Aus: Hesse-Wartegg, Samoa.
Abb. 29. Samoaner beim Reinigen ihrer Wäsche am Vaisinganofluß bei Azin.
Von den Unterhaltungen der Polynesier steht der Tanz oben an; er darf bei keiner zeremoniellen Veranstaltung fehlen. Gegenstand des Tanzes sind gelegentlich die Taten der Vorfahren und Halbgötter ([Abb. 25] und [27]). Merkwürdigerweise besteht er vielfach weniger in den Bewegungen der Füße, wie bei den sogenannten klassischen Tänzen, sondern vielmehr in einem Spiel der Hände und Arme ([Abb. 19]). Dies zeigt sich besonders an den Sitztänzen, die für Samoa typisch sind ([Abb. 21] bis [23]), obgleich wir ähnlichen, wenn auch unbedeutenderen Vorstellungen in Mikronesien begegnen. Auf Samoa laden die Bewohner eines Dorfes häufig die eines andern zu einem Tanze ein; ein solcher vollzieht sich unter großen Förmlichkeiten und fängt gewöhnlich mit einem oder mehreren dieser Sitztänze an, bei dem die Taupu, die Häuptlingstochter, in Begleitung von zehn Dorfschönheiten die Hauptrolle spielt. Bei solchen zeremoniellen Gelegenheiten trägt sie und der Erbe des Häuptlings, sofern ein solcher anwesend ist, einen eigenartigen, wertvollen Kopfputz, der aus Menschenhaar angefertigt und mit drei aus ihm hervorragenden perlmuschelbesetzten Stäben, sowie einem Band aus buntschillernden Muscheln quer über die Stirn verziert ist ([Abb. 24] und [26]). Ein Chor, der hinter den Aufführenden sitzt, begleitet ihren Tanz mit Liedern und schlägt den Takt dazu auf Matten, die um einen Bambusstamm gerollt sind. Hieran schließen sich stehende Tänze, die einen mimischen Charakter tragen und Vorgänge des täglichen Lebens, zum Beispiel das Aufspeeren von Fischen und den Schildkrötenfang zur Darstellung bringen. Die Bewegungen der Tänzer sind äußerst anmutig, und der Ruhm einer besonders gewandten Taupu breitet sich weit über die Grenzen ihres eigenen Landes aus. Auch auf Neuseeland gibt es Sitztänze, bei denen die Mädchen die Einzelheiten einer Kanufahrt oder eines ähnlichen Vorganges vorführen. Noch ein Tanz verdient Erwähnung, es ist der Handklatschtanz auf den Gilbertinseln, bei dem vier Tänzer den Takt zu ihrem Liede angeben, indem sie sich gegenseitig auf die Hände schlagen, wie unsere Kinder dies beim Händeklatschen tun. Von den markanteren Tänzen wollen wir den Hula der Hawaier nennen, der deswegen interessant erscheint, weil die weiblichen Tänzer teilweise noch den alten Blätterfaltenrock und Blumenkränze tragen, die das anmutige Kostüm vorzivilisierter Zeiten ausmachten ([Abb. 30] bis [32]). Die Bewegungen dieses Tanzes, sowie mancher anderen Polynesiens, sind oft genug recht lasziv und dazu angetan, die geschlechtlichen Begierden der Teilnehmer und Zuschauer wachzurufen; nicht selten endigen sie in sexuelle Orgien und einen allgemeinen geschlechtlichen Verkehr. — In den direkt Kraft und Energie erfordernden Tänzen (Kriegstänze) stehen die Neuseeländer unübertroffen da ([Abb. 33] und [34]). Leider sind diese Tänze bei weitem nicht mehr das, was sie noch im Anfange des vorigen Jahrhunderts waren, als unter dem Gestampfe von Hunderten von Füßen, die mit einem einzigen Schlage aufsetzten, die Erde erdröhnte und die Verzerrungen im Gesichte der Tänzer, die ihre Augen rollen ließen und die Zunge möglichst weit hervorstreckten — beides ein erstrebenswertes Ziel der Übungen — großen Schrecken einflößten.
Phot. H. J. Shepstone.
Abb. 30. Eine Musikbande beim Hulatanz,
die Trommeln sind aus großen Kürbisfrüchten hergestellt.
Phot. H. J. Shepstone.