Trotz dieser Erklärungen hatte sich die Türkei über alle Bestimmungen des Vertrages von Brest-Litowsk hinweggesetzt. Bei der Volksabstimmung in den drei Distrikten Kars, Ardahan, Batum beschränkte sie sich darauf, „die Willensäußerung nur der muhammedanischen Bevölkerung herbeizuführen“ und behandelte die drei Distrikte, deren Schicksal dem Selbstbestimmungsrecht der überwiegend christlichen Bevölkerung überlassen bleiben sollte, als rechtmäßig einverleibte Gebiete. In Wahrheit ging sie auf die Eroberung des ganzen Kaukasus aus.
Die Schicksalstragödie des armenischen Volkes fand endlich in der Katastrophe von Baku ihren schauerlichen Abschluß. Trotz der Warnungen des deutschen Oberstleutnant Paraquin, der dem Generalstab der türkischen Belagerungsarmee angehörte und rechtzeitige Vorbeugungsmaßnahmen verlangte, läßt der Oberkommandierende, Nury Pascha, ein jüngerer Bruder Enver Paschas, nach dem Fall der Stadt alle Vorkehrungsmaßregeln außer acht und läßt der tatarischen Bevölkerung Zeit, drei Tage lang die Stadt zu plündern und die christliche, hauptsächlich armenische Bevölkerung, zu massakrieren. Während die Schießereien und das Geschrei der unschuldigen Opfer des fanatischen Tatarenhasses die Straßen durchhallen, hält Nury Pascha vor der Stadt eine Parade ab und setzt sich mit seinen Offizieren im Hotel Metropol zur Tafel. Bei dem Festmahl wird das Kaukasuslied gespielt und mit unverhohlenem Triumph dem deutschen Offizier der Inhalt übersetzt, daß nunmehr die Türkei sich ihr altes Eigentum, den Kaukasus, wiederholen werde.
Trotz des energischen Einspruchs der deutschen Offiziere, des dänischen und schwedischen Konsuls läßt Nury Pascha die Tataren wie die Wilden hausen. Nicht einmal die fremden Bewohner der Stadt werden geschützt, der Mord zweier Deutschen später einfach abgeleugnet. Es kommt zu einem Auftritt bei dem Festmahl zwischen Oberstleutnant Paraquin und Nury Pascha, mit dem Erfolg, daß der deutsche Offizier von Halil Pascha, dem Chef der Ostarmee, — seiner Stellung enthoben wird.
Am 15., 16. und 17. September wurden zwischen 20 und 30000 Armenier in Baku hingeschlachtet. Vorhergingen die Massakers von Karakilissa, Ardahan, Olti und Katharinenfeld, denen mindestens die gleiche Zahl zum Opfer fiel. Es folgten Nuchi und Aresch.
Doch alles dies war nur das Nachspiel zu der Vernichtung des armenischen Volkes in der Türkei.
V. Der Charakter der Ereignisse.
1. Die Deportation, eine administrative Maßregel.
Die Frage der Verantwortlichkeit für die Gesamtdeportation und ihre Folgen bedarf nach der Veröffentlichung der deutschen Dokumente keiner Erörterung mehr. Die türkische Regierung und ihre leitenden Minister bekennen sich selbst zu der Urheberschaft der von ihnen angeordneten Maßregel. Jede von außen kommende Anregung oder Mitverantwortung, insbesondere von Seiten Deutschlands, wird von ihnen nicht nur bestritten, sondern im Prinzip abgelehnt. In einer Druckschrift, die am 1. März 1916 von der Pforte an die Vertretungen der fremden Mächte in Konstantinopel verteilt wurde, heißt es:
„Die Behauptungen, wonach diese Maßnahmen der Hohen Pforte durch gewisse fremde Mächte suggeriert seien, sind von Grund aus haltlos. Die Kaiserliche Regierung, fest entschlossen, ihre absolute Unabhängigkeit aufrecht zu erhalten, würde selbstverständlich keinerlei Einmischung, unter welcher Form auch immer, in ihre inneren Angelegenheiten dulden, und wäre es selbst von seiten ihrer Freunde und Bundesgenossen.“[16]