Die Ausweisung wurde in der Regel nur wenige Tage oder Stunden vorher angekündigt. Die Ausgewiesenen mußten alle ihre Habe, Häuser, Äcker, Vieh, Hausgerät, Werkzeuge, zurücklassen. Die Deportation war zugleich eine Gesamtkonfiskation des armenischen Volksvermögens. Wo erlaubt wurde, Wagen oder Transporttiere mitzunehmen, wurden sie den Emigranten von den begleitenden Gendarmen auf dem Wege wieder abgenommen. Ebenso Geld, Schmucksachen und was sich sonst noch in ihren Händen befand. Die Männer wurden von Frauen und Kindern getrennt, abseits geführt und getötet. Die jüngeren Frauen und Mädchen, auch Kinder, in türkische Harems und kurdische Dörfer verkauft oder verschleppt. Was nach monatelangen Wanderungen am Verschickungsziel, den Rändern der arabischen Wüste, ankam, waren Haufen von zerlumpten, ausgehungerten, bettelarmen Menschen, meist nur Greise, ältere Frauen und Kinder.

Am 31. August erklärt Talaat Pascha dem stellvertretenden deutschen Botschafter Fürst Hohenlohe-Langenburg[11] — wenn auch in anderem Sinne — „La question armenienne n’existe plus.“

4. Die Schritte der Botschafter bei der Pforte.

Was haben die deutschen Botschafter zur Abwehr des Unheils und zur Eindämmung seiner verhängnisvollen Folgen getan?

Durch die Ankündigung von Verschickungen „nicht ganz einwandfreier Familien“ aus den „insurgierten Zentren“ war die Deutsche Botschaft über den Charakter und die Tragweite des Komiteebeschlusses getäuscht worden. Es handelte sich nicht um „Familien“, sondern um das ganze armenische Volk; nicht um „insurgierte Zentren“, sondern um ganz Anatolien und Mesopotamien. Bis in die innersten Provinzen hinein wurde jede Stadt und jedes Dorf, in dem Armenier wohnten, für „insurgiert“ erklärt, obwohl es im ganzen Deportationsgebiet, seit Wan in russischen Händen war, überhaupt keine „Insurrection“ gab. Aber, nach dem provisorischen Gesetz vom 27. Mai genügte ja „Verdacht“ als Grund, um der Verschickung zu verfallen.

Aus den Konsularberichten ergab sich, daß die Verbannung der Armenier keineswegs nur durch militärische Notwendigkeiten motiviert war. Der armenische Patriarch äußerte sich auf der Botschaft dahin, „daß die Maßregeln der Pforte nicht nur die zeitweilige Unschädlichmachung der armenischen Bevölkerung, sondern ihre Ausrottung bezwecke“. Ja, dem Minister des Innern Talaat Bey entfiel einem Botschaftsmitgliede gegenüber die Äußerung, „daß die Pforte den Weltkrieg dazu benutzen wolle, um mit ihren inneren Feinden“ — den einheimischen Christen — „gründlich aufzuräumen, ohne dabei durch die diplomatische Intervention des Auslandes gestört zu werden“.

Die weit verbreitete Meinung, daß die deutsche Regierung auf die innere Politik der Türkei einen nennenswerten Einfluß hatte, wurde von Talaat Bey nicht geteilt. Er wußte sehr wohl, daß Deutschland bis zum Eintritt Bulgariens in den Krieg (5. Oktober 1915) keinerlei Machtmittel in der Türkei besaß, um seinen Wünschen Nachdruck zu verleihen. Bis es soweit kam, hoffte die Pforte die „Armenische Frage“ erledigt zu haben. Die Zahl der deutschen Offiziere und Mannschaften, die sich im Monat April in der Türkei befanden, war eine äußerst geringe, von Militärhandwerkern abgesehen, 75 Offiziere und 150 Mann. Solange die Verbindung zwischen den Mittelmächten und der Türkei durch die Neutralität von Bulgarien gesperrt war, konnte von einer Verstärkung der deutschen Truppen in der Türkei und einem Schutz der christlichen Glaubensgenossen überhaupt nicht die Rede sein. Erst seit Oktober 1915 sind größere deutsche Mannschaftsbestände und auch dann hauptsächlich zum Schutz der Dardanellen in die Türkei gekommen. Im Innern von Anatolien gab es, von einzelnen Offizieren abgesehen, die den türkischen Oberkommandos zugeteilt waren, überhaupt keine deutschen Truppen. Bis zum Eintritt Bulgariens in den Krieg war der Einfluß Deutschlands auf die türkische Regierung auch noch aus einem anderen Grunde sehr prekärer Natur. Die Pforte sah sich in ihren Erwartungen deutschen Beistandes getäuscht und mußte monatelang den Albdruck der Dardanellenstürme allein aushalten, ohne daß auch nur in kritischen Situationen in genügendem Maße Munition herbeigeschafft werden konnte. So fühlte sich die Pforte Deutschland keineswegs verpflichtet und ließ bei jeder Gelegenheit die Zentralmächte fühlen, daß sie die größten Opfer für die Bundesgenossen bringe, ohne Gegenleistungen zu empfangen, und daß sie es sich daher verbitten müsse, wenn man in ihre inneren Angelegenheiten hineinreden wolle.

Im Juni hatte sich der deutsche Botschafter Freiherr von Wangenheim darauf beschränkt, der Pforte die Meldungen aus dem Innern zur Kenntnis zu bringen und die deutschen Konsulate zu beauftragen, daß sie bei den Provinzialregierungen und Oberkommandos eindringliche Vorstellungen erheben sollten, um schmachvolle Dinge abzustellen. Als sich Ende Juni und Anfang Juli die Meldungen über Massendeportationen aus den Wilajets häuften, und es ersichtlich geworden war, daß es sich keineswegs um lokal begrenzte Aussiedelungen aus militärischen Gründen, sondern um Vernichtungsmaßregeln handelte, überreichte der Botschafter dem Großwesir Said Halim Pascha

das Memorandum vom 4. Juli.