»Was du da früher, Aggivessano, als Gewalthaben über den Körper bezeichnet hast, das gilt im Orden des Heiligen nicht als ächtes Gewalthaben über den Körper. Das Gewalthaben über den Körper kennst du wahrlich nicht, Aggivessano; wie solltest du erst das Gewalthaben über das Gemüth kennen! Doch merke, Aggivessano: wenn man den Körper nicht in der Gewalt hat, so hat man auch das Gemüth nicht in der Gewalt; hat man aber den Körper in der Gewalt, so hat man auch das Gemüth in der Gewalt. Das höre und achte wohl auf meine Rede.«

»Ja, Herr!« erwiderte da aufmerksam Saccako Nigaṇṭhaputto dem Erhabenen. Der Erhabene sprach also:

»Wie also, Aggivessano, hat man keine Gewalt über den Körper, keine Gewalt über das Gemüth? Da entsteht, Aggivessano, einem unerfahrenen gewöhnlichen Menschen ein Wohlgefühl. Vom Wohlgefühl getroffen wird er wohlbegierig, fällt der Wohlbegier anheim. Dieses Wohlgefühl vergeht ihm. Durch das Vergehn des Wohlgefühls entsteht Wehgefühl. Vom Wehgefühl getroffen wird er traurig, gebrochen, er jammert, schlägt sich stöhnend die Brust, fällt der Verzweiflung anheim. Jenes ihm entstandene Wohlgefühl nun, Aggivessano, fesselt das Gemüth infolge der Ohnmacht des Körpers, das entstandene Wehgefühl aber fesselt das Gemüth infolge der Ohnmacht des Gemüthes. Wenn das Gemüth solcherart doppelseitig gefesselt wird, Aggivessano, vom entstandenen Wohlgefühle durch die Ohnmacht des Körpers, vom entstandenen Wehgefühle durch die Ohnmacht des Gemüthes, hat man solcherart, Aggivessano, keine Gewalt über den Körper, keine Gewalt über das Gemüth. Wie aber, Aggivessano, hat man Gewalt über den Körper, Gewalt über das Gemüth? Da entsteht, Aggivessano, einem erfahrenen heiligen Jünger ein Wohlgefühl. Vom Wohlgefühle getroffen wird er nicht wohlbegierig, fällt nicht der Wohlbegier anheim. Dieses Wohlgefühl vergeht ihm. Durch das Vergehn des Wohlgefühls entsteht Wehgefühl. Vom Wehgefühle getroffen wird er nicht traurig, nicht gebrochen, er jammert nicht, schlägt sich nicht stöhnend die Brust, fällt nicht der Verzweiflung anheim. Jenes ihm entstandene Wohlgefühl nun, Aggivessano, kann das Gemüth infolge der Gewalt über den Körper nicht fesseln, und das entstandene Wehgefühl kann das Gemüth infolge der Gewalt über das Gemüth nicht fesseln. Wenn das Gemüth solcherart von keiner Seite gefesselt werden kann, Aggivessano, {240} durch die Gewalt über den Körper nicht vom entstandenen Wohlgefühle, durch die Gewalt über das Gemüth nicht vom entstandenen Wehgefühle, hat man solcherart, Aggivessano, Gewalt über den Körper, Gewalt über das Gemüth.«

»So darf ich dem verehrten Gotamo zutrauen: der verehrte Gotamo hat Gewalt über den Körper und hat Gewalt über das Gemüth?«

»Gewiss hast du mir, Aggivessano, diese Frage nur desshalb gestellt, um mich weiter zu locken: aber ich will dir Antwort geben. Seitdem ich, Aggivessano, Haar und Bart geschoren, das fahle Gewand angelegt habe, vom Hause fort in die Hauslosigkeit gezogen bin, kann wahrlich kein mir entstandenes Wohlgefühl, kein mir entstandenes Wehgefühl mein Gemüth fesseln.«

»Dann kennt wohl der verehrte Gotamo kein solches Wohlgefühl, welches Gegenwart genug besäße das Gemüth zu fesseln? Dann kennt wohl der verehrte Gotamo kein solches Wehgefühl, welches Gegenwart genug besäße das Gemüth zu fesseln?«

»Wie denn nicht, Aggivessano! — Da ist mir, Aggivessano, noch vor der vollen Erwachung, dem unvollkommen Erwachten, Erwachung erst Erringenden, dieser Gedanke gekommen: ›Ein Gefängniss ist die Häuslichkeit, ein Schmutzwinkel; der freie Himmelsraum die Pilgerschaft. Nicht wohl geht es, wenn man im Hause bleibt, das völlig geläuterte, völlig geklärte Asketenthum Punkt für Punkt zu erfüllen. Wie, wenn ich nun, mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewande bekleidet, aus dem Hause in die Hauslosigkeit hinauszöge?‹

{163} »Und ich zog, Aggivessano, nach einiger Zeit, noch in frischer Blüthe, glänzend dunkelhaarig, im Genusse glücklicher Jugend, im ersten Mannesalter, gegen den Wunsch meiner weinenden und klagenden Eltern, mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewande bekleidet, vom Hause fort in die Hauslosigkeit hinaus.

»Also Pilger geworden, das wahre Gut suchend, nach dem unvergleichlichen höchsten Friedenspfade forschend, begab ich mich zu Āḷāro Kālāmo und sprach zu ihm: ›Ich möchte, Bruder Kālāmo, in dieser Lehre und Ordnung das Asketenleben führen.‹ Hierauf, Aggivessano, erwiderte mir Āḷāro Kālāmo: ›Bleibt, Ehrwürdiger! Solcherart ist diese Lehre, dass ein verständiger Mann, sogar binnen kurzem, sich die eigene Meisterschaft begreiflich {164} und offenbar machen und ihren Besitz erlangen kann.‹ Und ich begriff, Aggivessano, binnen kurzem, sehr bald diese Lehre. Ich lernte nun soviel, Aggivessano, als Lippen und Laute mitzutheilen vermögen, das Wort des Wissens und das Wort der älteren Jünger, und ich und die anderen wussten: ›Wir kennen und verstehn es.‹ Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Āḷāro Kālāmo verkündet nicht die ganze Lehre nach seinem Glauben ‚Mir selbst begreiflich und offenbar gemacht verweil’ ich in ihrem Besitze‘, sicher kennt Āḷāro Kālāmo diese Lehre genau.‹ Ich ging nun, Aggivessano, zu Āḷāro Kālāmo hin und sprach also: ›Inwiefern, Bruder Kālāmo, erklärst du, dass wir diese Lehre begriffen, uns offenbar gemacht und ihren Besitz erlangt haben?‹ Hierauf, Aggivessano, stellte Āḷāro Kālāmo das Reich des Nichtdaseins dar. Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Nicht einmal Āḷāro Kālāmo hat Zuversicht, ich aber habe Zuversicht; nicht einmal Āḷāro Kālāmo hat Standhaftigkeit, ich aber habe Standhaftigkeit; nicht einmal Āḷāro Kālāmo hat Einsicht, ich aber habe Einsicht; nicht einmal Āḷāro Kālāmo hat Selbstvertiefung, ich aber habe Selbstvertiefung; nicht einmal Āḷāro Kālāmo hat Weisheit, ich aber habe Weisheit. Wie, wenn ich nun diese Lehre, von welcher Āḷāro Kālāmo sagt ‚Mir selbst begreiflich und offenbar gemacht verweil’ ich in ihrem Besitze‘, mir anzueignen suchte, damit sie mir völlig klar würde?‹ Und binnen kurzem, sehr bald, Aggivessano, hatte ich diese Lehre begriffen, mir offenbar gemacht und ihren Besitz erlangt. Ich ging nun, Aggivessano, wieder zu Āḷāro Kālāmo hin und sprach also: ›Ist diese Lehre, Bruder Kālāmo, insofern von uns begriffen, offenbar gemacht und erlangt worden?‹ — › Insofern, o Bruder, ist diese Lehre begriffen, offenbar gemacht und erlangt worden.‹ — ›Ich habe nun, Bruder Kālāmo, diese Lehre insofern begriffen, mir offenbar gemacht und erlangt.‹ — › Beglückt sind wir, o Bruder, hoch begünstigt, die wir einen solchen Ehrwürdigen als ächten Asketen erblicken! So wie ich die Lehre verkünde, so hast du sie erlangt; so wie du sie erlangt hast, so verkünde ich die Lehre. {165} So wie ich die Lehre kenne, so kennst du die Lehre; so wie du die Lehre kennst, so kenne ich die Lehre. So wie ich bin, so bist du; so wie du bist, so bin ich. Komm’ denn, Bruder: selbander wollen wir diese Jüngerschaar lenken.‹ So, Aggivessano, erklärte Āḷāro Kālāmo, mein Lehrer, mich, seinen Schüler, als ihm selbst ebenbürtig und ehrte mich mit hoher Ehre. Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Nicht diese Lehre führt zur Abkehr, zur Wendung, zur Auflösung, zur Aufhebung, zur Durchschauung, zur Erwachung, zur Erlöschung, sondern nur zur Einkehr in das Reich des Nichtdaseins.‹ Und ich fand diese Lehre ungenügend, Aggivessano, und unbefriedigt von ihr zog ich fort.

»Ich begab mich nun, Aggivessano, das wahre Gut suchend, nach dem unvergleichlichen höchsten Friedenspfade forschend, zu Uddako, dem Sohne des Rāmo, und sprach zu ihm: ›Ich möchte, Bruder Rāmo, in dieser Lehre und Ordnung das Asketenleben führen.‹ Hierauf, Aggivessano, erwiderte mir Uddako Rāmaputto: ›Bleibt, Ehrwürdiger! Solcherart ist diese Lehre, dass ein verständiger Mann, sogar binnen kurzem, sich die eigene Meisterschaft begreiflich und offenbar machen und ihren Besitz erlangen kann.‹ Und ich begriff, Aggivessano, binnen kurzem, sehr bald diese Lehre. Ich lernte nun soviel, Aggivessano, als Lippen und Laute mitzutheilen vermögen, das Wort des Wissens und das Wort der älteren Jünger, und ich und die anderen wussten: ›Wir kennen und verstehn es.‹ Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Rāmo hat nicht die ganze Lehre nach seinem Glauben ‚Mir selbst begreiflich und offenbar gemacht verweil’ ich in ihrem Besitze‘ verkündet, sicher hat Rāmo diese Lehre genau gekannt.‹ Ich ging nun, Aggivessano, zu Uddako, dem Sohne Rāmos, hin und sprach also: ›Inwiefern, Bruder, hat Rāmo diese Lehre als von uns begriffen, offenbar gemacht und erlangt erklärt?‹ Hierauf, Aggivessano, stellte Uddako, der Sohn Rāmos, die Gränzscheide möglicher Wahrnehmung dar. Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Nicht einmal Rāmo hatte Zuversicht, ich aber habe Zuversicht; nicht einmal Rāmo hatte Standhaftigkeit, {166} ich aber habe Standhaftigkeit; nicht einmal Rāmo hatte Einsicht, ich aber habe Einsicht; nicht einmal Rāmo hatte Selbstvertiefung, ich aber habe Selbstvertiefung; nicht einmal Rāmo hatte Weisheit, ich aber habe Weisheit. Wie, wenn ich nun diese Lehre, von welcher Rāmo sagte ‚Mir selbst begreiflich und offenbar gemacht verweil’ ich in ihrem Besitze‘, mir anzueignen suchte, damit sie mir völlig klar würde?‹ Und binnen kurzem, sehr bald, Aggivessano, hatte ich diese Lehre begriffen, mir offenbar gemacht und ihren Besitz erlangt. Ich ging nun, Aggivessano, wieder zu Uddako, dem Sohn Rāmos, und sprach also: ›Ist diese Lehre, Bruder, der Darlegung Rāmos gemäß insofern von uns begriffen, offenbar gemacht und erlangt worden?‹ — ›Insofern, Bruder, hat Rāmo diese Lehre als begriffen, offenbar gemacht und erlangt dargestellt.‹ — ›Ich habe nun, Bruder, diese Lehre insofern begriffen, mir offenbar gemacht und erlangt.‹ — ›Beglückt sind wir, o Bruder, hoch begünstigt, die wir einen solchen Ehrwürdigen als ächten Asketen erblicken! So wie Rāmo die Lehre verkündet hat, so hast du die Lehre erlangt; so wie du sie erlangt hast, so hat Rāmo die Lehre verkündet. So wie Rāmo die Lehre gekannt hat, so kennst du die Lehre; so wie du die Lehre kennst, so hat Rāmo die Lehre gekannt. So wie Rāmo war, so bist du; so wie du bist, so war Rāmo. Komm’ denn, o Bruder: sei du das Haupt dieser Jüngerschaar.‹ So, Aggivessano, belehnte Uddako Rāmaputto, mein Ordensbruder, mich mit der Meisterschaft und ehrte mich mit hoher Ehre. Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Nicht diese Lehre führt zur Abkehr, zur Wendung, zur Auflösung, zur Aufhebung, zur Durchschauung, zur Erwachung, zur Erlöschung, sondern nur zur Einkehr in das Reich der Gränze möglicher Wahrnehmung.‹ Und ich fand diese Lehre ungenügend, Aggivessano, und unbefriedigt von ihr zog ich fort.