Am 14. April d. J. trat ich von Konstantinopel die Reise nach meinem früheren Amtssitz Erzerum an. An Bord der „Gul Nihal“, die eigentlich nach dem von den Türken am 26. Februar d. J. zurückeroberten Trapezunt gehen sollte, befand sich Enver Pascha und das türkische große Hauptquartier. Da auf hoher See durch Funkspruch die Einnahme von Batum gemeldet wurde, so ließ Enver Pascha trotz erheblicher Minengefahr die „Gul Nihal“ nach Batum gehen und lief Trapezunt nur an, um den türkischen Oberbefehlshaber Wehib Pascha an Bord zu nehmen.

Bei dem Aufenthalt in Batum vom 18. bis 20. April konnte ich authentisch feststellen, daß die Türken, ebenso wie ich es in Trapezunt am 26. Februar beobachtet hatte, strenge Manneszucht hielten und den Einwohnern von Batum gegenüber Milde walten ließen. Die meisten Armenier waren aus Furcht vor Massakres aus Batum geflohen, jedoch erwies sich ihre Furcht als unbegründet und einige kehrten bereits dorthin zurück. Gewiß trug die persönliche Anwesenheit Enver Paschas, Wehib Paschas und des Generals von Seeckt zur Aufrechterhaltung der Disziplin bei. Es handelte sich hier um Truppen der 37. kaukasischen Division des Kjasim Bey, die sich bereits bei Trapezunt, Rize und Chope ausgezeichnet hatten.

Vom 22. bis 25. April hatte ich in Trapezunt Gelegenheit, griechische und persische Kaufleute zu sprechen, die ebenfalls keine Klagen über das Verhalten der Türken hatten. In Trapezunt war seit einigen Tagen der neue Wali eingetroffen und die Zivilverwaltung hatte wieder eingesetzt. Ich erfuhr Einzelheiten über die Verschickung der Armenier aus Trapezunt im Sommer 1915, wobei dieselben auf Mahonen verladen wurden, die jedoch nicht am Bestimmungsort Samsun ankamen, sondern mit Mann und Maus auf hoher See untergegangen sind[148]. Ich stellte authentisch fest, daß auf dieser tragischen Fahrt auch der mir persönlich aus Bagdad und Erzerum befreundete Armenier Regiedirektor Belekdjian mit seiner hochgebildeten Frau und seinen Söhnen umgekommen ist. Während der russischen Okkupation hat im Trapezunter Bezirk Ordnung geherrscht. Als jedoch nach der russischen Revolution vom Kaukasus aus armenische Regimenter nach Trapezunt in Garnison kamen, begannen trübe Zeiten für die Muselmanen. Nach dem Abzug der russischen Truppen im Februar 1918 hatten sich im Gebiet von Trapezunt und Erzindjan armenische Freischaren gebildet, die das Land gegen die vorrückenden Türken verteidigen wollten. Auf der Strecke von Trapezunt bis Erzindjan vom 25. bis 30. April passierte ich viele verwüstete Dörfer. Ob diese Verwüstungen von den armenischen Freischaren verübt worden sind, oder ob die abziehenden griechischen Einwohner vor den anmarschierenden Türken oder die abziehenden Türken vor den armenischen Freischaren selbst ihre Dörfer angezündet haben, war nicht festzustellen.

In Erzindjan verblieb ich vom 1. bis 4. Mai. Die Stadt, die ich in ihrer besten Blütezeit noch im Juni 1914 besucht hatte, war nicht wieder zu erkennen. Es sollen nach dem türkisch-kaukasischen Waffenstillstand im Dezember 1917 dort die Armenier unter Führung von Mrat Pascha ein Schreckensregime geführt haben. 600 Muselmanen im Alter von 3–70 Jahren sollen ermordet worden sein, Hunderte werden vermißt. Beim Abzug im März d. J. hatten die Armenier eine Mine gelegt, um die hervorragenden Regierungskonaks und das von Zeki Pascha erbaute Generalkommando zu sprengen; die Mine versagte jedoch. Am furchtbarsten sah das früher blühende armenische Viertel aus, das nach der Verpflanzung der Armenier aus Erzindjan nach Mesopotamien von den Türken okkupiert worden war. Der Bischofssitz, in dem ich dem armenischen Bischof gemeinsam mit dem englischen Konsul in Erzerum, Mr. Monahan, im Juni 1914 einen längeren Besuch abgestattet hatte, war völlig abgebrannt.

In Erzindjan erfuhr ich auch noch Einzelheiten von dem tragischen Ende des mir aus Erzerum befreundeten armenischen Bischofs Sinbad, der ein gern gesehener Gast im deutschen Konsulat in Erzerum gewesen war. Nach den mir gemachten Angaben ist Bischof Sinbad, den ich als einen überaus sympathischen und loyalen türkischen Armenier hochschätzte, im Juli 1915 auf dem Wege von Erzindjan nach Kemach, einige Kilometer von Erzindjan entfernt, von türkischen Gendarmen ermordet worden.

Zwischen Erzindjan und Erzerum hatte ich schon auf der Informationsreise im Juni 1914 festgestellt, daß außer dem Flecken Mamachatun, dem Sitz des Kaimakams des Kasa Terdjan, nur einige ganz kleine Weiler am Wege lagen. Mamachatun, um dessen Besitz von 1915 bis 1918 Russen und Türken heftig gekämpft hatten, war ein Trümmerfeld. Jetzt ist es türkische Etappenstation und von etwa 100 Muselmanen bewohnt. Seit Ende April war bereits wieder eine türkische Zivilverwaltung eingerichtet. Der Kaimakam sagte mir, daß alsbald von der türkischen Heeresleitung die Genehmigung zur Rückkehr der nach Kemach und Kharput geflüchteten muselmanischen Einwohner in ihre Ländereien zu erwarten sei. Von ihm erfuhr ich auch, daß der bisherige Wali von Sivas zum Wali von Erzerum ernannt sei und in einigen Tagen in Erzerum eintreffen solle.

In Erzerum verblieb ich vom 5. bis 8. Mai. Die Stadt, die bereits im Frieden einen trostlosen Eindruck gemacht hatte, war nun fast gänzlich verwüstet. Das deutsche Konsulat, das von den Kosaken am 7. Februar 1916 geplündert worden war, hatte bis zur Wiedereinnahme der Stadt durch die Türken als russisches Hospital gedient. Nun war es türkisches Hospital; in jedem der fünf Zimmer lagen 10 sieche türkische Soldaten.

Besonders stark hatte das armenische Viertel gelitten, in dem sich die armenischen Freischaren bis zum Einzug der Türken im April 1918 verteidigt hatten. Dieses Viertel war bereits von den Türken beim Abzug aus Erzerum zerstört worden, dann jedoch von den Russen wieder aufgebaut worden. Von den 10000 Armeniern, die ich im Jahre 1914 dort gekannt hatte, fand ich keinen mehr vor. Doch stellte ich mit Genugtuung fest, daß die beim deutschen Konsulat angestellten Armenier Solighian und Scherefian sowie alle österreichischen Schutzgenossen (die armenisch-römisch-katholischen Mechitaristen, sowie der armenisch unierte katholische Bischof) von den Türken im Sommer 1915 verschont worden waren und sich in Siwas und Konstantinopel in Sicherheit befinden. Dagegen war der mir befreundete zweite Direktor der Ottomanbank, Setrak Pasdirmadjian, ein Opfer der Leidenschaften geworden. Seine Töchter haben zwangsweise türkische Gendarmen geheiratet und sollen zurzeit in Urfa leben. In Erzerum selbst sollen bei dem Auszug der Armenier im Juni 1915 Ausschreitungen gegen das Leben der Deportierten nicht vorgekommen sein, da der Wali Tahsin Bey nur strikt den Ausweisungsbefehl aus Konstantinopel durchführte. Dem Führer der Daschnakisten in Erzerum, Rostom Effendi, war es gelungen, nach Rußland zu entkommen. Die nach der am 6. Februar 1916 erfolgten Einnahme von Erzerum durch Russen dort verbliebenen Muselmanen hatten ein trauriges Los. Viele wurden ins Gefängnis geworfen oder nach Sibirien verschickt. Ein neben mir im Todeskorridor der Zitadelle Tiflis inhaftierter Kurdenscheich wurde ohne kriegsgerichtliches Urteil auf Befehl des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch im Februar 1917 gehängt. Einwandfreie Augenzeugen, deutschstämmige russische Soldaten aus den deutschen Kaukasus-Wolga-Kolonien, hatten mir bereits in Tiflis übereinstimmend erzählt, daß russische und armenische Soldaten türkische Frauen und Kinder in Erzerum unter dem Vorwande, nach Waffen zu suchen, vergewaltigt und geschändet hätten. Einzelheiten über die gegen die Muselmanen von armenischer Seite verübten Racheakte teilte der belgische Journalist Simais in Tiflis mit, der im Stabe des Generals Tschernosuboff den Einmarsch der Russen von Persisch-Azerbeidjan nach Wan und Rewanduz mitgemacht hatte. Dabei sollen armenische Drujinen (Freiwilligenkorps) nach dem russischen Vormarsch auf Bitlis und Musch Einwohner der hinter der neuen russischen Front gelegenen türkischen Dörfer niedergemetzelt haben. Von türkischer Seite wurde dann noch erzählt, daß, als die russischen Soldaten im Januar 1918 freiwillig Erzerum verließen und die Armenier beschlossen, unter Leitung französischer Offiziere die besetzten Gebiete der Türkei zu verteidigen, die Muselmanen Erzerums furchtbaren Martern ausgesetzt worden seien. Hunderte von Muselmanen, Männer, Frauen und Kinder, seien in zwei gegenüberliegende Häuser eingesperrt worden, die alsdann angezündet wurden.

Von andrer Seite erfuhr ich jedoch auch, daß vorher die Türken bei der Wiedereroberung von Erzerum sämtliche in der Stadt zurückgebliebenen Armenier hatten über die Klinge springen lassen.