Abb. 378. Eine andamanesische Mutter,
die ebenso wie ihr Kind am Kopfe geschoren ist.
Die Religion der Andamanesen besteht in der einfachsten Form des Animismus, das heißt sie beschränkt sich auf eine unbestimmte Furcht vor den Geistern der Ahnen und den bösen Geistern des Waldes, der See und der Krankheit; sie ist darauf bedacht, Handlungen zu vermeiden, die für diese unangenehm sind. Außerdem kennen sie eine Art höchsten Wesens, den Sturmgott, Puluga genannt, der früher auf der Erde auf dem höchsten Berge der Andamanen lebte, jetzt aber im Himmel in einem großen Hause wohnt. Er hat die ganze Welt und alle Dinge geschaffen, ausgenommen die bösen Kräfte. Daher besitzt er auch über diese keine Macht; er begnügt sich damit, ihnen seine Beleidiger anzugeben. Puluga hat auch eine Frau, die er sich selbst schuf, und viele Kinder, die sich im Verein mit der Mutter damit vergnügen, von Zeit zu Zeit Fische und Krabben in die Flüsse und in das Meer für die Bewohner der Erde zu werfen. Verehrung oder Gottesdienst kommt bei den Andamanesen in keinerlei Form vor. Man braucht sich gar nicht weiter um die höchste Gottheit zu kümmern, darf nur das nicht tun, wodurch sie veranlaßt werden könnte, den Ertrag des Dschungels zu schädigen. Jedoch kennen sie einige Maßregeln, um sich vor Unglück zu schützen. So tragen sie stets Feuer bei sich, um den Waldgeist zu verscheuchen, sie werfen explodierende Blätter ins Feuer und verbrennen Bienenwachs, um den Sturmgeist fernzuhalten, sie schwirren mit dem Bogen und machen sich dabei lustig über den Mond bei einer Finsternis und ähnliches mehr. Die Andamanesen glauben stark an Träume, die oft genug ihr späteres Benehmen beeinflussen, auch an die Aussprüche weiser Männer, von solchen, die prophetische Träume haben, mit einem zweiten Gesicht begabt sind und die Macht besitzen, mit Geistern zu verkehren, oder imstande sind, Glück und Unglück herbeizuführen. Solche Leute betreiben eine primitive Zauber- und Hexenkunst und ziehen dabei für sich Nutzen aus den Dingen, die sie zu diesem Zweck mit Tabu belegen. Der Andamanese hat eine bestimmte Vorstellung über die Seele, die er von seinem Spiegelbild im Wasser, nicht von seinem Schatten herleitet. Sie wandert nach dem Tode in eine andere Dschungelwelt und lebt dort, wie sie hier auf Erden gelebt hat; hin und wieder besucht sie die Erde und bekundet eine deutliche Neigung, in andere Wesen einzugehen. Demnach hat jedes empfangene Kind schon vorher ein Dasein geführt. Auch Tieren und im besonderen Vögeln werden menschliche Eigenschaften beigelegt. Gefangene, die von den Andamanesen ermordet worden waren, fand man mit schweren Steinen bedeckt, um die Vögel zu warnen, daß sie den Engländern nicht verrieten, was vorgefallen war, und wohin sich die Mörder begeben hatten. Die Andamanesen besitzen eine Unmasse Märchen, an deren Wirklichkeit sie glauben; in ihnen spielt die Verwandlung von Menschen in Tiere, Vögel, Fische, Steine und andere Gegenstände eine große Rolle; daher erblicken sie in den wichtigsten Tieren ihrer Fauna die tierischen Formen ihrer Ahnen.
Phot. E. H. Man.
Abb. 379. Pfahlbaudorf der Nikobaresen zu Camorta Harbour.
Die großen Gebäude sind Wohnhäuser, die kleineren mit geradem Dach Küchenhäuser. Die Stangen zur Linken sind zum Schutze gegen die bösen Geister aufgestellt.
Das Kind erhält bereits vor der Geburt seinen Namen, der beim männlichen Geschlecht allerdings meist bei Eintritt der Mannbarkeit, bei der Hochzeit und im höheren Alter einen Wechsel oder eine Abänderung erfährt. Heißt ein Knabe zum Beispiel Hira, so wird dieser Name bei der Reife in Guma-hira, bei der Hochzeit in Maya-hira und im Alter in Maya-jangi-hira umgeändert. Hübsch ist die Sitte, ein Mädchen bei der zweiten Namensgebung nach einem von sechzehn auserwählten Bäumchen zu benennen, das gerade um die Zeit, in der es das Reifealter erreicht, blüht. Am Morgen nach der Geburt wird dem Kinde das Kopfhaar geschoren; würde dies sofort geschehen, dann könnte das Kind sterben. Auch an der Mutter wird dieses Verfahren, wenn auch nur teilweise, vorgenommen ([Abb. 378]). Bald nach der Geburt formt der Vater dem Kinde den Kopf, indem er mit angewärmten Händen ihn von allen Seiten zusammendrückt; in gleicher Weise verfährt er mit den übrigen Körperknochen. — Merkwürdig ist der Brauch, daß innerhalb des Stammes einer die Kinder des anderen annimmt; Kinder, die nach dem sechsten oder siebenten geboren werden, leben daher selten bei ihren Eltern. Haben die Knaben und Mädchen die Zeit der Reife erreicht, so finden bestimmte Einweihungsfeierlichkeiten statt. Nachdem sie Jahre hindurch bestimmten Speiseverboten (Enthalten des Genusses von Schildkröten, Schweinen, bestimmten Fischen, Honig und so weiter) sich unterworfen haben, werden diese Verbote durch besondere Feiern gruppenweise wieder aufgehoben. Eine zeitweise Absonderung der Novizen findet aber nicht statt, und beide Geschlechter dürfen an den Feierlichkeiten teilnehmen.
Phot. E. H. Man.