Die Lage von Batavia ist bekannt. Eben so weiß jedermann, daß es eine der größten und reichsten Städte in ganz Asien, und der Mittelpunkt aller holländisch-ostindischen Besitzungen ist. Endlich giebt es von der regelmäßigen Bauart, den Kanälen, Alleen, Spaziergängen u. s. w. Beschreibungen in Ueberfluß. Ich füge daher nur einige, weniger bekannte Bemerkungen hinzu. Das Clima von Batavia ist an und für sich selbst nicht ungesund, es wird nur bei der Lage und den Umgebungen der Stadt so mörderisch. Die vielen Canäle mit stehenden Wasser, worein man allen Unrath wirft, der morastige Boden, endlich die große Moderbank vor der Mündung des Jacatra[13], sind die vornehmsten Ursachen davon. Die kleinste Unordnung in der Diät, die kleinste Erkältung u. dgl. zieht meistens ein tödtliches Fieber nach sich, der Kranke legt sich, verliert nach fünf bis sechs Stunden die Besinnung, und ist nach andern sechs Stunden todt.

Wahr bleibt indessen, daß man bei einer ungeschwächten Constitution weit weniger zu fürchten hat, sobald man nur mäßig und vorsichtig ist. Würden übrigens die Kanäle gereinigt, die Moräste ausgetrocknet, und die Moderbänke weggeschafft, so würde Batavia ein ganz gesunder Aufenthalt seyn. Doch, wie es scheint, ist hier holländische Politik im Spiel. Man wünscht selbst keine Verbesserung. Jene Moräste und Moderbänke geben nämlich eine natürliche Vertheidigungslinie ab. Eben so zwingt jene Ungesundheit alle Blokadeflotten zulezt zum Abzug. Endlich hält die Furcht vor dem mörderischen Clima, eine Menge Handelsnebenbuhler von der Niederlassung ab.

Die Bevölkerung von Batavia wird auf 160,000 Seelen geschäzt. Hierunter sind 100,000 Chinesen, die in den Vorstädten wohnen, während der Rest aus Armeniern, Arabern, Persern und Europäern besteht. Die leztern, zwölf bis fünfzehnhundert zusammen, sind theils Kaufleute, theils Beamte der Compagnie. Sie leben fast alle auf ihren Landhäusern, eine bis anderthalb Stunden von Batavia, und kommen in der Regel nur Morgens in die Stadt. Alle Geschäfte werden daher gewöhnlich Vormittags von sieben bis acht Uhr abgemacht. Nichts fällt anfangs dem Fremden so sehr auf, als die Gleichgültigkeit, womit man von jenen plözlichen Todesfällen spricht. — »Mynheer, Mevrouv is overleden« — der Herr, die Frau ist gestorben — heißt es, als hätten sie eine Spazierfahrt gemacht. Jeder Europäer hält übrigens immer sein Testament bereit.

Der Handel von Batavia ist sehr bedeutend, so drückend auch für die Fremden seine Eigenheiten sind. Batavia ist nämlich als die Hauptniederlage aller Gewürze von den Molucken, und aller Produkte von Java (Reis, Zucker, Caffee, Pfeffer u. s. w.) anzusehen. Es kommen daher aus allen Theilen Ostindiens, so wie aus China, Amerika, Afrika, Isle de France und Europa, Schiffe hier an. Sie führen die Produkte ihrer Länder ein, und dagegen hiesige aus. Diese Geschäfte werden aber auf folgende für Fremde höchst beschwerliche Weise abgemacht. Es ist ein Schabendar, oder General-Handels-Agent vorhanden, der für alle Nationen den einzigen Mäkler abgiebt. An diesen wenden sich die Capitains und Supercargo's, und theilen ihm ihre Ladungslisten mit. Er wählt davon, was der Compagnie anständig ist, besonders Artikel des Alleinhandels[14] und bietet dagegen andere an. Beide Theile dingen nun mit einander, und schließen nach gemachter Berechnung ab. Dabei muß aber fast jeder Capitain immer ein Drittheil oder Viertheil des Werthes in Gewürzen nehmen, auch wenn es ihm eben nicht anständig ist. Erst dann erhält er die Erlaubniß, den Rest der Ladung an andere Kaufleute abzugeben, was durch öffentlichen Anschlag bekannt gemacht wird. In keinem Falle ist ihm aber die Ausfuhr von baarem Gelde erlaubt. Er muß vielmehr alles in Waaren, oder Barren umsetzen, wenn er es nicht verlieren will. Die Chinesen, die den Zoll gepachtet haben, durchsuchen daher alle abgehende Schiffe mit unglaublicher Genauigkeit.

Man hat häufig behauptet, daß Batavia äußerst leicht zu nehmen sey. Ich kann jedoch versichern, daß diese Meinung ganz irrig ist. Einmal sind die Festungswerke nichts weniger als schlecht; auch wird die Stadt, so wie die Mündung des Jacatra durch eine gute Citadelle gedeckt. Denn ist die ganze Küste mit starken Batterien versehen, und die Besatzung nicht schwächer als fünftausend Mann. Mögen darunter auch immer viel Kranke, viel Feige, viel Unzufriedene seyn; die Localität bietet dem Feinde doch stets sehr große Hindernisse dar.

Er wird die Rhede blokiren; er wird die vorhandenen Schiffe auf den Strand jagen, und vielleicht verbrennen; aber Batavia selbst wegnehmen, das wird er ohne geheime Verständnisse sicher nicht. Aber auch das schlimmste angenommen; er machte sich durch einen Ueberfall u. s. w. wirklich Meister davon. Was würde geschehen? Der Generalgouverneur u. s. w. würde sich nach Samarang (auf der Nordküste) begeben; er würde bei den inländischen Prinzen, die den Holländern keinesweges abgeneigt sind, alle nur mögliche Unterstützung finden; er würde in kurzem eine Armee von 25 bis 30,000 Mann zusammenziehen. Unterdessen hätte es der Feind in Batavia, mit einer ungeheuren, ohnehin höchst unruhigen Volksmenge zu thun. Man brauchte der Stadt nur die Zufuhren abzuschneiden, und der Aufstand der hunderttausend Chinesen, die alle Handwerker, Krämer, Gärtner u. s. w. sind, wäre gewiß. Alles dies wird beweisen, daß Batavia weder leicht zu erobern, noch leicht zu behaupten ist.

Bei den Chinesen fällt mir noch eine artige Bemerkung ein, womit ich dieses Capitel schließen will. Man weiß, wie sehr die wohlhabenderen unter ihnen auf lange Nägel und Zöpfe halten, weil sie ein Zeichen des Ansehens und Reichthums sind. Die holländische Regierung hat dieses nicht unbeachtet gelassen, und auf beides eine ansehnliche Abgabe gelegt. Je länger sie ein Chinese tragen will, desto mehr zahlt er davon. Es ist ein ordentlicher Tarif darüber vorhanden, auch finden von Zeit zu Zeit die nöthigen Messungen statt. Man muß gestehen, daß solche Abgaben die allerbilligsten sind.

Drittes Capitel.

So hatte ich ungefähr fünf Monate in Batavia zugebracht, als ich bei einer beschwerlichen trigonometrischen Arbeit krank ward. Zum Glück fiel ich in die Hände eines geschickten deutschen Arztes, des Doctors Raspe aus dem Preußischen, und wurde in kurzem wieder hergestellt. Indessen benutzte ich diesen Umstand, um bei dem General Decaen um meine Zurückberufung anzuhalten, erreichte meinen Zweck, und wartete nun mit Sehnsucht auf Schiffsgelegenheit.

Diese fand sich endlich in der Brigg »le petite Alphonse« Capitain Souriac, die von Isle de France mit Wein und Hüten gekommen, und jezt dahin zurückzukehren im Begriffe war. Der Abrede gemäß, begab ich mich am 14. December 1804 an Bord, und fand noch drei andere Passagiers. Leider aber waren von unsern vierzehn Matrosen kaum drei gesund. Nun ist zwar wahr, daß man die Ueberfahrt in dreißig bis fünf und dreißig Tagen machen kann, ohne daß der beständigen Ostwinde wegen, viel Schiffsarbeit dabei nöthig ist. Demungeachtet hätten wir auf alle Fälle wenigstens noch sechs bis 8 Matrosen gebraucht. Dieser Mangel zeigte sich gleich anfangs, als es am 15. December Nachmittags in See gieng. Wir sämmtliche Passagiere mußten die Anker mit aufwinden helfen, denn die meisten Matrosen waren zu schwach dazu.