Abschriften gingen den Ministern des Äußern und des Innern zu. Ein Bericht vom 7. Juli an den Reichskanzler begründete den Schritt.
Im Memorandum erneuert der Botschafter seine Zustimmung zu Maßnahmen in den ostanatolischen Provinzen, „die durch militärische Gründe diktiert sind und ein Mittel legitimer Verteidigung bilden“, und fährt dann fort:
„Andererseits kann die deutsche Regierung die Gefahr nicht verhehlen, die durch diese rigorosen Maßregeln und besonders durch Massenverschickungen, die unterschiedslos Schuldige und Unschuldige treffen, geschaffen werden, noch dazu, wenn diese Maßnahmen von Gewaltakten, wie Massakres und Plünderungen, begleitet sind. Unglücklicherweise sind die Lokalbehörden nach den der Botschaft zugegangenen Informationen nicht imstande gewesen, Vorgänge dieser Art zu verhindern, die in jeder Beziehung bedauernswert sind. Die feindlichen Mächte werden davon Nutzen ziehen, um die Agitation unter den Armeniern zu nähren, und die Nachrichten, die man im Ausland verbreiten wird, werden nicht ermangeln, eine lebhafte Erregung in den neutralen Ländern hervorzurufen, vor allem in den Vereinigten Staaten, deren Vertreter seit einiger Zeit begonnen haben, sich für das Schicksal der Armenier in der Türkei zu interessieren.“
Sodann wird die Pforte auf die Folgen aufmerksam gemacht, die sich aus ihrem Verhalten zu ihrem eigenen Schaden ergeben müssen:
„Es ist vorauszusehen, daß mit dem Friedensschluß die Armenische Frage von neuem den fremden Mächten zum Vorwand dienen wird, um sich in die inneren Angelegenheiten der Türkei zu mischen. Die Botschaft hält es für dringlich, den Provinzialbehörden peremptorische Befehle zugehen zu lassen, daß sie wirksame Maßnahmen treffen, um Leben und Eigentum der verschickten Armenier sicher zu stellen, sowohl auf dem Transport als auch in den neuen Wohnsitzen.“
Eine Antwort auf dies Memorandum vom 4. Juli erhielt die Botschaft erst — am 22. Dezember.
In der Folgezeit fuhr die Botschaft fort, alle Vorgänge im Innern, die zu ihrer Kenntnis kamen, bei der Pforte zur Sprache zu bringen, und ließ in erneuten Vorstellungen keinen Zweifel über ihre Mißbilligung der fortgesetzten Gewalttaten aufkommen. Die wachsende Beunruhigung in den christlichen Kreisen Deutschlands, die Erregung der Neutralen, die Anklagen der feindlichen Mächte, die vorauszusehenden Folgen für den wirtschaftlichen Ruin der Türkei, die ungünstigen Bedingungen, die sie sich für die Friedensverhandlungen schaffe, blieben das dauernde Thema aller mündlichen und schriftlichen Einwirkungen auf Großwesir und Minister. Doch alles war in den Wind geredet.
„Die Pforte“, schreibt Herr von Wangenheim am 16. Juli, kurz vor seiner Abreise resigniert an den Reichskanzler, „fährt trotz der wiederholten eindringlichen Vorstellungen, die wir dagegen erhoben haben, fort, die Armenier zu deportieren und durch die Ansiedelung in unwirtlichen Gegenden der Vernichtung preiszugeben. Wir können sie nicht daran hindern und müssen ihr die Verantwortung für die wirtschaftlichen und politischen Folgen dieser Maßregel überlassen.“
Fürst Hohenlohe-Langenburg, der zur Vertretung des Botschafters nach Konstantinopel gesandt wurde, kommt in seinen sofort aufgenommenen persönlichen Besprechungen mit den maßgebenden Männern zu demselben negativen Ergebnis. Said Halim Pascha, Talaat Bey, Enver Pascha und Halil Bey verschanzen sich bei allen ihren Äußerungen unentwegt hinter den Rechten der Souveränität, die nach Aufhebung der Kapitulation keiner fremden Macht — also auch Deutschland nicht — gestatte, sich in die inneren Angelegenheiten des Osmanischen Reiches einzumischen. Daneben nehmen sie zu Ableugnungen, Ausflüchten und vagen Versprechungen ihre Zuflucht.
„Alle diesseitigen Vorstellungen“, so faßt Fürst Hohenlohe das Ergebnis aller Bemühungen zusammen (2. August), „haben sich gegenüber dem Entschluß der Regierung, die einheimischen Christen in den östlichen Provinzen unschädlich zu machen, als unwirksam erwiesen.“