Unsere Ueberfahrt bis nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung bot wenig Merkwürdiges dar. Wir waren neun und dreißig Passagiere, worunter fünfzehn Frauen, an Bord, so daß es gar sehr an Bequemlichkeit gebrach. Am 25. December Vormittags um 4 Uhr, erreichten wir das Cap, wo noch die englische Flagge wehte, aber auch eine holländische Flotte vor Anker lag. Wie gewöhnlich, kamen sofort zwei Gesundheitsbeamten u. s. w. zu uns, ließen uns sämmtlich die Musterung passiren, und erlaubten uns, nach einer kurzen Berathschlagung ans Land zu gehen. Wir hörten jezt, daß der englische Gouverneur, General Dundas, das Cap an die Holländer zurückzugeben im Begriffe war.
Was ich über die Capstadt sagen könnte, ist bekannt; überdem war mein Aufenthalt äußerst kurz. Die Uebergabe war auf den 1. Jan. 1803 festgesezt, die Einwohner bereiteten eine Menge Feierlichkeiten vor. Plözlich am 31. December Nachmittags kam eine englische Corvette an. Sie hatte die Reise von Plymouth in neun und fünfzig Tagen gemacht, und brachte wichtige Depeschen an den General Dundas mit. Er erhielt nämlich Befehl, die Uebergabe aufzuschieben, wenn es noch irgend möglich sey. Schon waren fünfzehnhundert Mann von den englischen Truppen eingeschifft, und sollten in einigen Tagen nach Ostindien unter Segel gehen. Vier und zwanzig Stunden später, und Alles hätte eine andere Gestalt gehabt! So aber wurden die Truppen wieder ausgeschifft, die Posten verdoppelt, und die Holländer in die Caserne gesperrt. Die Bestürzung der Einwohner war unbeschreiblich.
Bald darauf verbreitete sich das Gerücht vom nahen Ausbruche eines neuen Krieges, und einem provisorischen Embargo. In diesem Falle wartete unserer förmliche Kriegsgefangenschaft. Zum Glück ward indessen dem Capitain abzusegeln erlaubt. Wir begaben uns daher noch denselben Abend wieder an Bord. Endlich am 2. Januar kamen wir glücklich in See, und am 6. Februar liefen wir in Port Louis, auf Isle de France ein. So hatten wir die ganze Reise in fünftehalb Monaten gemacht.
Während dieser Zeit war mir mein neuer angeblicher Freund bereits nicht wenig verdächtig geworden, aus Gründen, die ich eher andeuten, als sagen kann. Wirklich fand ich mich auch bei meiner Ankunft auf Isle de France sehr bitter getäuscht; jedermann rieth mir von dieser Verbindung ab. Ich trennte mich daher augenblicklich von ihm, und dachte auf eine Unternehmung auf eigene Hand. Ein Pariser Freund hatte mir mehrere Wechsel auf hiesige Häuser anvertraut. Ich beschloß Waaren dafür einzukaufen, und damit nach Pondichery zu gehen. Allein die Schuldner waren nicht zahlungsfähig; man denke sich daher meine Verlegenheit. Noch war ich dem Capitain achtzehnhundert Livres für meine Ueberfahrt schuldig, und hatte keinen Sol zu meinem Unterhalt. Das einzige, worauf ich hoffen konnte, war eine Anstellung in Pondichery, zu dessen Besizergreifung Admiral Linois eben abgegangen war. Unterdessen nahm ich eine Hofmeisterstelle in einem Hause an, wo ich die liberalste Behandlung fand.
So waren an sechstehalb Monate vergangen, als mein Schicksal plözlich eine andere Wendung bekam. Am 17. August Morgens lief nämlich die französische Fregatte la belle Poule, Capitain Bouillac, hier ein. Sie gehörte zur Division des Admirals Linois, und überbrachte die Nachricht, daß die Uebergabe von Pondichery verweigert worden sey. Da dies den nahen Ausbruch eines neuen Krieges anzudeuten schien, ward sofort auf den Batterien Alles in Vertheidigungsstand gesezt. Nachmittags um zwei Uhr ankerte der Admiral selbst mit seiner ganzen Division. Wenig Tage nach seiner Ankunft auf der Rhede von Pondichery hatte er nämlich Depeschen aus Frankreich erhalten, mit dem Befehle, sogleich nach Isle de France unter Segel zu gehen. Dem zu Folge hatte er in der Nacht die Anker gekappt. Am Bord des Admiralschiffes, befand sich der nach Pondichery bestimmte Generalgouverneur Decaen, und der Colonialpräfect Leger, dessen Familie zu Pondichery zurückgeblieben war. Niemand zweifelte mehr am Kriege; doch wußte Niemand etwas Gewisses davon. Endlich am 28. August kam der Cutter le Berceau, Capitain Holgan von l'Orient an, und brachte die officielle Bestätigung mit. Zugleich war der General Decaen zum Generalgouverneur aller französischen Besitzungen, östlich vom Cap, folglich auch von Isle de France ernannt. Durch ihn, der sich meiner wohl erinnerte, ward ich wieder bei dem Ingenieurcorps angestellt. Dabei erhielt ich den Befehl, mich zu einer geheimen Expedition bereit zu halten, die eben im Werke war.
Zweites Capitel.
Am 9. October bekam ich Befehl mich einzuschiffen, und zwar an Bord der Corvette Le Berceau, Capitain Helgan. Die Expedition bestand aus dem Marengo von 80 Kanonen und einigen Fregatten, sämmtlich unter dem Commando des Admirals Linois. An Landtruppen hatten wir ein Bataillon bei uns; der Ort unserer Bestimmung indessen war noch ungewiß. Unterdessen kamen wir glücklich in See. Hier öffneten die Commandanten ihre versiegelten Befehle, und nun ward alles bekannt. Der Admiral sollte eine Zeitlang in den indischen Gewässern kreuzen, die englische Faktorei auf Sumatra zerstören, und dann nach Batavia gehen. Hier sollten die Truppen, dem Verlangen der Holländer gemäß, als Hülfstruppen bleiben, wie es schon einmal der Fall gewesen war.
Unser Kreuzzug war indessen, wie es meistens zu gehen pflegt, einförmig genug. Wir verloren ein Paar Matrosen; wir hatten einige Windstöße auszuhalten; wir machten mehrere zum Theil sehr reiche Prisen, und dergleichen mehr. Am 1. December bekamen wir die Insel Sumatra zu Gesicht; am 2. näherten wir uns der Bay von Bencoule, am 3. in der Nacht griffen wir die daselbst befindliche Schiffe an. Drei wurden genommen, die übrigen fünf verbrannt. Zugleich wurden sämmtliche Magazine der Faktorei zerstört. Am meisten schien uns zu statten zu kommen, daß man überrascht ward, und uns anfangs selbst für Landsleute hielt.
Am 12. December Morgens näherten wir uns der Rhede von Batavia, und wurden von dem kleinen Fort auf der Insel Onruß, wo sich die Kompagniewerfte befinden, sehr feierlich begrüßt. Indessen machten die Schiffe auf der Rhede eilige Anstalten unter Segel zu gehn. Wahrscheinlich sahen sie uns für Engländer an, denn ihre Bewegungen verriethen Aengstlichkeit. Um sie zu beruhigen, schickte der Admiral unsere Corvette ab. Wir sezten zu diesem Ende Segel auf Segel bei, und so war in kurzem die Wachtfregatte erreicht. Nachdem wir diese unterrichtet hatten, machte sie einige Signale, und alle Schiffe zogen ihre Flaggen auf. Bald war die Ruhe wieder hergestellt, und die ganze Division konnte vor Anker gehn.
Wir Offiziere hofften schon den Nachmittag an's Land zu kommen, sahen uns aber sehr unangenehm getäuscht. Die holländischen Behörden fanden die Forderungen unseres Kommandanten übertrieben, wollten nichts von überzählichen Offizieren wissen, und machten Schwierigkeiten aller Art. Es zeigte sich nachher, daß dies alles von dem holländischen Oberkommandanten, dem Brigadier Sandoley, einem Schweizer, herkam, der das ganze Vertrauen des Generalgouverneurs Syberg besaß, und ein geschworner Feind der Franzosen war. Auf diese Art vergiengen acht Tage, ehe eine Uebereinkunft wegen des Soldes, der Verpflegung u. s. w. zu Stande kam. In Folge derselben wurden wir endlich ausgeschifft, worauf ich meinen Dienst als wirklicher Ingenieur-Capitain antrat.