Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 238. Bestattungsbrauch bei den Warramunga: Schlußszene bei einem Begräbnis.

Die Männer stellen sich breitbeinig einer hinter dem andern auf, die Weiber kriechen zwischen ihren Beinen hindurch. Die letzte der Frauen trägt dabei den schön geschmückten Armknochen des Toten; sobald sie am Ende angelangt ist, entreißt man ihr denselben. Hierauf wird der Armknochen entzweigeschlagen und vergraben. Die Weiber fliehen, sobald sie das Krachen des Knochens hören, schreiend in ihr Lager zurück.

Die sittlichen Anschauungen der Australier sind in mancher Hinsicht recht lockere, wenngleich wir sagen müssen, daß die Weiber, was zum Beispiel die Bloßstellung ihrer Geschlechtsteile anbetrifft, sichtliches Schamgefühl bekunden. Keuschheit der jungen Mädchen ist aber ein unbekannter Begriff; sie verlieren, sobald sich der Fortpflanzungstrieb bei ihnen einstellt, ihre geschlechtliche Reinheit; im Alter von acht bis zehn Jahren pflegen sie sich den Knaben preiszugeben. — Der Geschlechtstrieb scheint bei beiden Geschlechtern stark entwickelt zu sein und artet nicht selten in ganz unzüchtige Handlungen aus. Bei den Borazeremonien ist es gang und gäbe, daß den Novizen ganz unzüchtige pantomimische Tänze vorgeführt werden, die ihnen angeblich zur Abschreckung dienen sollen.

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 239. Bestattungsbrauch bei den Warramunga.

Die Weiber warten auf die Zeremonie des Durchkriechens (siehe Abb. 238). Die angemalte alte Frau im Vordergrund hält das Bündel mit dem Armknochen, eine andere hat in einer Mulde gekochte Schlangen für die alten Männer.

Den mutmaßlichen Zweck der Mikaoperation deuteten wir bereits an anderer Stelle an. Sie besteht in einer Bloßlegung der männlichen Harnröhre durch Aufschlitzen des Gliedes an seiner unteren Seite mittels eines zugespitzten Feuersteinmessers oder einer Muschel, neuerdings auch mittels Glassplitters und in einem Auseinanderzerren der Wundränder, beziehungsweise Verhindern ihres Zusammenheilens. Über die mögliche Entstehungsursache dieser Unsitte, die sich über fast zwei Drittel Nordwestaustraliens verbreitet findet, gehen die Ansichten sehr auseinander; Roth und nach ihm Klaatsch bringen Gründe für die Annahme bei, daß die so geschaffene Öffnung am Gliede gleichgeschlechtlichem Verkehr diene; jedoch dürfte dies wohl kaum der alleinige Grund sein, denn dagegen spricht meines Erachtens die große Verbreitung der Mikaoperation. Lumbholtz berichtet, daß in dem von ihm besuchten Gebiete nur etwa fünf von hundert Knaben von ihr bewahrt blieben. Auf der anderen Seite wieder steht fest, daß die Australier sehr zu widernatürlichem Geschlechtsverkehr hinneigen. Die Operation wird meistens in den Knaben- und Jünglingsjahren vorgenommen, jedoch werden ihr auch noch verheiratete Männer unterworfen.