35.

Vierter Theil

Fünfte Rede

SACCAKO
– I –

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Vesālī, im Großen Walde, in der Halle der Einsiedelei. Zur selben Zeit nun lebte der junge Nigaṇṭher Saccako in Vesālī, ein geübter Dialektiker, ein trefflicher Redner, hoch angesehn bei vielen. Der kündigte nun in ganz Vesālī an: »Den Asketen oder Priester möchte ich kennen, sei er auch ein Meister mit zahlreichen Jüngern und Anhängern, und hielt’ er sich gleich für den Heiligen, vollkommen Erwachten, der im Redekampfe mit mir nicht wankte, bebte, erzitterte, dem nicht der Angstschweiß aus den Achselhöhlen rieselte! Ja, wenn ich eine leblose Säule mit meiner Rede anginge, würde selbst diese, von der Rede getroffen, wanken, beben, erzittern — geschweige ein Menschlein!«

Da nun begab sich der ehrwürdige Assaji, zeitig gerüstet, mit Mantel und Schaale versehn, auf den Almosengang nach Vesālī. Saccako aber, der junge Nigaṇṭher, spazierte gerade in den Straßen Vesālīs auf und ab, hin und her, {228} und sah den ehrwürdigen Assaji von ferne herankommen. Als er den ehrwürdigen Assaji gesehn ging er auf ihn zu, wechselte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit ihm und trat an seine Seite. Hierauf nun sprach Saccako der junge Nigaṇṭher zum ehrwürdigen Assaji also:

»Wie unterweist denn, verehrter Assaji, der Asket Gotamo seine Jünger, und welcherart ist die Belehrung, die bei den Jüngern des Asketen Gotamo am meisten gilt?«

»So, Aggivessano, unterweist der Erhabene seine Jünger, und solcherart ist die Belehrung, die bei den Jüngern des Erhabenen am meisten gilt. ›Der Körper, ihr Mönche, ist vergänglich, das Gefühl ist vergänglich, die Wahrnehmung ist vergänglich, die Unterscheidungen sind vergänglich, das Bewusstsein ist vergänglich. Der Körper, ihr Mönche, ist wesenlos, das Gefühl ist wesenlos, die Wahrnehmung ist wesenlos, die Unterscheidungen sind wesenlos, das Bewusstsein ist wesenlos. Alle Unterscheidungen sind vergänglich, alle Dinge sind wesenlos.‹ So, Aggivessano, unterweist der Erhabene seine Jünger, und solcherart ist die Belehrung, die bei den Jüngern des Erhabenen am meisten gilt.«

»Schlechtes, wahrlich, haben wir gehört, Assaji, die wir solche Rede des Asketen Gotamo gehört haben! O dass wir doch gelegentlich einmal mit jenem verehrten Gotamo zusammenträfen, dass doch irgend eine Unterredung stattfände, damit wir diese verderbliche Ansicht erledigten!«

Zu jener Zeit nun waren die Licchavī-Fürsten mit ihrem Gefolge, fünfhundert Mann stark, im städtischen Herrenhause zusammengekommen, irgend eine Angelegenheit zu berathschlagen. Da nun begab sich Saccako der junge Nigaṇṭher dorthin wo die Licchavier weilten, und sprach hierauf also zu ihnen: