Phot. Antonio.
Abb. 402. Ein siamesischer Knabe, zur Zeremonie des Haarknotenabschneidens vorbereitet.
Er ist in schöne Gewänder gekleidet und mit den Familienkostbarkeiten geschmückt.
Allerlei Gebräuche knüpfen sich auch an die wichtigsten Augenblicke im Leben der Siamesen. Sobald ein Kind geboren ist, wird es von der weisen Frau sogleich auf Anzeichen hin untersucht, die dem Wahrsager als Unterlage dienen könnten, um ihm die Zukunft zu prophezeien, und dann sich selbst überlassen, während die Mutter, auf einem Plankenbett liegend, der Hitze eines großen Feuers ausgesetzt wird, das angeblich ihre Genesung beschleunigen soll. Ist das Kind einen Monat alt geworden, dann wird ihm feierlichst der Kopf glatt geschoren und vom Familienwahrsager das Horoskop gestellt. Um die Zeit herum, wenn es die ersten Schritte macht, wird der Wahrsager noch einmal herbeigerufen und, nachdem er von neuem das Horoskop und andere üble Vorbedeutungen in Betracht gezogen hat, ein Name für das Kind unter denen ausgewählt, die sich für das Jahr, den Monat, Tag und Augenblick am besten eignen. Um das Horoskop zu stellen, bedient man sich einer Tafel ([Abb. 401]), die um den Mittelpunkt angeordnet in zwölf Segmenten je eine Figur trägt (Buddhapyramide, Drache, Zauberin, Wahrsager, silberner und goldener Sonnenschirm, Mann ohne Kopf und so weiter). Jeder von ihnen kommt eine besondere glück- oder unglückbringende Bedeutung für die Begebenheiten des täglichen Lebens zu. Bei der Benutzung dieser Wahrsagetafel fängt man bei der Buddhapyramide an zu zählen und geht, wenn es sich um ein männliches Wesen handelt, nach links, wenn um ein weibliches, nach rechts herum. Zunächst zählt man die Wochentage, dann in gleicher Weise die Monattage und schließlich die Jahre, von denen jedes unter einem der zwölf Zeichen steht, von dem gleichen Ausgangspunkt aus ab, bis man zu seinem Datum kommt, und ermittelt auf diese Weise drei Figuren. Wenn alle drei unglückverheißend sind, dann steht zweifelsohne ein Mißerfolg zu erwarten; wenn man nur eine böse Figur unter den dreien erhält, dann ist die Vorhersage gut, sind alle drei aber günstige, dann kann das Unternehmen nur glücklich ausschlagen. — Das Siamesenbaby tyrannisiert gleichsam seine Hausgenossen. Alle seine Verwandten sind seine Sklaven und erfüllen ihm seine leisesten Wünsche; von allen wird es verwöhnt und verhätschelt. Der Kopf wird ihm bis ungefähr zum vierten Jahre beständig rasiert, von da ab beginnt die Mutter sein Kopfhaar zu pflegen; sie dreht es zu einem Büschel oben auf dem Scheitel und steckt eine bunte Nadel hindurch. Bald darauf bekommt das Kind auch Kleider und wird später in die Klosterschule des Dorfes gesandt. Von jetzt an nimmt der Lebenslauf der beiden Geschlechter eine verschiedene Richtung. Die Mädchen nämlich erhalten für gewöhnlich keinen Unterricht in der Schule, sondern werden in die Pflichten ihres späteren Hausfrauenberufes eingeführt. — Sobald bei den Kindern die Reife sich einzustellen beginnt, also um das zehnte bis dreizehnte Lebensjahr, wird den Knaben und Mädchen das Haarbüschel unter großer Feierlichkeit abgeschnitten; es ist dies der wichtigste Augenblick im ganzen Leben des Siamesen. An einem von dem Wahrsager festgesetzten Tage wird im Hause der Eltern ein Altar mit dem Buddhabildnis errichtet, und dieser mit Kerzen und Zieraten, soweit die Mittel es erlauben, geschmückt. Um den Altar herum verteilt man eine große Schere, eine Schale mit geweihtem Wasser, eine Seemuschel und andere Gegenstände, die zu der Zeremonie gehören, und stellt auf einen Ständer in der Nähe kleine Portionen Speise zur Erfrischung für die Familiengötter hin. Ein geweihter Faden wird sodann unter der Dachrinne rings um das Haus herumgeführt und seine beiden Enden werden ins Haus hinein zu den Händen der Mönche geleitet, deren Predigten an der Schnur entlang gleiten sollen, um die bösen Geister zu verhindern, störend in die heilige Handlung einzugreifen. Der Ahnen wird auch nicht vergessen, denn ihre Urnen mit der Asche finden sich auf einem kleineren Altar aufgestellt. Schließlich ist draußen vor dem Hause noch ein Gerüst mit einem Baldachin auf vier Pfosten erbaut, unter dem auf einem spitz zulaufenden Gestelle etwas Speise für den Gott Kedu, den Spender langen Lebens, gestellt wird. — Am Nachmittage des dem eigentlichen Feste vorausgehenden Tages finden sich zuerst die Familienfreunde, jeder mit einem Geschenk, sodann die Mönche ein, die bei ihrem Erscheinen mit Gongschlägen begrüßt und mit Tee bewirtet werden. Nach einer Pause tritt das Kind auf, vornehm angezogen und mit dem ganzen Familienschmuck behängt ([Abb. 402]). Die Mönche sprechen Gebete, in die die anwesenden Besucher einfallen; Musik spielt sodann auf; Tee, Zigarren, Speise und Betel werden herumgereicht, und alles widmet sich dem Vergnügen. Der nächste Tag vergeht in ähnlicher Weise und erst am dritten findet die Hauptzeremonie statt. Vorher wird größte Ruhe gewahrt, damit die bösen Geister, die sich vielleicht in der Nähe aufhalten, nicht merken, daß etwas im Gange ist. Kurz vor Sonnenaufgang erscheint das Kind wieder, den Kopf bis auf das Haarbüschel glatt rasiert. Das Haarbüschel wird in drei Strähnen geteilt, der Gast, dem von den Anwesenden die höchste Ehre gebührt, sowie zwei hochbetagte Anverwandte erfassen jeder eine Strähne und schneiden sie genau bei Sonnenaufgang ab. Ohrenbetäubender Trommelschlag und Musik setzen in diesem Augenblick ein. Die Speise für den Ketu wird von der Plattform draußen genommen und das Kind unter dem Baldachin an ihre Stelle gesetzt. Darauf treten die Verwandten und Freunde einer nach dem anderen heran und gießen Wasser aus einer Muschel auf den kahlen Kopf des Kindes, das bis auf die Haut durchnäßt wird ([Abb. 404]). Von neuem bekleidet, und diesesmal mit seinem schönsten Gewand, übernimmt das Kind die zeremonielle Speisung der Mönche; dieser Abschnitt der Feier vollzieht sich unter Musikbegleitung sowie unter Hersagen und Absingen heiliger Worte und endigt mit einer Predigt. — Der Prunk, mit dem die Zeremonie des Haarabschneidens vollzogen wird, richtet sich natürlich nach dem Reichtum und dem Stand der betreffenden Familie. Wird einem königlichen Prinzen das Haarbüschel abgeschnitten, dann gestaltet sich diese Zeremonie zu einem wahren Volksfest, bei dem es allenthalben hoch hergeht.
Phot. F. Chit.
Abb. 403. Der Kronprinz im Mönchskloster zur Ablegung des üblichen Ordensgelübdes.
Phot. F. Chit.