DAS HAARSTRÄUBEN

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Vesālī, außerhalb der Stadt, in der Umgebung, am Saume des Waldes. Eben damals nun war Sunakkhatto, ein Licchavier-Prinz, erst vor kurzem aus dieser Heilsordnung ausgetreten. Der ließ sich überall in Vesālī also vernehmen: »Der Asket Gotamo besitzt nicht das überirdische reiche Heilthum der Wissensklarheit: eine grüblerisch vernagelte Lehre trägt der Asket Gotamo vor, die er selbst ersonnen und ausgedacht hat; und der Zweck, warum er seine Lehre darlegt, ist einfach der, dass sie dem Grübler zur gänzlichen Leidensversiegung ausreicht.«

Da nun begab sich der ehrwürdige Sāriputto, zeitig gerüstet, mit Mantel und Schaale versehn, auf den Almosengang nach Vesālī. Und es hörte der ehrwürdige Sāriputto, wie der Licchavier-Prinz Sunakkhatto in ganz Vesālī erzählte: »Der Asket Gotamo besitzt nicht das überirdische reiche Heilthum der Wissensklarheit: eine grüblerisch vernagelte Lehre trägt der Asket Gotamo vor, die er selbst ersonnen und ausgedacht hat; und der Zweck, warum er seine Lehre darlegt, ist einfach der, dass sie dem Grübler zur gänzlichen Leidensversiegung ausreicht.«

Nachdem nun der ehrwürdige Sāriputto in Vesālī von Haus zu Haus getreten war, kehrte er zurück, verzehrte sein Almosenmahl und ging hierauf zu der Stätte, wo der Erhabene weilte. Dort angelangt begrüßte er den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun der ehrwürdige Sāriputto zum Erhabenen also:

»Der Licchavier-Prinz Sunakkhatto, o Herr, der vor kurzem aus dieser Heilsordnung ausgetreten ist, der führt in ganz Vesālī solche Rede: ‚Der Asket Gotamo besitzt nicht das überirdische reiche Heilthum der Wissensklarheit: eine grüblerisch vernagelte Lehre trägt der Asket Gotamo vor, die er selbst ersonnen und ausgedacht hat; und der Zweck, warum er seine Lehre darlegt, ist einfach der, dass sie dem Grübler zur gänzlichen Leidensversiegung ausreicht.‘«

»Zornig, Sāriputto, ist Sunakkhatto, der eitle Mann: und nur im Zorn hat er diese Worte gesprochen. ›Tadeln will ich‹ meint, Sāriputto, jener Sunakkhatto, der eitle Mann, und lobt gerade damit den Vollendeten. Ein Lob ja ist es, Sāriputto, {69} des Vollendeten, wenn einer sagt: ›Und der Zweck, warum er seine Lehre darlegt, ist einfach der, dass sie dem Grübler zur gänzlichen Leidensversiegung ausreicht.‹

»Aber freilich wird da, Sāriputto, Sunakkhatto, dem eitlen Mann, jene Ahnung der Wahrheit bei mir nicht aufgehn, derart zwar: ›Das ist der Erhabene, Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene.‹ Und freilich wird da, Sāriputto, Sunakkhatto, dem eitlen Mann, auch jene Ahnung der Wahrheit bei mir nicht aufgehn, derart zwar: ›Das ist der Erhabene, der auf manigfaltige Weise Machtentfaltung an sich erfahren mag: als nur einer etwa vielfach zu werden, und vielfach geworden wieder einer zu sein; oder sichtbar und unsichtbar zu werden; auch durch Mauern, Wälle, Felsen hindurchzuschweben wie durch die Luft; oder auf der Erde auf- und unterzutauchen wie im Wasser; auch auf dem Wasser zu wandeln ohne unterzusinken wie auf der Erde; oder auch durch die Luft sitzend dahinzufahren wie der Vogel mit seinen Fittichen; auch etwa diesen Mond und diese Sonne, die so mächtigen, so gewaltigen, mit der Hand zu befühlen und zu berühren; etwa gar bis zu den Brahmawelten den Körper in seiner Gewalt zu haben.‹ Und freilich wird da, Sāriputto, Sunakkhatto, dem eitlen Mann, auch jene Ahnung der Wahrheit bei mir nicht aufgehn, derart zwar: ›Das ist der Erhabene, der mit dem himmlischen Gehör, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, beide Arten der Töne hört, die himmlischen und die irdischen, die fernen und die nahen.‹ Und freilich wird da, Sāriputto, Sunakkhatto, dem eitlen Mann, auch jene Ahnung der Wahrheit bei mir nicht aufgehn, derart zwar: ›Das ist der Erhabene, der der anderen Wesen, der anderen Personen Herz und Gemüth durchschaut und erkennt: das begehrliche Herz erkennt er als begehrlich und das begehrlose Herz als begehrlos, das gehässige Herz als gehässig und das hasslose Herz als hasslos, das irrende Herz als irrend und das irrlose Herz als irrlos, das gesammelte Herz als gesammelt und das zerstreute Herz als zerstreut, das hochstrebende Herz als hochstrebend und das niedrig gesinnte Herz als niedrig gesinnt, das edle Herz als edel und das gemeine Herz als gemein, das beruhigte Herz als beruhigt und das ruhelose Herz als ruhelos, das erlöste Herz erkennt er als erlöst und das gefesselte Herz als gefesselt.‹

»Zehn Tugenden sind es, Sāriputto, die dem Vollendeten taugen, die dem Vollendeten eignen, um das Auffallende zu verstehn, um unter den Leuten den Löwenruf erschallen zu lassen, um das Reich der Heiligkeit zu begründen: welche zehn? Da versteht, Sāriputto, der Vollendete das Aechte als ächt und das Falsche als falsch der Wahrheit gemäß. Was da, Sāriputto, der Vollendete Aechtes als ächt und Falsches als falsch der Wahrheit gemäß versteht, das eben, Sāriputto, taugt dem Vollendeten als Tugend, {70} eignet dem Vollendeten als Tugend, um das Auffallende zu verstehn, um unter den Leuten den Löwenruf erschallen zu lassen, um das Reich der Heiligkeit zu begründen. Weiter sodann, Sāriputto, kennt der Vollendete vergangener, zukünftiger und gegenwärtiger Handlungen ächte und wirkliche Folgen der Wahrheit gemäß. Was da, Sāriputto, der Vollendete als ächte und wirkliche Folgen vergangener, zukünftiger und gegenwärtiger Handlungen der Wahrheit gemäß kennt, das eben, Sāriputto, taugt dem Vollendeten als Tugend, eignet dem Vollendeten als Tugend, um das Auffallende zu verstehn, um unter den Leuten den Löwenruf erschallen zu lassen, um das Reich der Heiligkeit zu begründen. Weiter sodann, Sāriputto, kennt der Vollendete den Pfad, der überallhin führt, der Wahrheit gemäß. Was da, Sāriputto, der Vollendete als überallhin führenden Pfad der Wahrheit gemäß kennt, das eben, Sāriputto, taugt dem Vollendeten als Tugend, eignet dem Vollendeten als Tugend, um das Auffallende zu verstehn, um unter den Leuten den Löwenruf erschallen zu lassen, um das Reich der Heiligkeit zu begründen. Weiter sodann, Sāriputto, weiß der Vollendete der Wahrheit gemäß, wie die Welt aus einzelnen Elementen, aus verschiedenen Elementen besteht. Was da, Sāriputto, der Vollendete als Bestehn der Welt aus einzelnen Elementen, aus verschiedenen Elementen der Wahrheit gemäß weiß, das eben, Sāriputto, taugt dem Vollendeten als Tugend, eignet dem Vollendeten als Tugend, um das Auffallende zu verstehn, um unter den Leuten den Löwenruf erschallen zu lassen, um das Reich der Heiligkeit zu begründen. Weiter sodann, Sāriputto, kennt der Vollendete der Wesen verschieden geartete Neigungen der Wahrheit gemäß. Was da, Sāriputto, der Vollendete als der Wesen verschieden geartete Neigungen der Wahrheit gemäß kennt, das eben, Sāriputto, taugt dem Vollendeten als Tugend, eignet dem Vollendeten als Tugend, um das Auffallende zu verstehn, um unter den Leuten den Löwenruf erschallen zu lassen, um das Reich der Heiligkeit zu begründen. Weiter sodann, Sāriputto, kennt der Vollendete das durch die Sinne gesetzte Maaß der anderen Wesen, der anderen Personen der Wahrheit gemäß. Was da, Sāriputto, der Vollendete als durch die Sinne gesetztes Maaß der anderen Wesen, der anderen Personen der Wahrheit gemäß kennt, das eben, Sāriputto, taugt dem Vollendeten als Tugend, eignet dem Vollendeten als Tugend, um das Auffallende zu verstehn, um unter den Leuten den Löwenruf erschallen zu lassen, um das Reich der Heiligkeit zu begründen. Weiter sodann, Sāriputto, kennt der Vollendete Schuld, Reinheit und Mündung der Schauenden, Abgelösten, Vertieften der Wahrheit gemäß. Was da, Sāriputto, der Vollendete als Schuld, Reinheit und Mündung der Schauenden, Abgelösten, Vertieften der Wahrheit gemäß kennt, das eben, Sāriputto, taugt dem Vollendeten als Tugend, eignet dem Vollendeten als Tugend, um das Auffallende zu verstehn, um unter den Leuten den Löwenruf erschallen zu lassen, um das Reich der Heiligkeit zu begründen. Weiter sodann, Sāriputto, erinnert sich der Vollendete an manche verschiedene frühere Daseinsform, als wie an ein Leben, dann an zwei Leben, dann an drei Leben, dann an vier Leben, dann an fünf Leben, dann an zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann an dreißig Leben, dann an vierzig Leben, dann an fünfzig Leben, dann an hundert Leben, dann an tausend Leben, dann an hunderttausend Leben, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen, dann an die Zeiten während mancher Weltenvergehungen, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen-Weltenvergehungen. ›Dort war ich, jenen Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an, das war mein Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende; dort verschieden trat ich anderswo wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen Namen hatte ich, dieser Familie gehörte ich an, dies war mein Stand, dies mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende; da verschieden trat ich hier wieder ins Dasein.‹ So erinnert er sich an manche verschiedene frühere Daseinsform, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen Beziehungen. Was da, Sāriputto, der Vollendete als manche verschiedene frühere Daseinsform der Wahrheit gemäß wiedersieht, das eben, Sāriputto, taugt dem Vollendeten als Tugend, eignet dem Vollendeten als Tugend, um das Auffallende zu verstehn, um unter den Leuten den Löwenruf erschallen zu lassen, um das Reich der Heiligkeit zu begründen. Weiter sodann, Sāriputto, sieht der Vollendete mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, er erkennt wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. ›Diese lieben Wesen sind freilich in Thaten dem Schlechten zugethan, in Worten dem Schlechten zugethan, in Gedanken dem Schlechten zugethan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, thun Verkehrtes; bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, {71} gelangen sie auf den Abweg, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere Welt. Jene lieben Wesen sind aber in Thaten dem Guten zugethan, in Worten dem Guten zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan, tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes; bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, gelangen sie auf gute Fährte, in sälige Welt.‹ So sieht er mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, er erkennt wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. Was da, Sāriputto, der Vollendete als Wiedererscheinen der Wesen je nach den Thaten der Wahrheit gemäß sieht, das eben, Sāriputto, taugt dem Vollendeten als Tugend, eignet dem Vollendeten als Tugend, um das Auffallende zu verstehn, um unter den Leuten den Löwenruf erschallen zu lassen, um das Reich der Heiligkeit zu begründen. Weiter sodann, Sāriputto, hat der Vollendete durch die Wahnversiegung die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen. Was da, Sāriputto, der Vollendete durch die Wahnversiegung als wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen hat, das eben, Sāriputto, taugt dem Vollendeten als Tugend, eignet dem Vollendeten als Tugend, um das Auffallende zu verstehn, um unter den Leuten den Löwenruf erschallen zu lassen, um das Reich der Heiligkeit zu begründen.

»Das, Sāriputto, sind die zehn Tugenden, die dem Vollendeten taugen, die dem Vollendeten eignen, um das Auffallende zu verstehn, um unter den Leuten den Löwenruf erschallen zu lassen, um das Reich der Heiligkeit zu begründen.