Noch vordem die türkischen Truppen die Kaukasusgrenze überschritten und in die Distrikte von Kars, Ardahan und Batum einrückten, wandte sich die Botschaft im Auftrage des Auswärtigen Amtes (am 8./10. Februar 1918) an die Pforte und an die militärischen Befehlshaber mit dem dringenden Verlangen, daß einer Wiederholung der armenischen Greuel auf kaukasischem Boden unter allen Umständen vorgebeugt werden müsse. Halil Bey beteuerte (11. Februar), daß strengste Befehle erlassen seien. Auf Talaat Pascha, der zurzeit in Berlin war, wurde in gleichem Sinne eingewirkt. Zu gleicher Zeit wurde der Erlaß der versprochenen Amnestie, Beschaffung von finanziellen Beihilfen zum Wiederaufbau der zerstörten Dörfer und Rückführung der Deportierten dringend angeraten (11. Februar, 2./3. März 1918). Die neu einsetzende türkische Preßkampagne gegen die Armenier, die auf Enver Pascha zurückgeht, wird gerügt. „Berichte der Milli Agence“, drahtet der Unterstaatssekretär von dem Busche, „finden nach früheren Erfahrungen keinen Glauben mehr“ (17. März 1918).

Über den Erfolg dieser Schritte berichtet der neue Botschafter, Graf Bernstorff, am 17. März 1918: „Türkische Regierung scheint diesmal wirklich redlich bestrebt, Ausschreitungen zu verhindern.“ In dem gleichen Telegramm aber schildert er die gefährliche Stimmung, die der mühelose Vormarsch der türkischen Truppen in den Kaukasus in der Hauptstadt hervorgerufen hat:

„Abwesenheit Großwesirs ist lebhaft zu beklagen, da er allein imstande ist, Zügel in die Hand zu nehmen und Kundgebungen über armenische Politik zu erlassen. Alle sonstigen hiesigen maßgebenden Kreise befinden sich augenblicklich geradezu in einem Taumel von Siegesbewußtsein, Nationalismus und Panislamismus. Sie glauben, daß alle Muhammedaner Asiens nur darauf warten, den Türken die Bruderhand auszustrecken und eine Islamkonförderation zu gründen.... Der türkische Ehrgeiz geht augenblicklich noch mehr nach Baku als nach Batum. Vielleicht könnte Talaat Pascha veranlaßt werden, von Bukarest aus durch energische Instruktionen in die Behandlung der Armenier einzugreifen.“

Schon am 22. März kommen böse Nachrichten über türkische Massaker in den neu besetzten Gebieten, die, je weiter die Türken in den Kaukasus vorrücken, um so größeren Maßstab annehmen.

Enver Pascha, der am 24. April aus dem Kaukasus zurückkehrt, ist voller Optimismus. „Alles stehe im Kaukasus großartig für die Türken. Sie brauchten nur etwas weiter vorzurücken, dann werde Georgien Frieden schließen.“ Der Botschafter verlangt vom Großwesir eine Garantie in der Armenierfrage. Talaat Pascha erwidert, er autorisiere ihn, amtlich auch zur Veröffentlichung mitzuteilen, „daß die Amnestie für friedliche Armenier nebst Geldbewilligung und Erlaubnis zur Rückkehr in die Heimat in Vorbereitung sei.“ Auf eine Rückfrage des Auswärtigen Amtes, „ob sich die Rückkehrerlaubnis auch auf die nach Rußland geflüchteten, oder nur auf die Deportierten beziehe“, erwidert Talaat Pascha: „Die Amnestie solle nur für die ‚hiesigen‘ Armenier gelten. Die nicht im Lande befindlichen (es handelt sich um ca. 250000) zurückzuholen, ‚sei gefährlich‘.“

Der Vormarsch der türkischen Truppen in den Kaukasus drängt die armenische Bevölkerung, die fluchtartig ihre Wohnsitze verläßt, in die von Tataren eingekeilten Distrikte des Gouvernements Eriwan zusammen. Mehr als eine halbe Million von Armeniern verlassen in der ersten Hälfte des April ihre Dörfer und überlassen ihre Kornfelder, die zur Ernte reifen, den türkischen Eindringlingen. Etwa 14000 Armenier im Alter zwischen 17 und 60 Jahren aus den okkupierten Distrikten werden, obwohl Enver Pascha durch eine Proklamation allen Zurückgebliebenen Sicherheit, Besitz und Freiheit garantiert hat, abgeführt und zum Arbeitsdienst gepreßt. Die Lage der armenischen Flüchtlinge, die nackt und hungrig in Bergen und Wäldern hausen — die Kinder werden zum Grasessen auf die Weide getrieben —, verschlimmert sich von Woche zu Woche, von Monat zu Monat. Auf Bitten der armenischen Regierung im Kaukasus und ihres Delegierten Aharonian in Konstantinopel fordert das Auswärtige Amt und die Botschaft von der türkischen Heeresleitung die Rückkehrerlaubnis für die geflüchteten Armenier. Der türkische Oberkommandierende Essad Pascha verweigert sie, ebenso ablehnend antwortet Enver Pascha auf ein Telegramm der Obersten Heeresleitung. Am 9. Juni läßt Feldmarschall Hindenburg an Enver Pascha drahten:

„Im Namen der Obersten Heeresleitung ersuche ich Euer Exzellenz, anzuordnen, daß alle türkischen Truppen aus dem kaukasischen Gebiet, mit Ausnahme der Bezirke Kars, Ardahan und Batum, zurückgezogen werden.“

Enver Pascha kommt dem Ersuchen nicht nach und weigert sich in einem langen Telegramm vom 3. August an Feldmarschall von Hindenburg, die halbe Million von geflüchteten Armeniern in ihre widerrechtlich besetzten heimatlichen Dörfer zurückkehren zu lassen.

Der deutsche Delegierte im Kaukasus, Freiherr von Kreß, drahtet am 4. August, daß nur baldige Hilfe der Mittelmächte Armenien vom Untergang retten könne. „Kleines jetziges Armenien kann nicht einmal seßhafte Bevölkerung ernähren, geschweige denn die zurzeit dort befindlichen 3–500000 Flüchtlinge... Armenien wird von Türken ringsum hermetisch abgeschlossen, diese verhindern jeglichen Handel und Verkehr, veranlassen Abwanderung tatarischer und persischer Bevölkerung, so daß armenische Regierung Angriff auf Eriwan befürchtet. Türken haben auch hier Bedingungen Batumer Friedens nicht eingehalten, sondern halten jenseits Batumer Grenze wichtige Gebiete besetzt... Zurzeit sind produktionsfähige Gebiete fast sämtlich von Türken besetzt, welche sie planmäßig ausrauben. Trotz Vertrags führen sie besonders große Baumwollvorräte aus. Die Ernte zum Teil von Türken eingebracht, zum Teil geht sie zugrunde. Armenier stellen, ebenso wie ich, bestimmt in Abrede, daß es zwischen beiden Staaten zu Kämpfen kommt, wenn Türken sich auf Batumer Grenze zurückziehen. Envers gegenteilige Behauptung nur Vorwand, um für die völlige Zerstörung und Ausbeutung des vertragswidrig besetzten Landes Zeit zu gewinnen.“