Am 5. August begann denn auch der Angriff. Die Vorhut bestand aus 200 Regulären. Ihr Hauptmann rühmte sich, daß er den Berg an einem Tage säubern würde. Aber die Türken hatten mehrere Verluste und wurden an den Fuß des Berges zurückgeworfen. Als wir Vorbereitungen trafen, uns zu lagern und das Abendessen zu kochen, setzte ein strömender Regen ein, der die ganze Nacht andauerte. Darauf waren wir schlecht vorbereitet. Es war nicht Zeit gewesen, Hütten aus Zweigen zu machen, noch hatten wir irgendwelche Zelte aus wasserdichtem Stoff. Männer, Frauen und Kinder, im ganzen etwas über 5000, wurden bis auf die Haut naß. Viel von dem Brot, das wir mitgebracht hatten, wurde in eine Teigmasse verwandelt. Wir waren mehr besorgt, unser Pulver und unsere Büchsen trocken zu halten.
Als die Türken zu einem allgemeinen Angriff vorgingen, schleppten sie zwei Feldkanonen auf den Berg, welche nach einigen Experimenten sich einen Abschnitt sicherten und Verheerungen in unserm Lager anrichteten. Einer unserer Schützen, ein beherzter junger Bursche, kroch durch das Buschwerk hinunter und zwischen den Felsen entlang, bis er dem Bereich der Feldkanonen nahe war, die auf einer Felsenfläche aufgestellt waren. Nachdem er sich eine Barrikade von Zweigen gemacht hatte, wartete er auf eine gute Gelegenheit. Er war so nahe, daß er die Türken miteinander reden hören konnte, wenn sie die Kanonen luden. Als ein Kanonier in Sicht kam, streckte ihn der junge Mann mit dem ersten Schuß nieder. Mit 5 Kugeln tötete er 4 weitere Kanoniere. Der Hauptmann warf voll Entsetzen seine Hände in die Höhe, und da er nicht fähig war, unseren Schützen zu entdecken, befahl er, daß die Kanonen nach einem gedeckten Platz geschleppt wurden. So wurden wir an jenem Tage und an mehreren späteren vor schwerem Feuer bewahrt.
Aber die Türken zogen ihre Streitkräfte zu einem Hauptangriff zusammen. Sie hatten in viele muhammedanische Dörfer Botschaft geschickt, um die Leute zu den Waffen zu rufen. Armeebüchsen und viel Munition wurden aus dem Arsenal in Antiochia ausgegeben, bis der Haufe von 4000 Muhammedanern, die nach einem Massaker dürsteten, ein für uns furchtbarer Feind geworden waren. Aber die Hauptmacht der Türken waren die 3000 regulären Truppen, die an Disziplin und an Beschwerlichkeiten gewöhnt waren.
Plötzlich eines Morgens meldeten unsere Späher unserm Hauptquartier, daß der Feind an jedem der Bergpässe erschienen sei. Hier und da hatten die Türken schon die Hänge und die Bergrücken besetzt. Unsere Reservetruppe war unklugerweise, wie wir später merkten, in kleinen Gruppen nach diesen verschiedenen Punkten geschickt worden. Kaum waren unsere Kräfte so verteilt, als ein Massenangriff mit großer Gewalt eine Schlucht hinauf einsetzte. Das gesamte übrige Vorgehen waren Scheinangriffe gewesen, die nicht weiter verfolgt wurden. Mit der Zeit erkannten unsere Leute die Lage und berichteten von verschiedenen Punkten, daß die Türken unsere Späher erschossen und einen wichtigen Paß genommen hätten. Zu unserm Entsetzen sahen wir sie schon in vollem Besitz der Höhen, so daß sie unser Lager bedrohten. Verstärkungen rückten beständig den Berg herauf, und als der Nachmittag herankam, sahen wir, daß wir weit in der Minderzahl waren. Wir merkten auch, daß die Schußweite der türkischen Büchsen unsern altmodischen Feuerwaffen weit überlegen war. Bei Sonnenuntergang hatte der Feind 3 Kompagnien durch das dichte Unterholz und den Wald vorgeschickt, bis auf 400 Ellen vor unsern Hütten. Eine tiefe dumpfige Schlucht lag dazwischen, und die Türken entschlossen sich, lieber da, wo sie standen, zu biwakieren als in der Dunkelheit weiter vorzugehen.
Unsere Führer hielten in aller Eile Rat ab, flüsterten nur leise und erlaubten kein Licht im Lager. Jedermann wußte, daß die Lage kritisch war. Endlich wurde ein gewagter Plan angenommen. Im Dunkel der Nacht an die türkischen Stellungen heran zu kriechen, eine Einkreisungsbewegung auszuführen, dann einen plötzlichen Feuerüberfall zu eröffnen und zum Nahkampf überzugehen. Wir wußten, daß alles verloren war, wenn dieser Plan scheiterte. Mit außerordentlicher Geschicklichkeit krochen unsere Männer durch die dunkeln und feuchten Wälder. Hier machte unsere Vertrautheit mit jenen Schluchten und Dickichten es möglich, etwas auszuführen, was Fremde nicht hätten versuchen können. Der Kreis war tatsächlich geschlossen, als mit Blitzen und Krachen von allen Seiten unsere Männer zum Angriff übergingen und mit verzweifeltem Mute vorwärts stürmten.
Nach wenigen Augenblicken war es klar, daß Bestürzung und Schrecken das türkische Lager in die größte Verwirrung gebracht hatte. Die Truppen stürzten in der schwarzen Nacht hierhin und dorthin und stolperten über Felsplatten und Baumstämme. Offiziere schrieen sich widersprechende Befehle zu und mühten sich vergeblich, ihre Leute zusammenzuhalten. Augenscheinlich glaubten sie es mit einem sehr gefährlichen Angriff zu tun zu haben, denn nach weniger als einer halben Stunde gab der türkische Oberst den Befehl zum Rückzug, und vor Morgengrauen waren die Wälder tatsächlich von Truppen frei. Mehr als 200 Türken waren gefallen, und wir hatten einige Beute gemacht: 7 Mausergewehre, 2500 Pack Munition und einen Maulesel. Kein Anzeichen deutete auf einen Wiederbeginn des Kampfes, aber wir wußten, daß unser Feind nicht geschlagen war. Er war nur vertrieben.
Während der nächsten Tage wurde die ganze muhammedanische Bevölkerung, viele Meilen im Umkreis, mobil gemacht, eine Horde von vielleicht 8000 Menschen. Mit dieser Masse konnten sie den Musa Dagh umzingeln und auf der Landseite belagern. Ihr Plan war, uns auszuhungern. Auf der Seeseite war kein Hafen, noch irgendeine Verbindung mit einem Seehafen möglich. Der Berg fiel steil zum Meere ab. Wir waren voll beschäftigt mit der Sorge für unsere Verwundeten und der Ausbesserung des Schadens, der in unserm Lager angerichtet war. Besondere Versammlungen wurden abgehalten, um Gott zu danken, daß er uns so weit bewahrt hatte, und für unsere Familien und für unsere Kleinen zu beten.
Als wir entdeckten, daß unser Berg im Belagerungszustand war, begannen wir, unsere Nahrungsquellen abzuschätzen. Während der ersten Woche auf der Höhe war das Brot, die Kartoffeln und der Käse, welche wir von Hause mitgebracht hatten, zu Ende gegangen. Sehr wenige nur hatten Mehl und andere Feldfrüchte mitbringen können. Einen Monat etwa lebten wir von unsern Herden und schlachteten täglich eine Zahl Schafe und Ziegen. Die Ziegenmilch brauchten wir für die Kinder und die Kranken. Diese beständige Fleischnahrung bekam uns nicht, aber wir waren tief dankbar, daß wir so dem Hungertode entgingen. Ende Juli zählten wir sorgfältig die Herden und fanden, daß unser Vorrat, selbst bei reduzierter Fleischration, nicht länger als zwei weitere Wochen reichen würde. Von Anfang an hatten wir daran gedacht, ob wir nicht auf dem Seewege entkommen könnten.
Ehe wir durch die Belagerung eingeschlossen waren, hatten wir einen Läufer abgesandt, der die gefährliche Reise von 85 (engl.) Meilen durch türkische Dörfer bis Aleppo, der Provinzialhauptstadt, machen mußte, mit einer Bitte an den amerikanischen Konsul Mr. Jackson, uns, wenn möglich, Hilfe von der See aus zu schicken. Aber es war durchaus nicht wahrscheinlich, daß unser Läufer Aleppo je erreichen würde. Da kam uns der Gedanke, daß möglicherweise ein Kriegsschiff der Verbündeten 35 Meilen nördlich im Hafen von Alexandrette liegen könnte. Einer unserer jungen Leute, der ein guter Schwimmer war, erklärte sich freiwillig bereit, durch die türkischen Linien zu kriechen und eine Botschaft mitzunehmen, die an der Innenseite seines Gürtels befestigt war. Es gelang ihm auch, die Hügel zu erreichen, von denen aus man den Hafen von Alexandrette überblicken konnte, aber als er sah, daß kein Kriegsschiff da war, kehrte er zurück. Sein Plan war gewesen, in das Meer hinauszuschwimmen, das Kriegsschiff zu umkreisen und so den türkischen Wachtposten auf den Straßen, die in die Stadt führen, zu entgehen.
Wir stellten dann dreifache Abschriften des folgenden Hilferufs her und bestimmten drei Schwimmer, welche ständig auf jedes vorüberfahrende Schiff aufpassen, sich durch die Brandung durchschlagen und am Kap hinausschwimmen sollten, um das Schiff zu erreichen: