Und der Erhabene wandte sich nun an die Mönche:
»Sechs Dinge giebt es, ihr Mönche, nicht zu vergessende, hoch und hehr gehaltene, die zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führen: und welche sind das? Da dient, ihr Mönche, ein Mönch seinen Ordensbrüdern mit liebevoller That, so offen als verborgen. Das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, ihr Mönche: der Mönch dient seinen Ordensbrüdern mit liebevollem Worte, so offen als verborgen. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, ihr Mönche: der Mönch dient seinen Ordensbrüdern mit liebevollem Herzen, so offen als verborgen. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, ihr Mönche: wenn der Mönch Gaben empfängt, Ordenspenden, so theilt er sie nicht nach Belieben, sondern bis auf die Brocken in seiner Almosenschaale nach dem Maaße der bewährten Brüder des Ordens. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, ihr Mönche: der Mönch bewahrt die Ordenspflichten, ungebrochen, unverletzt, ungemustert, ungesprenkelt, aus freiem Entschlusse, als von Verständigen gepriesen, nicht angetastet, zur Vertiefung tauglich, er übt diese Pflichten gleich seinen Ordensbrüdern, so offen als verborgen. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, ihr Mönche: der Mönch hat jene Ansicht, die heilige, ausreichende, die dem Grübler zur völligen Leidensversiegung ausreicht, jene Ansicht hat er mit seinen Ordensbrüdern gemeinsam bewahrt, so offen als verborgen. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führt.
»Das aber, Mönche, sind die sechs Dinge, nicht zu vergessende, hoch und hehr gehaltene, die zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führen. Und von diesen sechs Dingen, ihr Mönche, die nicht zu vergessen sind, ist eines das beste, eines der Inbegriff, eines alles zusammen: es ist jene Ansicht, die heilige ausreichende, die dem Grübler zur völligen Leidensversiegung ausreicht. Gleichwie etwa, Mönche, bei einem Thurme eines das beste, eines der Inbegriff, eines alles zusammen ist, nämlich die Zinne: {323} ebenso nun auch, ihr Mönche, ist bei diesen sechs Dingen, den nicht zu vergessenden, eines das beste, eines der Inbegriff, eines alles zusammen: jene Ansicht, die heilige, ausreichende, die dem Grübler zur völligen Leidensversiegung ausreicht.
»Wie reicht nun, ihr Mönche, jene Ansicht, die heilige, ausreichende, dem Grübler zur völligen Leidensversiegung aus? Da geht, ihr Mönche, der Mönch in den Wald, oder an einen Baum, oder in leere Klause, und erforscht sich also: ›Ist wohl in mir noch eine Umspinnung, die mein Herz derart umsponnen hat, dass ich nicht klar und richtig denken und sehn kann?‹ Wenn ein Mönch, ihr Mönche, gierumsponnen ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, hassumsponnen ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, trägheitumsponnen ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, stolzumsponnen ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, zweifelumsponnen ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, dieser Welt nachhängt, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, jener Welt nachhängt, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, Zank und Streit liebt, hadert, sich in scharfe Reden einlässt, so ist sein Herz eben umsponnen. Er aber erkennt: ›Es ist keine Umspinnung in mir, die mein Herz derart umsponnen hätte, dass ich nicht klar und richtig denken und sehn könnte. Wohl empfänglich ist mein Sinn, die Wahrheiten zu fassen.‹ Das ist die erste Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.
»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich also: ›Weil ich nun jene Ansicht hege und pflege und ausbilde, gelang’ ich da zur eigenen Ebbung, gelang’ ich da zur eigenen Erlöschung?‹ Und er erkennt: ›Weil ich jene Ansicht hege und pflege und ausbilde gelang’ ich zur eigenen Ebbung, gelang’ ich zur eigenen Erlöschung.‹ Das ist die zweite Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.
»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich also: ›Jene Ansicht, die ich mir angeeignet habe, kann die wohl auch außerhalb dieser Regel von einem anderen Asketen oder Priester ganz ebenso gefunden werden?‹ Und er erkennt: ›Jene Ansicht, die ich mir angeeignet habe, die kann nicht außerhalb dieser Regel von einem anderen Asketen oder Priester ganz ebenso gefunden werden.‹ {324} Das ist die dritte Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.
»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich also: ›Jene Art, die der Ansichtvertraute erworben hat, habe auch ich sie mir erworben?‹ Was für eine Art aber ist es, ihr Mönche, die der Ansichtvertraute erworben hat? Die Art des Ansichtvertrauten, ihr Mönche, ist diese: hat er irgendwie eine Uebertretung begangen, die gesühnt werden muss, so geht er alsbald zum Meister oder zu erfahrenen Ordensbrüdern, bekennt seine Schuld, deckt sie auf, legt sie dar, und hat er sie bekannt gemacht, aufgedeckt, dargelegt, so hütet er sich künftighin. Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein zarter Knabe, ein unvernünftiger Säugling, mit der Hand oder mit dem Fuße von ungefähr auf glühende Kohlen stoßend rasch zurückfährt: ebenso nun auch, ihr Mönche, ist es die Art des Ansichtvertrauten, dass er eine irgendwie begangene Uebertretung, die er sühnen muss, alsbald dem Meister oder erfahrenen Ordensbrüdern bekannt giebt, aufdeckt, darlegt und sich künftighin hütet. Und er erkennt: ›Jene Art, die der Ansichtvertraute erworben hat, die habe auch ich mir erworben.‹ Das ist die vierte Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.
»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich also: ›Jene Art, die der Ansichtvertraute erworben hat, habe auch ich sie mir erworben?‹ Was für eine Art aber ist es, ihr Mönche, die der Ansichtvertraute erworben hat? Die Art des Ansichtvertrauten, ihr Mönche, ist diese: haben die Ordensbrüder irgendwie da oder dort Obliegenheiten auf sich zu nehmen, so ist er mit Eifer dabei, und innig ist er bemüht hohe Tugend zu pflegen, hohen Sinn zu pflegen, hohe Weisheit zu pflegen. Gleichwie etwa, ihr Mönche, eine junge Mutterkuh die Hürde durchbricht und ihr Kälblein aufsucht: ebenso nun auch, ihr Mönche, ist es die Art des Ansichtvertrauten, dass er mit Eifer an allen Obliegenheiten der Ordensbrüder theilnimmt und innig bemüht ist hohe Tugend zu pflegen, hohen Sinn zu pflegen, hohe Weisheit zu pflegen. Und er erkennt: ›Jene Art, die der Ansichtvertraute erworben hat, die habe auch ich mir erworben.‹ Das ist die fünfte Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.
{325} »Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich also: ›Jene Kraft, die der Ansichtvertraute erworben hat, habe auch ich sie mir erworben?‹ Was für eine Kraft aber ist es, ihr Mönche, die der Ansichtvertraute erworben hat? Das ist die Kraft, ihr Mönche, des Ansichtvertrauten, dass er bei der Darlegung der Lehre und Ordnung des Vollendeten achtsam, aufmerksam, mit ganzem Gemüthe hingegeben, offenen Ohres die Lehre hört. Und er erkennt: ›Jene Kraft, die der Ansichtvertraute erworben hat, die habe auch ich mir erworben.‹ Das ist die sechste Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.
»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich also: ›Jene Kraft, die der Ansichtvertraute erworben hat, habe auch ich sie mir erworben?‹ Was für eine Kraft aber ist es, ihr Mönche, die der Ansichtvertraute erworben hat? Das ist die Kraft, ihr Mönche, des Ansichtvertrauten, dass er bei der Darlegung der Lehre und Ordnung des Vollendeten zum Verständniss des Sinnes, zum Verständniss der Lehre, zum verständnissvollen Genusse der Lehre gelangt. Und er erkennt: ›Jene Kraft, die der Ansichtvertraute erworben hat, die habe auch ich mir erworben.‹ Das ist die siebente Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.