und die Berührung einer warmen Hand.
In weißen, seidig weißen Mondesstreifen
War liebestoller Mücken dichter Tanz,
Und auf dem Teiche lag ein weicher Glanz
Und plätscherte und blinkte auf und nieder.
Ich weiß es heut nicht, ob's die Schwäne waren,
Ob badender Najaden weiße Glieder,
Und wie ein süßer Duft von Frauenhaaren
Vermischte sich dem Duft der Aloe …
Und was da war, ist mir in eins verflossen:
In eine überstarke, schwere Pracht,
Die Sinne stumm und Worte sinnlos macht.

Aus „Der Abenteurer und die Sängerin“.

Der Baron spricht:

Ich will hier Feste geben. Schaff mir Löwen,
Die Blumensträuße aus dem Rachen werfen!
Vergoldete Delphine stell vors Tor,
Die roten Wein ins grüne Wasser spein!
Nicht drei, nicht fünf, zehn Diener nimm mir auf
Und schaff Livreen. An den Treppen sollen
Drei Gondeln hängen voller Musikanten
In meinen Farben.
Ich will den Kampanile um und um
In Rosen und Narzissen wickeln. Droben
Auf seiner höchsten Spitze sollen Flammen
Von Sandelholz, genährt mit Rosenöl,
Den Leib der Nacht mit Riesenarmen fassen.
Ich mach' aus dem Kanal ein fließend Feuer,
Streu so viel Blumen aus, daß alle Tauben
Betäubt am Boden flattern, so viel Fackeln,
Daß sich die Fische angstvoll in den Grund
Des Meeres bohren, daß Europa sich
Mit ihren nackten Nymphen aufgescheucht
In einem dunkleren Gemach versteckt
Und daß ihr Stier geblendet laut aufbrüllt!
Mach Dichterträume wahr, stampf aus dem Grab
Den Veronese und den Aretin,
Spann Greise vor, bau eine Pyramide
Aus Leibern junger Mädchen, welche singen!
Die Pferde von Sankt Markus sollen wiehern
Und ihre ehrnen Nüstern blähn vor Lust!
Die oben liegen in den bleiernen Kammern
Und ihre Nägel bohren in die Wand,
Die sollen innehalten und schon meinen,
Der Jüngste Tag ist da, und daß die Engel
Mit rosenen Händen und dem wilden Duft
Der Schwingen niederstürzend jetzt das Dach
Von Blei hinweg, herein den Himmel reißen! …

* * *

Derselbe spricht:

O hättest du gelernt wie ich zu leben,
Dir wäre wohl.
Ich achte diese Welt nach ihrem Wert,
Ein Ding, auf das ich mich mit sieben Sinnen
So lange werfen soll, als Tag' und Nächte
Mich wie ein ächzend Fahrzeug noch ertragen.
Leben! Gefangen liegen, schon den Tritt
Des Henkers schlürfen hörn im Morgengrauen
Und sich zusammenziehen wie ein Igel,
Gesträubt vor Angst und starrend noch von Leben!
Dann wieder frei sein! atmen! wie ein Schwamm
Die Welt einsaugen, über Berge hin!
Die Städte drunten, funkeln wie die Augen!
Die Segel draußen, vollgebläht wie Brüste!
Die weißen Arme! Die von Schluchzen dunklen
Verführten Kehlen! Dann die Herzoginnen
Im Spitzenbette weinen lassen und
Den dumpfen Weg zur Magd, du glaubst mir nicht?