Für die Sicherheit der Deportierten während des Transports hat der Wali mir beruhigende Versicherungen gegeben. Ich vertraue auch seiner Energie und seinem guten Willen, daß innerhalb seines Machtbereiches den Armeniern nichts zustoßen wird. Indessen deuten Anzeichen darauf hin, daß an anderen Orten an eine Ausrottung der Armenier gedacht wird. So sind zwischen Erzindjan und Diarbekr Armenier auf der Bergstraße, angeblich von Kurden, niedergemetzelt worden, und größere Banden von Wegelagerern unter französisch sprechenden Führern haben sich bei Erzerum und Baiburt gezeigt. Es ist immerhin auffallend, daß in jener Gegend, welche bisher unbedingt sicher war, sich größere Banden bilden können. Ohne für meine Meinung Beweise bringen zu können, vermag ich mich des Eindrucks nicht zu erwehren, daß das jungtürkische Komitee als treibende Kraft für das Vorgehen gegen die Armenier anzusehen ist. Das Zentralkomitee scheint auf diese Weise der armenischen Frage endgültig ein Ende machen zu wollen. Denn diejenigen Armenier, welche ihren Bestimmungsort wirklich erreichen, werden nur ausnahmsweise später in ihre alten Wohnsitze zurückkehren. Den Meisten unter ihnen wird es schon an den nötigen Mitteln fehlen. Damit wird es künftig keine Provinzen mit einem starken Prozentsatz armenischer Bevölkerung mehr geben. Die Lokalkomitees der Jungtürken hoffen bei der Deportierung der Armenier aus der Aneignung von deren Gütern reichen Privatgewinn zu finden, und bei der Abhängigkeit der meisten Verwaltungsbehörden vom Komitee werden sie sicher in ihrer Berechnung sich nicht getäuscht haben.

Meine hiesigen Kollegen haben ihren Botschaften in Konstantinopel von dem Ausweisungsbefehl telegraphisch Kenntnis gegeben. Die Vertreter von Italien und Amerika, denen ein chiffrierter Verkehr mit ihren Botschaften nicht gestattet ist, haben sich auf eine kurze Mitteilung der Tatsache beschränken müssen. Der Konsul von Österreich-Ungarn hat seine vorgesetzte Behörde auf die großen Gefahren, welche die Massendeportierung für Frauen und Kinder bietet, hingewiesen. Bei dem hiesigen Wali hat der österreichische Kollege für einige Kinder, der amerikanische Konsul für die seinem Schutze unterstellten persischen Armenier interveniert, beide erfolglos.

In den kritischen Tagen wurde die in nächster Nähe des Kaiserlichen Konsulats gelegene Polizeiwache militärisch verstärkt und meine Privatwohnung unauffällig von Militär bewacht. Einen Schutz meiner Person, auch für meine Ritte in die Stadt und zurück, habe ich abgelehnt.

Dr. Bergfeld.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.

110.

(Kaiserliches
Konsulat Mossul.)

Telegramm.

Abgang aus Mossul, den 10. Juli 1915.
Ankunft in Pera, den 11. Juli 1915.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.