»Eben das Ding, Mahānāmo, haust noch in dir, dass sich dein Herz zuweilen von Regungen der Gier, von Regungen des Hasses, von Regungen der Irre beeinflussen lässt. Denn würde, Mahānāmo, dieses Ding nicht mehr in dir hausen, so wolltest du nicht in der Familie bleiben, keine Begierden genießen. Weil nun aber, Mahānāmo, eben dieses Ding noch in dir haust, desshalb bleibst du in der Familie, genießest Begierden.

»‚Unbefriedigend sind die Begierden, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend überwiegt‘: wenn der heilige Jünger, Mahānāmo, diesen Satz der Wahrheit gemäß mit vollkommener Weisheit erkannt hat, aber er findet außer den Begierden, außer dem Schlechten keine Glücksäligkeit und nichts Besseres, so tanzt er eben immer noch um die Begierden herum. Sobald aber, Mahānāmo, der heilige Jünger den Satz ›Unbefriedigend sind die Begierden, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend überwiegt‹ der Wahrheit gemäß mit vollkommener Weisheit erkannt hat, und er findet außer den Begierden, außer dem Schlechten Glücksäligkeit und Besseres, so tanzt er nicht mehr um die Begierden herum.

{92} »Auch ich, Mahānāmo, hatte schon vor der vollen Erwachung, als unvollkommen Erwachter, Erwachung erst Erringender den Satz ›Unbefriedigend sind die Begierden, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend überwiegt‹ der Wahrheit gemäß mit vollkommener Weisheit erkannt, doch außer den Begierden, außer dem Schlechten fand ich keine Glücksäligkeit und nichts Besseres, und so gewahrte ich denn, dass ich eben immer noch um die Begierden herumtanzte. Sobald ich aber, Mahānāmo, den Satz ›Unbefriedigend sind die Begierden, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend überwiegt‹ der Wahrheit gemäß mit vollkommener Weisheit erkannt und außer den Begierden, außer dem Schlechten Glücksäligkeit gefunden hatte und Besseres, da gewahrte ich, dass ich nicht mehr um die Begierden herumtanzte.

»Was ist nun, Mahānāmo, Befriedigung des Begehrens? Fünf Begehrungen giebt es, Mahānāmo, und welche fünf? Die durch das Gesicht ins Bewusstsein tretenden Formen, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden, reizenden; die durch das Gehör ins Bewusstsein tretenden Töne, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden, reizenden; die durch den Geruch ins Bewusstsein tretenden Düfte, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden, reizenden; die durch den Geschmack ins Bewusstsein tretenden Säfte, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden, reizenden; die durch das Getast ins Bewusstsein tretenden Tastungen, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden, reizenden. Das sind, Mahānāmo, die fünf Begehrungen. Was da Wohl und Erwünschtes diesen fünf Begehrungen gemäß geht ist Befriedigung des Begehrens.

»Was ist nun, Mahānāmo, Elend des Begehrens? Da erwirbt sich, Mahānāmo, ein Sohn des Hauses seinen Unterhalt durch ein Amt, sei es als Schreiber oder als Rechner oder Verwalter, als Landwirt oder als Kaufmann oder als Heerdenzüchter, als Soldat oder Minister des Königs, oder durch irgend einen anderen Dienst, ist der Hitze ausgesetzt, ist der Kälte ausgesetzt, muss Sonne und Wind Trotz bieten, sich mit Mücken, Wespen und Kriechthieren herumschlagen, wird von Hunger und Durst aufgerieben. Das aber, Mahānāmo, ist Elend des Begehrens, ist die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren entstanden, durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren schlechthin bedingt.

{86} »Wenn diesem Sohne des Hauses, Mahānāmo, der sich also abmüht, plagt und quält, kein Reichthum erblüht, so wird er bekümmert und schwermüthig, klagt, schlägt sich stöhnend die Brust, geräth in Verzweiflung: ›Vergeblich, ach, ist mein Streben, meine Mühe hat keinen Zweck!‹ Das aber, Mahānāmo, ist Elend des Begehrens, ist die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren entstanden, durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren schlechthin bedingt.

»Wenn diesem Sohne des Hauses, Mahānāmo, der sich also abmüht, plagt und quält, Reichthum erblüht, so nagt ihn sorgende Pein um die Erhaltung dieses Reichthums: ›Dass mir meine Güter nur nicht von Königen eingezogen, oder von Räubern geplündert, oder vom Feuer verzehrt, oder vom Wasser weggespült, oder von feindlichen Verwandten entrissen werden!‹ Und indem er seine Güter wahrt und schützt werden sie ihm von Königen eingezogen, oder von Räubern geplündert, oder vom Feuer verzehrt, oder vom Wasser weggespült, oder von feindlichen Verwandten entrissen. Da wird er bekümmert und schwermüthig, klagt, schlägt sich stöhnend die Brust, geräth in Verzweiflung: ›Meinen Besitz, den haben wir nicht mehr!‹ Das aber, Mahānāmo, ist Elend des Begehrens, ist die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren entstanden, durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren schlechthin bedingt.

»Weiter sodann, Mahānāmo: von Begehren getrieben, von Begehren gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus eitel Begehren streiten Könige mit Königen, Fürsten mit Fürsten, Priester mit Priestern, Bürger mit Bürgern, streitet die Mutter mit dem Sohne, der Sohn mit der Mutter, der Vater mit dem Sohne, der Sohn mit dem Vater, streitet Bruder mit Bruder, Bruder mit Schwester, Schwester mit Bruder, Freund mit Freund. Also in Zwist, Zank und Streit gerathen gehn sie mit Fäusten aufeinander los, mit Steinen, Stöcken und Schwerdtern. Und so eilen sie dem Tode entgegen oder tödtlichem Schmerze. Das aber, Mahānāmo, ist Elend des Begehrens, ist die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren entstanden, durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren schlechthin bedingt.

»Weiter sodann, Mahānāmo: von Begehren getrieben, von Begehren gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus eitel Begehren stürzen sie sich, Schild und Schwerdt in den Händen, gegürtet mit Köcher und Bogen, von beiden Seiten der Schlachtordnung in den Kampf, und die Pfeile schwirren und die Speere sausen und die Schwerdter blitzen. Und sie durchbohren sich mit Pfeilen, durchbohren sich mit Speeren, spalten sich mit den Schwerdtern die Köpfe. Und so eilen sie dem Tode entgegen oder tödtlichem Schmerze. Das aber, Mahānāmo, ist Elend des Begehrens, ist die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren entstanden, durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren schlechthin bedingt.