Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 240. Einsammeln der Totenknochen bei den Warramunga,
wobei die Männer sie nicht mit den Händen berühren dürfen.
Vielfach begegnet man der Meinung, daß die Wilden in beständigen gegenseitigen Fehden lägen. Für andere Länder mag dies wohl teilweise zutreffen, nicht jedoch für Australien. Hier bilden Kriegszüge ([Abb. 231] und [232]) nur die Ausnahme. Zwar betrachtet der Australier jeden Fremden, den er antrifft, auch jeden Schwarzen für seinen persönlichen Feind und sucht sich seiner nach Möglichkeit zu entledigen, aber, da er meistens im Bereich seiner Heimat bleibt, so kommen derartige Zusammenstöße nur vereinzelt vor. Jede Ortsgruppe bewohnt ihr bestimmtes Gebiet, in dem sie umherzieht, Eroberungsgelüste kennt der Australier nicht, und das Land bietet Raum genug für die wenigen Horden. Somit bekommt er wenig Fremde zu Gesicht, es müßte denn sein, daß er, um Besuche zu machen, weite Märsche unternimmt ([Abb. 233]). Dagegen herrscht bei vielen Stämmen der Brauch, den Tod eines Angehörigen zu rächen. Wir hörten bereits oben, daß man den Tod einer Person einer Verzauberung zuschreibt und durch Vermutung den Urheber herauszubekommen sucht, wobei meistens ein Medizinmann hilfreiche Hand leistet. Kann man den Schuldigen nicht ermitteln oder hält man es aus irgend einem Grunde für rätlich, ihn öffentlich nicht zu töten, so verhängt man gleichfalls einen Zauber über ihn. Zu diesem Zweck senden die Arunta einen Schamanen unter Begleitung eines gewöhnlichen Mannes nach dem Orte, wo sich der vermeintliche Mörder aufhält, aus. Um seine Spuren zu verdecken, trägt er an seinen Füßen ganz weiche Schuhe, die aus durch Menschenblut zusammengeklebten Emufedern hergestellt und von einem taschenförmigen, aus Menschenhaar geknüpften Netz umspannt sind; außerdem umschließt er seinen Leib mit einem Zaubergürtel aus dem Haar eines toten Kriegers, bemalt sich Brust und Gesicht und schmückt sich den Kopf mit Federbüscheln und Blättern. Im Dunkel der Nacht sucht er das erkorene Opfer durch einen Speerstoß zu töten oder wenigstens durch Verwünschungen oder Verrichtungen mit zauberkräftigen Gegenständen Unheil und Tod über dasselbe zu verhängen. In anderen Fällen wieder wird ein Rachezug nach der Gegend hin unternommen, wo man den Täter anzutreffen hofft. Die Bluträcher, bei den Diäri zum Beispiel durch ein weißes Stirnband kenntlich, schleichen sich in die Nähe des Lagers, kundschaften aus, wo sich ihr Opfer befindet, beschmieren ihren Körper sodann mit weißer Farbe, um sich unkenntlich zu machen, und dringen um Mitternacht ins Lager. Meistens pflegt keiner der Eingeborenen im Augenblick Widerstand zu leisten, selbst die Weiber sind so eingeschüchtert, daß sie keinen Laut von sich zu geben wagen. Sobald der dem Tode Geweihte herausgefunden ist, muß er seine Hütte verlassen und wird dann draußen durch Speerwürfe getötet. Natürlich verschwören sich die so Überrumpelten nicht selten zu einem Vergeltungszug.
Phot. Dr. Hose.
Abb. 241. Höhlengrab in Nordwestaustralien.
Die an den Wänden angebrachten Figuren ohne Mund stellen wahrscheinlich überirdische Wesen dar.
Ganz sonderbare Zeremonien werden an den Teilnehmern eines solchen Zuges vorgenommen. Bei den Arunta stellt sich ein Bruder des Ermordeten aus den Haaren des Toten einen Gürtel her, klemmt ihn in seiner Achselhöhle fest, kniet vor jedem Krieger, der sich beteiligen will, nieder, legt sein Geschlechtsglied in dessen Hand und reibt es darin, alsdann nimmt er den Gürtel aus seiner Achselhöhle heraus und drückt ihn gegen den Bauch seines Partners. Dadurch soll dieser zum Kampfe gestärkt und gleichzeitig zur Teilnahme an ihm verpflichtet werden. Vor dem Ausrücken tanzen die Krieger um ihre Speere. Die Führer gehen während des Rachezuges an jeden Teilnehmer heran, geben ihm das eine Ende des Haargürtels in den Mund, während sie das andere an ihr Glied halten, wobei sie sich umarmen. Außerdem gehen dem Zusammenstoße mit dem Gegner manchmal Kriegstänze voraus ([Abb. 231] und [235]).