Die Botschaft fuhr trotzdem fort, weitere Vorstellungen zu erheben. So verwandte sie sich wiederholt für die katholischen und protestantischen Armenier, denen die Pforte mit Rücksicht auf den Papst und die dringenden Vorstellungen des amerikanischen Botschafters die Vergünstigung des Verbleibens in ihren Wohnsitzen zugesagt, aber später wieder zurückgezogen hatte. Auch diese Schritte blieben erfolglos. Ebenso wurden Ausnahmen für Beamte der Ottomanbank, der Tabakregie, alleinstehende Frauen und Kinder, Schwangere, Kranke, Blinde, Familien der Heeresangehörigen und einzelne Personen trotz der Verwendung der Botschaft wieder rückgängig gemacht.

Erst am 2. September scheinen die unermüdlichen Schritte des Botschafters auf Talaat Bey Eindruck zu machen. Er überreicht eine Reihe telegraphischer Befehle an die Provinzialbehörden, um durch sie den Beweis zu liefern, daß die Zentralregierung ernstlich bemüht sei, den Ausschreitungen ein Ende zu machen und für die Verpflegung der Ausgewiesenen Sorge zu tragen. Die Botschaft unterrichtet die Konsuln von den Befehlen der Regierung.

Es dauert nur eine Woche, so laufen von den Konsulaten im Verschickungsgebiet aus Mossul (9. 9.), Aleppo (9. und 12. 9.), Adana (10. und 13. 9.) Berichte ein: die Befehle der Pforte an die Wilajets blieben wirkungslos, die Verschickungen dauerten fort, die Zahl der Hungerleidenden wüchse, die Maßregeln, selbst gegen Witwen, Waisen, Kranke, Blinde und Soldatenfamilien würden verschärft. Der von der Pforte zur Organisation der Deportiertenversorgung nach Cilicien entsandte Inspektor Ali Munif Bey, statt die Maßregeln zu mildern, hebe die noch bestehenden Vergünstigungen auf. „Die Behörden“, schreibt Konsul Dr. Büge aus Adana, „handeln selbstredend nur nach der zweiten Weisung und fahren mit der Ausweisung ohne Unterschied des Bekenntnisses fort. Die von der Pforte der Kaiserlichen Botschaft gemachte Mitteilung ist lediglich eine dreiste Täuschung.“

Das Spiel der Versprechungen hebt aufs neue an. Zusicherungen werden gegeben, eingeschränkt, erneuert, wieder zurückgezogen, wieder erneuert, wieder zurückgezogen, Versprechungen niemals eingehalten. Eine Reihe fortgesetzter diplomatischer Schritte erfolgt wegen der drohenden Verschickung der Armenier von Konstantinopel, die heimlich bereits zu Tausenden abgeschoben waren, deren Gesamtverschickung durch Registrierung von weiteren 70000 vorbereitet wird.

Der im Dezember eintreffende neue Botschafter Graf Wolff-Metternich nimmt sogleich die Verhandlungen auf. Er bespricht erst mit Enver Pascha, Halil Bey, Djemal Pascha, dann mit dem Großwesir Said Halim Pascha „die Armeniergreuel“. Er weist darauf hin, „daß Unruhe und Empörung, auch im befreundeten Ausland und in Deutschland, weite Kreise ergriffen haben und der türkischen Regierung schließlich alle Sympathien entziehen würden, wenn nicht Einhalt geschehe“. Über den Erfolg seiner Schritte schreibt er am 9. Dezember an den Reichskanzler:

„Ich möchte glauben, daß meine Vorstellungen doch nicht ganz vergeblich gewesen sind... Djemal Pascha, der auch zu den Türken gehört, die sich schämen, hatte bisher beim Komitee Widerstand bei der Durchführung seiner Wünsche gefunden. Ganz neuerdings werden sie dagegen, wie mir der Chef seines Stabes, Oberst von Kreß, mitteilt, gewährt. Er schreibt dies meinem Einschreiten zu.“

Am 18. Dezember spricht der Botschafter mit Talaat Bey, der aus Anatolien zurückgekehrt ist, und berichtet darüber.

Talaat Bey habe erklärt, „er habe umfassende Maßnahmen zur Ernährung der abgeschobenen armenischen Familien getroffen. Vergehungen gegen Eigentum und Leben der Armenier würden streng bestraft. Es seien kürzlich noch über 20 Personen, die sich dieser Vergehungen schuldig gemacht hätten, hingerichtet worden... Augenblicklich fänden nirgends mehr Abtransporte statt und die Regierung suche die im Gefolge der Verschiebungen entstandenen Übelstände zu mildern... Die katholischen und protestantischen Armenier könnten, soweit dies möglich sei, in ihre Heimat zurückkehren“.

„Im Laufe der Unterhaltung“, berichtet der Botschafter an den Reichskanzler, „ergab sich die merkwürdige Auffassung bei Talaat Bey, die ich auch schon bei seinen Kollegen gefunden habe, daß wir in ähnlichem Falle ebenso gehandelt hätten und eine revolutionäre Bewegung in Deutschland mit Gewalt ausrotten würden. Ich fand immer wieder Verständnislosigkeit für den Gesichtspunkt, daß, um Schuldige zu treffen, nicht Unschuldige leiden, und daß nur bewiesene Vergehen bestraft werden dürften. Ich habe dem Minister auseinandergesetzt, daß wir niemals ähnlich handeln und nur den einer Schuld Überführten bestrafen würden.