Am 12. Juni berichtet Konsul Rößler aus Aleppo:

„Von dem hier weilenden Katholikos von Sis wird die Seelenzahl der bisher verbannten Armenier auf über 30000 angegeben. Zeitun und Umgegend, ferner Alabasch, Albistan, Dörtjol, Hassan-Beyli sind vollständig geräumt. Es sind nicht nur die Familien, die „nicht ganz einwandfrei“ schienen, verbannt worden, sondern die ganze Bevölkerung, sogar die Familien der im Heeresdienst stehenden Soldaten... Damit geht die Regierung weit über den Zweck notwendiger Vorbeugungsmaßregeln hinaus.“

Am 18. Juni meldet von Scheubner-Richter aus Erzerum das erste Massaker:

„Vernichtung der ausgewiesenen Armenier auf dem Wege über Ersindjan nach Kharput.“ Es handelte sich, wie erst später bekannt wurde, um die von Kurden und Regierungstruppen der 86. Kavalleriebrigade unter Führung ihrer Offiziere vom 10. bis 14. Juni verübte Abschlachtung von 20 bis 25000 Deportierten, fast nur Frauen und Kinder, in der Kemachschlucht, 12 Stunden von der Garnisonstadt Ersindjan, dem Sitz des Kommandos des 3. Armeekorps.

Der Botschafter drahtet an den Konsul (21. Juni):

„Ich bitte dem Wali eindringlich vorzustellen, daß solche schmachvollen Vorfälle das Ansehen der Regierung im neutralen Auslande und bei den Freunden der Türkei schädigen und die Autorität der Behörden im Inland untergraben... Pflicht der Ortsbehörden ist es, solche Vorkommnisse mit allen Mitteln zu verhindern, wenn sie nicht eine schwere Verantwortung auf sich laden wollen.“

In gleichem Sinne erhebt der Botschafter Vorstellungen bei der Pforte. Auch die Massenausweisungen in Cilicien hatte der Botschafter bei dem Minister des Innern zur Sprache gebracht. Die ungewollte Folge dieses Schrittes war die Enthebung des Walis Djelal Bey von Aleppo, des einzigen Walis, der in seinem Wilajet sich den Maßregeln der Regierung mit Erfolg widersetzt hatte. Auch die Vorstellungen der Konsuln blieben wirkungslos oder hatten das entgegengesetzte Resultat.

Bis gegen Ende Juni konnte es immer noch den Anschein haben, als ob die Maßregel sich auf die strategisch bedrohten Grenzgebiete (Cilicien, Erzerum) beschränken würde. Ende Juni läßt die Regierung den Schleier fallen. A tempo setzen in allen ostanatolischen Wilajets, auch in den mittleren Provinzen (die Hunderte von Kilometern vom Kriegsschauplatz abliegen), Massendeportationen ein, die ausnahmslos mit Konfiskation aller Habe, Abschlachtungen der männlichen Bevölkerung und Raub von jungen Frauen und Töchtern verbunden sind. Jetzt bestand kein Zweifel mehr, daß es sich nicht um militärische Maßnahmen zur Sicherung des Reiches, sondern um eine planmäßige Vernichtung des armenischen Volkes handelte. Es folgen Schlag auf Schlag:

Ich führe hier nur die Hauptplätze an mit den Daten, an denen sie von den Konsuln gemeldet wurden. Die Verschickung betraf aber nicht nur diese Plätze, sondern die gesamte armenische Stadt- und Landbevölkerung in Ost- und Westanatolien, Cilicien und Mesopotamien (mit Ausnahme von Konstantinopel, Smyrna und Aleppo), im ganzen 1400000 Armenier, Männer, Frauen und Kinder.