GRÖSSERES BILD

Auch die Australierin säugt ihre Kinder lange Zeit, in der Regel vier bis fünf Jahre lang. Solvado beobachtete nicht selten, daß Knaben ihr Waffenspiel unterbrachen und zur Mutter eilten, die gerade einem jüngeren Kinde die Brust reichte und sie auch damit versorgte.

Bis zum Alter von etwa sieben Jahren wachsen die Knaben mit den Mädchen zusammen unter der Obhut der Mutter auf, dann werden sie getrennt; sie erhalten fortan Unterweisung in mancherlei Künsten. So eignen sie sich die Kenntnisse, die sie als Jäger brauchen, an, indem sie im Lande umherstreifen und die Beschaffenheit und den Aufenthaltsort von Tieren und Pflanzen, die als Nahrung dienen, kennen lernen; dadurch erwerben sie sich gleichzeitig eine staunenswerte Beobachtungsgabe. Sie werden ferner in dem Gebrauch der Waffen unterwiesen und erfahren das Nötigste von den Gebräuchen des Stammes. Alles dieses wird den Knaben gleichsam spielend beigebracht, nicht durch systematische Belehrung. Bei einigen Stämmen ist es Sitte, die Knaben, sobald sie das richtige Alter erreicht haben, aus dem Heimatdorfe fortzuschicken, um einige Monate unter den Leuten einer anderen Gruppe desselben Stammes oder auch von fremden Stämmen zuzubringen und hier ebenfalls Erfahrungen zu sammeln. Während dieses Aufenthaltes kümmern sich die Männer der Gruppe, bei welcher der Knabe untergebracht ist, um seine Erziehung; er lernt dadurch andere Orte und Gebräuche kennen, gewinnt neue Freunde und zieht manchen Vorteil für sein späteres Leben aus solcher „Pension“. Nach Ablauf dieser Zeit kehrt er in die Heimat zurück, wobei ihn ein paar Männer begleiten, die hier einige Tage lang bewirtet werden, und wird dann als Mann aufgenommen; dieses Ereignis wird für gewöhnlich durch irgend eine Zeremonie zum Ausdruck gebracht. Die Stammesgruppe, die sich in der geschilderten Weise für den Knaben verpflichtete, pflegt meistens einen ihrer eigenen Knaben zur Erziehung der Gruppe zu übergeben, aus welcher dieser Knabe stammt; es besteht also gleichsam ein Austausch der Kinder. Dieser beschränkt sich aber nicht nur auf bestimmte Gruppen, sondern der eine Knabe geht in diese, der andere in jene Gruppe zur Ausbildung. Es bahnt sich dadurch ein engeres Verhältnis zwischen den einzelnen Personen wie zwischen den verschiedenen Gruppen eines und auch eines fremden Stammes an.

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 202. Tanzunterricht der Knaben für einen Korroborie.

Der alte Mann lehrt sie diesen Tanz. Er singt und schlägt den Takt dazu mit zwei Bumerangs.

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 203. Zeremonialgegenstände der Australier.