Dieser Umstand und das Mißtrauen der in der Umgebung wohnenden Türken den Armeniern gegenüber haben die Aufmerksamkeit der Regierung auf dieselben gelenkt, um so mehr, weil die Bewohner von Dörtjol sich während der letzten Massaker[39] gegen die Türken verteidigt haben.
Nach der Beschießung der türkischen Häfen seitens der englischen Kriegsschiffe sind öfters Engländer ungestört auf das Land gekommen, haben sich nach Dörtjol zu den Armeniern begeben und haben dort Einkäufe gemacht. Aus Gewinnsucht haben manche Armenier mit den Engländern Geschäftsverkehr gehabt, zur Unzufriedenheit Anderer, welche merkten, daß die Regierung alles beobachtete und einmal für das Vorgehen einzelner Personen alle verantwortlich machen werde.
Vor einigen Wochen begibt sich ein früherer Deserteur namens Saldschian, der seine Erziehung bei den hiesigen Jesuiten genossen hat und an der armenischen Schule als Lehrer der französischen Sprache angestellt war, nach Dörtjol. Seit zwei Jahren befindet er sich in Cypern und ist jetzt wahrscheinlich in den englischen Dienst eingetreten. Er geht in Begleitung eines Armeniers aus Alexandrette nach Dörtjol und bleibt dort 6–7 Tage. Man kann fast bestimmt sagen, daß er die Bewohner für den fremden Dienst zu gewinnen versucht hat. In welchem Maße es gelungen ist, kann man nicht feststellen, und einige Kaufleute behaupten, daß die Mission Saldschians privater Natur sei und mit der Allgemeinheit nichts zu tun habe. Die Notabeln der Ortschaft haben von dem ganzen Vorgang keine Kenntnis gehabt, und manche sind nicht einmal dort gewesen.
Saldschian hat sich Ausweispapiere angeschafft und sich als Kaufmann vorgestellt. Sogar die Polizei hat von seiner Anwesenheit Kenntnis gehabt. Nach der Rückkehr Saldschians auf das englische Kriegsschiff wird die Polizei durch reinen Zufall auf den falschen Kaufmann aufmerksam und hat nur den Begleiter festnehmen können.
Wenige Tage nachher begibt sich wieder ein Armenier namens Köschkerian aus der Ortschaft Odschakli vom Kriegsschiff auf das Land. Dieser befand sich, nachdem seine Frau während der Massaker seitens der Türken ermordet war, im Ausland. Dieser soll auch einen Betrag von 40 Ltq. mit sich geführt haben.
Aus allen Vorgängen und Erscheinungen kann man nicht den Schluß ziehen, daß die Armenier irgendeine Organisation zwecks Verschwörung oder Revolution gehabt haben. Aber sicher ist es schon, daß das Erscheinen der Kriegsschiffe und das aggressive Vorgehen derselben seitens der Mehrzahl der gesamten christlichen Bevölkerung im allgemeinen und speziell von den Armeniern mit Freude begrüßt wurden, und wenn es einmal den Engländern oder Franzosen gelingt, auf das Land zu kommen, dann werden sie von allen Christen mit Jubel empfangen werden.
Auf das dringende Verlangen der türkischen Bevölkerung der benachbarten Wohnstätten um die Wegschaffung der Armenier aus Dörtjol zwecks Vermeidung irgendeiner Eventualität, sowie wegen Festnahme der Deserteure hat die Regierung alle Bewohner männlichen Geschlechts in einer Nacht festgenommen und aus der Gegend entfernt. Man hat sie unter strenger Aufsicht nach Aleppo geschickt und verwendet sie für Straßenbau. Während der Festnahme haben die Armenier volle Ergebenheit gezeigt und haben sich gegen die Regierung gar nicht gewehrt. Nur drei Leute sind bei der Flucht erschossen worden. Auch diese sollen von Waffen keinen Gebrauch gemacht haben.
Adana, den 12. März 1915.
20.