„Aus Washington erfährt man, daß die Türkei die Bitte der Vereinigten Staaten von Amerika abgeschlagen hat, einem neutralen Komitee zu erlauben, in Syrien, wo Tausende von Einwohnern Hunger leiden, Hilfe zu schaffen.“

Ein von Djemal Pascha selbst in Damaskus in die Wege geleitetes Hilfswerk, für das der ehemalige Wali von Saloniki und Aleppo, Hussein Kjasim Bey, den besten Willen mitbrachte, hatte nach seinem eigenen Zeugnis das folgende Schicksal:

„Seine Maßregeln werden nicht nur nicht ausgeführt, sondern die Behörden handeln ihnen entgegen. Die Armenier, die er programmmäßig von Deraa nach Damaskus schicke, werden von den hiesigen Stadtbehörden wieder zurückgeschickt. Die Regierung stelle ihm viel zu wenig Geldmittel zur Verfügung, um wirksam der großen Not der Armenier entgegentreten zu können. Er sei ganz verzagt und glaube überhaupt nicht mehr an den ernsten Willen der türkischen Regierung, den ausgewiesenen Armeniern helfen zu wollen. Er fürchte sogar, daß man sie systematisch ausrotten wolle. Er höre, daß die nach Aleppo geleiteten Armenier wieder nach dem Osten, nach Mossul und Der es Zor gebracht würden, wahrscheinlich um den Beduinen zum Opfer zu fallen. Diese grausame Vernichtungspolitik sei eine Schmach für die Türkei und würde nach dem Frieden der Türkei sehr schaden und auch Deutschland in Verlegenheit bringen, weil es von der Welt beschuldigt würde, nicht wirkungsvoller für die Armenier eingetreten zu sein.“

Die Konzentrationslager aufzusuchen und an Ort und Stelle den Verhungernden Kleider, Brot oder Geld zu bringen, war nahezu unmöglich, da die Regierung es mit allen Mitteln zu verhindern suchte. Nur wenigen Deutschen ist es gelungen, die gewagte Expedition auszuführen. Den deutschen Schwestern war verboten, die Städte zu verlassen, obwohl sie sich gern allen Gefahren ausgesetzt hätten. Die Deutschen wurden um nichts besser als Neutrale behandelt. Unter den Verschickten und dem Hungertode Ausgelieferten fanden sich zahlreiche in deutschen Schulen und Waisenhäusern erzogene deutschsprechende Kinder. Das armenische Lehr- und Hilfspersonal deutscher Anstalten und Schulen, armenische Ärzte, Apotheker, Krankenschwestern deutscher Hospitäler wurden wahllos deportiert, eingekerkert, erschossen, gehängt und zum mindesten zwangsweise islamisiert. Den deutschen Waisenanstalten in Mamuret ul Asis wurden vier ihrer mit Waisenkindern angefüllten Häuser für Militärzwecke requiriert und nachher nicht einmal gebraucht. „Er war ein Schlag gegen die deutsche Arbeit.“

Die deutsche Botschaft tat, was sie konnte, um den Wünschen, die vom Papst, von evangelischen und katholischen Missions- und Hilfsgesellschaften an sie gelangten, bei der Pforte Nachdruck zu verleihen. Alles umsonst. Durch Sabotage der Barmherzigkeit sollte der Prozeß, der durch Totschlag, Hungersterben und Seuche das armenische Volk der Vernichtung zuführte, beschleunigt werden.

4. Das Großwesirat Talaat Paschas.

Talaat Pascha, an Stelle Said Halim Paschas Großwesir geworden, stellte sich am 15. Februar 1917 der Kammer vor und kündigte einen neuen Kurs in der inneren Politik der Pforte an. Herr von Kühlmann, der inzwischen Graf Wolff-Metternich auf dem Botschafterposten ersetzt hatte, berichtet darüber am 16. Februar an den Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.

„Innerhalb der einflußreichen Kreise gewann eine gemäßigte Richtung an Boden, die im Gegensatz zu dem rücksichtslosen, selbst vor blutiger Gewaltsamkeit nicht zurückschreckenden Nationalismus gewisser Komiteemitglieder eine verständige und tolerante innere Politik für die Türkei verlangte... Die in großem Umfange durchgeführte Armeniervernichtung und die in einzelnen kleineren Unternehmungen zutage tretenden Neigungen, auch dem griechischen Element gegenüber schonungslos vorzugehen, sind das Resultat dieser (nationalistischen) Richtung gewesen. Als Gesamtergebnis hat die Ausrottungspolitik dem türkischen Reiche schwer geschadet. Die Greuel des Armenierfeldzuges werden noch lange auf dem türkischen Namen lasten und noch lange denjenigen Waffen liefern, die der Türkei die Eigenschaft als Kulturstaat absprechen und die Austreibung der Türken aus Europa verlangen. Auch innerlich ist das Land durch den Untergang und die Verbannung einer körperlich kräftigen, arbeitsamen und sparsamen Bevölkerung ansehnlich geschwächt worden, besonders da Armut an Menschen eines der größten Hindernisse bei der rascheren Entwicklung der türkischen Bodenschätze bildet.“

„Im vertraulichen Gespräch habe ich Talaat Pascha gegenüber seit Beginn meiner hiesigen amtlichen Tätigkeit mit meiner Meinung über diese Frage nicht zurückgehalten. Daß er jetzt, zur Macht gelangt, in seiner ersten programmatischen Erklärung die Gleichberechtigung der ottomanischen Nationalitäten zum wichtigen Punkte des Regierungsprogrammes macht, ist mit Genugtuung zu begrüßen. Wie ich vertraulich höre, ist mit Einstellung der Armeniervertreibungen und mit Aufhören der an einzelnen Stellen hervorgetretenen Verfolgung gegen die Griechen bestimmt zu rechnen. Den Armeniern soll die Rückkehr in ihre alten Wohnplätze, soweit diese nicht als Kriegsgebiet zu betrachten sind, gestattet werden.“