Neben meinen Pflichten als Pfarrer hatte ich gerade damals die Aufsicht über das Missions-Waisenhaus. Der Kommandeur ließ mich morgens holen und sagte mir, ich solle mich sofort zur Abreise bereit halten. „Ihre Frau muß auch gehen“, sagte er, „und die Kinder vom Waisenhaus.“ Wir trafen eilends unsere Vorbereitungen, denn wir durften nur wenig mit uns nehmen. Als wir fortzogen, sah ich mit trauerndem Herzen zurück auf unsere Kirche, die leer und verlassen stand. Die letzte Schar von unsern Landsleuten strömte das Tal hinunter in die Verbannung. Ich hatte in früheren Zeiten Massakers gesehen, aber etwas Ähnliches hatte ich niemals vorher gesehen. Ein Massaker ist wenigstens schnell vorüber, aber die verlängerte Seelenqual einer solchen Deportation ist fast nicht zu tragen.
Der erste Tagesmarsch erschöpfte uns alle. Als wir uns im Freien niederlegten, kamen im Dunkeln türkische Maultiertreiber und beraubten uns der wenigen Esel und Maultiere, die wir hatten. Am nächsten Tag erreichten wir in kläglichem Zustand Marasch: die Kinder mit geschwollenen und wunden Füßen. Durch dringende Fürsprache der amerikanischen Missionare erhielten wir für mich und meine Frau vom Gouverneur Erlaubnis, in mein Heimatdorf, Yughonoluk, das in der Nähe der See, 12 Meilen westlich von Antiochia, gelegen ist, zurückzukehren. Der Gouverneur gab die Erlaubnis nur aus dem Grunde, weil meine Frau und ich nicht Eingeborene von Zeitun waren. Mein Herz war geteilt zwischen dem Wunsch, dem Rest meiner Gemeinde in die Verbannung zu folgen, und dem Wunsch, meine Frau an einen Ort zu bringen, wo sie in meinem Elternhaus verhältnismäßig sicher war. Da der Reiseschein schon ausgestellt war, hatte ich keine Alternative, sondern mußte gehen.
In Aintab fanden wir die große armenische Gemeinde in großer Sorge, aber damals war noch nicht der Befehl gegeben, die Stadt zu verlassen. Gerüchte erreichten uns, daß auch die Dörfer am Meer bedroht waren, aber wir hielten es für das beste, unsern Weg nach Süden fortzusetzen, obgleich die Reise zu solcher Zeit schwierig war.
Der letzte Teil unseres Weges führte uns durch eine fruchtbare Ebene nach Antiochia. Reste der Römerstraße, die einst von Antiochia nach Seleucia ans Meer führte, sind noch in dem Tal unterhalb meines Heimatdorfes zu bemerken. Die steinernen Dämme der römischen Hafenbauten von Seleucia sind durch die Stürme und Erdbeben der Jahrhunderte noch nicht völlig zerstört worden.
Die Leute meines Heimatdorfes Yoghonoluk sind einfache fleißige Leute. Jahrelang war ihre Hauptbeschäftigung das Sägen und Handpolieren von Kämmen aus hartem Holz und Bein. Viele unserer Männer sind auch geschickte Holzschnitzer. In den Nachbardörfern sind die Hauptbeschäftigungen Seidenraupenzucht und Webereien für seidene Taschentücher und Shawls auf Handwebstühlen. Jedes Haus ist von Maulbeerbäumen umgeben, und viele schöne Obstgärten bedecken die terrassenartigen Abhänge nach Süden und Westen. Reisende, welche in Süditalien gewesen sind, erzählen uns, daß die Dörfer bei Neapel den unsern gleichen. Der breite rauhe Rücken des Musa-Dagh, der an den Djebel el Ahmar stößt, erhebt sich im Osten. Jede Schlucht und jede Klippe unseres Berges ist unsern Knaben und Männern bekannt. Unsere Leute lieben ihre Kirchen sehr, und seitdem die amerikanischen Missionare hier Schulen eröffnet haben, haben die meisten unserer Kinder Lesen gelernt.
Ich erwähne diese Dinge über mein Heimatsdorf, damit Sie etwas fühlen können von dem ruhigen glücklichen Leben, das durch diesen letzten Versuch der Türken, unsere Rasse auszurotten, so roh und so vollständig zerstört worden ist.
Achtzehn Tage, nachdem ich meine Heimat erreicht hatte, kam ein offizieller Befehl von der türkischen Regierung in Antiochia, daß die sechs Dörfer am Musa Dagh sich innerhalb sieben Tagen auf die Verschickung vorzubereiten hätten. Sie können sich die Bestürzung und Entrüstung kaum vorstellen, welche dieser Befehl verursachte. Wir saßen die ganze Nacht auf und überlegten, was wir am besten tun könnten. Es schien hoffnungslos, der türkischen Regierung zu widerstehen, und doch schien es eine so furchtbare Aussicht, unsere Familien in die ferne Wüste zu schicken, die von fanatischen Araberstämmen bewohnt wird, daß die Frauen sowohl als die Männer dahin neigten, sich dem Befehl zu widersetzen und lieber den Zorn der Regierung auf sich zu laden. Indessen waren nicht alle dieser Ansicht. Pastor Harutiun Nokhudian, der Pfarrer der protestantischen Kirche in Beytias, zum Beispiel kam zu der Überzeugung, daß es eine Torheit sein würde, Widerstand zu leisten, und daß die Härte der Verbannung vielleicht irgendwie gemildert werden könnte. Er war dafür, nachzugeben. Fünfzig Familien seines eigenen Dorfes und eine beträchtliche Zahl aus dem Nachbardorf die ihm zustimmten, trennten sich von uns und machten sich unter türkischer Bewachung nach Antiochia auf den Weg. Sie wurden in der Richtung auf den unteren Euphrat weitertransportiert. Wir haben alle Spur von ihnen verloren und hören vielleicht niemals wieder von ihnen.
Unsere Freunde, die amerikanischen Missionare, waren von uns abgeschnitten, 120 (engl.) Meilen weit nach Norden in Aintab. Da alle Verbindungen mit der Außenwelt abgebrochen waren, sahen wir uns auf unsere eigene Hilfe angewiesen, und es wurde uns klar, daß die Gnade Gottes unsere einzige Hoffnung war. Da wir wußten, daß es unmöglich sein würde, unsere Dörfer am Fuß der Berge zu verteidigen, entschlossen wir uns, uns auf die Höhen des Musa-Daghs zurückzuziehen. Wir nahmen soviel als möglich Nahrungsmittel mit und soviel Gerät, als möglich war zu tragen. Alle Schafe und Ziegenherden wurden den Berg hinaufgetrieben, und jede Verteidigungswaffe wurde instand gesetzt. Wir fanden, daß wir 120 Büchsen und Gewehre hatten und vielleicht dreimal soviel alte Feuersteinschloßgewehre und Sattelpistolen. Die Hälfte unserer Männer blieb noch ohne Waffen. Es wurde uns schwer, unsere Häuser zu verlassen und von unseren Kirchen und Schulen Abschied zu nehmen. Am dritten Tage erreichten wir bei Eintritt der Nacht die Höhen des Berges. Beim Morgengrauen des nächsten Tages waren alle Hände an der Arbeit, um an den wichtigsten Stellen Gräben zu graben. Wo keine Erde war, um Gräben zu graben, wurden Felsen aufeinandergerollt und daraus Barrikaden gemacht, hinter welchen unsere Schützen verteilt wurden. Die Sonne ging herrlich auf, und wir waren den ganzen Tag hart an der Arbeit, um unsere Stellungen gegen einen Angriff zu befestigen, den wir bald erwarten mußten.
Gegen Abend hatten wir eine allgemeine Zusammenkunft und wählten ein Verteidigungskomitee, dem die oberste Autorität für unsere sechs Gemeinden zuerkannt wurde. Einige begünstigten eine Wahl durch Händehochheben, aber andere meinten, daß dies eine Sache von so ungeheurer Wichtigkeit sei, daß die übliche Wahlmethode der Gemeinde durch geheime Abstimmung befolgt werden sollte. Schnell wurden Papierschnitzel gesammelt und die Wahl vorgenommen. Nachdem auf diese Weise ein Rat gebildet worden war, wurden sofort Pläne gemacht, um jeden Paß des Berges und jeden Zugang zum Lager zu verteidigen. Wächter, Boten und eine Reservetruppe von Schützen wurden gewählt und ihnen ihre Pflichten zugeteilt.
Der Regierungsbefehl war am 30. Juli ausgegeben worden. Die Frist von sieben Tagen war jetzt fast verstrichen, und wir konnten feststellen, daß die Türken unsere Flucht entdeckt hatten. Die Ebene von Antiochia ist von Türken und Arabern bevölkert, und immer liegt eine starke militärische Besatzung in den Kasernen von Antiochia.