Über die Vergeltungsakte, die die Armenier in den östlichen Wilajets (nach dem Rückzug der türkischen Truppen vor der russischen Armee) in den von ihnen wiederbesetzten Gebieten an der muhammedanischen Bevölkerung verübt haben sollen, liegen nur türkische Nachrichten vor. Sie bewegen sich, wie immer, in phantastischen Zahlen und betreffen:
1. das Gebiet von Wan für die Zeit zwischen der Entsetzung von Wan, 17. Mai bis Ende Juni 1915: Enver Pascha erzählt dem Korvettenkapitän Humann: „Die Armenier, verleitet und aufgestachelt durch russische Agenten, haben so gründlich gegen die ottomanische Bevölkerung gewütet, daß von den 150000 Türken, die früher das Wilajet Wan aufzuweisen hatte, nur noch 30000 Muhammedaner am Leben sind.“
2. Bitlis. Aus der Zeit der Einnahme von Bitlis durch die Russen, Anfang März 1916, wird berichtet: „Armenische Banden haben dort Blutbad unter der Bevölkerung angerichtet, das angeblich 2–3000 Opfer gekostet hat.“
3. Ersindjan und Erzerum, Dezember 1917 und Januar 1918 (vor dem Rückzug der russischen Truppen und armenischen Freischaren aus den besetzten Gebieten): einige hundert.
4. Im Gebiet von Kars (vor dem Einmarsch der türkischen Truppen in die im Frieden von Brest-Litowsk preisgegebenen drei Distrikte), Frühjahr 1918: Nach Aussage Enver Paschas hat sich „seit der letzten russischen Zählung allein im Gebiet von Kars die Zahl der muselmanischen Einwohner um 45000 vermindert, welche alle den Verfolgungen der Armenier erlegen sind“.
In allen vier Fällen handelt es sich um türkische Angaben, die durch unabhängige Quellen nicht bestätigt, in der Hauptsache aber als groteske Übertreibungen erweisbar sind. Denn die Zahlen der türkischen Berichte lassen sich meist auch ohne nähere Kenntnis der Einzelvorgänge nachprüfen und um verschiedene Stellen kürzen.
Die von Enver Pascha gegenüber Kapitän Humann genannte Zahl von 150000 Türken des Wilajets Wan, von denen nur noch 30000 am Leben geblieben sein sollen, hat eine Geschichte. Ich habe sie bereits im Jahre 1916, als sie zuerst in einem türkischen Kommuniqué auftauchte, untersucht.
In dem türkischen Kommuniqué vom 29. Juni 1915 heißt es:
„Von 180000 Muselmanen, die das Wilajet Wan bewohnen, haben sich kaum 30000 retten können. Der Rest blieb den Mordtaten der Russen und Armenier ausgesetzt, ohne daß man bis jetzt über deren Schicksal etwas erfahren konnte.“
Das Schicksal dieser 150000 Muselmanen also war nicht bekannt und auch nicht erfahrbar, da sie sich hinter der russischen Front befanden. Die 30000 sind diejenigen Türken, die beim Vormarsch der Russen in die Ebene von Musch geflüchtet sind. (Wie unzuverlässig auch diese Zahlen sind, ergibt sich aus der Tatsache, daß eben diese geflüchteten Muhammedaner am 17. Mai, auch nach einer türkischen Quelle, auf 80000 geschätzt wurden.)