Noch eine gute Stunde hatten wir ungefähr in dieser Richtung fortgesteuert; als der Wind allmählig aus Norden aufzufrischen anfieng. Bald war er uns völlig entgegen, und Alamparve zu erreichen pure Unmöglichkeit. Zugleich brach das Ungewitter los, und der Regen schoß in Strömen herab. »Ans Land! Ans Land!« — schrien wir alle, und ruderten muthig in die schäumende Brandung hinein. Die Chialeng stieg und sank, bis sie endlich von der lezten Welle, wie ein Pfeil ans Ufer geschnellt ward.
Die Gegend, wo wir uns befanden, war mit Gebüsch und wilden Palmbäumen bedeckt, und schien gänzlich unbewohnt. Wir zogen die Chialeng so hoch als möglich ans Land, nahmen einige Lebensmittel daraus, und verbargen uns im Gehölz. Der Sturm wüthete mit Heftigkeit fort. Die Palmen rauschten; der Regen schoß zwischen den Zweigen herab; und furchtbar tönte die Brandung vom Ufer her. Keiner von uns vermochte ein Auge zuzuthun.
Gegen Morgen schien das Wetter etwas besser zu werden; doch gieng die See entsezlich hoch. Wir beschlossen daher, ruhig am Lande zu bleiben, worauf sich jeder dem Schlafe überließ. Einige Stunden darauf erwachte ich plözlich von einem Sonnenstrahl, stand auf, und legte mich an einen Baum. — Auf einmal — Menschenstimmen ganz nahe bei mir. — Ich warf mich auf den Boden; der Ton kam vom Strande her — Mit zurückgehaltenem Athem kroch ich an den Rand des Gehölzes, da zogen sie hin. — Zwanzig Mann von einer mahrattischen Streifparthie.
So ritten sie vorüber, und eilends weckte ich meine schlafenden Leute auf. — Was sollte ich thun? — In See gehen? — Der Sturm hielt noch immer an. — Am Lande bleiben? — Die Gefahr nahm mit jedem Augenblick zu. — Unterdessen hatte sich der Himmel aufgeklärt. — Ich beschloß, mein Schicksal dem Meere anzuvertrauen. — »In See!« — rief ich meinen Leuten zu; sie schüttelten den Kopf. — »So wißt denn« — fuhr ich fort, und theilte ihnen den Vorfall mit. — Mehr bedurfte es nicht; augenblicklich war die Chialeng flott gemacht. Muthig ruderten wir durch die Brandung, und kamen bei dem dritten Versuche glücklich in See.
Zehntes Capitel.
Das Wetter blieb gut, das Meer wurde von Stunde zu Stunde ruhiger, langsam steuerten wir längs der Küste hin. So hatten wir ungefähr eine Meile zurückgelegt. Plözlich wurden wir am Strande einen Menschen gewahr. Er rang die Hände, warf sich auf die Knie, kurz, er schien unsere Hülfe anzuflehen. — »Wir müssen ihn aufnehmen!« — rief ich meinen Leuten zu, und sie waren sämmtlich dazu bereit. Auf einmal hören wir Pferde wiehern! — »Verrath!« — rief ich heftig — »Zurück! Zurück! Um Gotteswillen zurück!« — Schwer schwebten wir auf der Spitze der zweiten Welle — Einige Minuten später, und die Chialeng würde an den Strand geflogen seyn. Mit gräßlichem Geschrei kam jezt ein Haufen Räuber aus dem Gebüsche. Einer davon schwang sich auf ein Pferd und jagte fort. Doch wir waren schon wieder in offener See.
Gegen Mittag konnten wir bereits das rothe Dach der Chauderie[1] von Alamparve sehen. Gern wäre ich einen Augenblick gelandet, um Wasser einzunehmen, allein der Truppen wegen, beschloß ich, es lieber an einer einsamern Stelle zu thun. Wir ruderten also herzhaft fort, bis wir ungefähr auf der Höhe des Dorfes waren, das mit seinen Baumgruppen gar lieblich vor uns lag. Plözlich sahen wir zwei, dann zehn, dann immer mehr Reiter auf den Strand zueilen, bis er endlich fast ganz damit bedeckt war. Sie riefen uns zu, ans Land zu kommen — »Morgen! Morgen!« (Nalekie! Nalekie!) gaben wir lachend zur Antwort, und hatten nur unsern Scherz damit.
Doch mit wüthenden Geberden wiederholten sie ihre Aufforderung, und legten zu gleicher Zeit ihre Büchsen auf uns an. Jezt fand ich räthlich vom Lande abzuhalten, und gab sofort das Zeichen dazu. Aber in demselben Augenblicke schossen sie, und einer meiner Leute that einen gräßlichen Schrei. — »O Vater! Vater!« (Are appa! Are appa!) — »Wo? Wo?« — rief ich erschrocken, in der Meinung, daß er verwundet sey. Doch es war noch viel schrecklicher — Er zeigte auf zwei Kattamarans[2] — Sie waren mit Srapoys bemannt, suchten uns den Weg abzuschneiden, und ruderten eilig auf uns zu. Wahrscheinlich hatten sie an einer andern Stelle vom Ufer gestoßen, während uns der Räuberhaufen beschäftigt hielt.
Was war zu thun? — Wir arbeiteten was wir konnten, allein nach wenig Minuten hatten sie uns eingeholt. — »Zurück! Ihr Spitzbuben!« (Rirau Bantjot!) — riefen sie uns zu, und legten auf uns an. — Wir waren verloren; ich sah es vollkommen ein. Einen so schrecklichen Augenblick hatte ich noch nie gehabt. Doch plözlich faßte ich wieder Muth. — »Seyd unbesorgt!« — sagte ich zu meinen Leuten — »Ich habe meinen Plan gemacht; es wird euch nichts zu Leid geschehen. Wir haben uns bei Nacht von Madras geflüchtet! Vergeßt es nicht, bei Nacht von Madras!« — In diesem Augenblick waren die Kattamarans neben uns, und fluchend sprangen die Srapoys in unsere Chialeng.
»Ich bin ein Holländer!« — rief ich ihnen zu, ohne daß es jedoch etwas zu helfen schien. Einer war besonders so kühn, daß er seinen Säbel über meinen Kopf schwang — »Nehmt euch in Acht« — fuhr ich fort, — »und bedenkt, was ihr thun wollt. Ich bin ein Abgesandter; ich habe eine äußerst wichtige Botschaft an den französischen Admiral, und an den Nabob Hyder Bahadur. Die geringste Beleidigung, die ihr mir, oder meinen Leuten zufügt, kostet euch euren Kopf, dafür stehe ich euch!« — Dies wirkte, und sie steckten sofort ihre Säbel ein. Zugleich erfuhr ich, daß ich auf Befehl des Jammedaars (Districtscommandanten) eingeholt worden war.