Abb. 404. Die Zeremonie des Haarknotenabschneidens am siamesischen königlichen Hofe.

Der König gießt einem seiner Söhne, an dem die Zeremonie soeben vollzogen wurde, geweihtes Wasser über das Haupt.


GRÖSSERES BILD

Nachdem ihnen das Haarbüschel abgeschnitten ist, nehmen die Mädchen ihre häusliche Beschäftigung wieder auf, ebenso bilden sich die Knaben weiter aus, bis sie das zwanzigste Lebensjahr erreicht haben. Dann werden sie sozusagen konfirmiert und in den heiligen Orden der Mönche aufgenommen. Die Lehre Buddhas schreibt nämlich vor, daß jeder, der sich ernstlich zu ihr bekennt, dies dadurch betätigen muß, daß er vor der Welt flüchtet und in den Orden sich aufnehmen läßt, allerdings kann er dieses Gelübde jederzeit widerrufen. Daher legt jeder siamesische Jüngling, auch wenn er sich nicht den geistlichen Beruf erwählt hat, das Ordensgelübde ab, um dem Buchstaben des Gesetzes zu genügen ([Abb. 403]). Wer nicht die Absicht hat, ein Glied des Ordens zu bleiben, bittet nach einiger Zeit, für gewöhnlich nach drei Monaten, ihn von seinem Gelübde wieder zu entbinden, was anstandslos gewährt wird. Dann darf er aus der Abgeschlossenheit wieder in die Welt zurücktreten. Die Aufnahme in den Orden gestaltet sich für die Angehörigen zu einem großen Freudenfest. In kostbare Gewänder gekleidet, begibt sich der Kandidat mit seinen Verwandten, Freunden und allen Mädchen seiner Bekanntschaft in den Tempel, wirft sich dreimal vor den Mönchen demütig auf die Erde und wird in aller Form von den Angehörigen vorgestellt, die den Mönchen Geschenke anbieten. Sodann muß er ein Verhör, ob er sich geistig und körperlich auch eigne, über sich ergehen lassen, und wenn seine Antworten zur Zufriedenheit ausgefallen sind, wirft er sich von neuem auf die Erde und bittet flehentlich, aus der schnöden Welt befreit und in den Orden aufgenommen zu werden. Daraufhin wird er seiner vornehmen Gewänder entkleidet und mit dem gelben Gewande des Mönches angetan, bekommt einen Bettelnapf um die Schultern gehängt und einen Fächer in die Hand. So ausgestattet, wirft er sich noch einmal auf die Erde und legt sodann die zehn vorgeschriebenen Gelübde ab, nämlich niemals ein Leben zu vernichten, niemals zu stehlen oder zu lügen, stets ein züchtiges Leben zu führen, keine berauschenden Getränke zu trinken, nur zu der vorgeschriebenen Zeit zu essen, alle weltlichen Freuden zu meiden, keinen persönlichen Schmuck zu tragen, nie mit Geld etwas zu tun zu haben und auf der Erde zu schlafen. Der Abt macht nun öffentlich bekannt, daß der Kandidat in den Orden aufgenommen ist, und erinnert ihn noch einmal an die Pflichten, die er übernommen hat, und an die Sünden, die er meiden muß. Wie schon gesagt, kann der Jüngling jederzeit von seinem Eide auf seinen Wunsch befreit werden und in die Welt zurückkehren, wie es auch meistens geschieht.

Phot. R. Lenz.

Abb. 405. Aufbahrung der Leiche des Königs Chulalongkorn

für mehrere Monate in einer goldenen Urne auf der Spitze einer kunstvollen goldenen Pyramide im Palaste.


GRÖSSERES BILD

Er tut dies, wenn er heiraten will. Etwa um das zwanzigste Lebensjahr herum pflegen die Jünglinge, zwischen vierzehn und siebzehn die jungen Mädchen die Ehe einzugehen. Sie verheiraten sich in Siam fast alle; alte Jungfrauen kommen daher in diesem glücklichen Lande kaum vor. — In den meisten Fällen ist die Ehe lediglich eine Abmachung zwischen den Familien, die ursprünglich eine ältere, diplomatisch sehr gewandte Frau zustande brachte, jetzt aber mehr und mehr von den Eltern direkt getroffen wird, die diese Dinge frei miteinander erörtern. Auch Neigungsheiraten kommen heutzutage mehr in Aufnahme. Einer Ehezeremonie legt der Siamese wenig Gewicht bei, daher verkürzt er sie vielfach oder läßt sie gänzlich fort; denn um einer Ehe die gesetzliche Gültigkeit zu verschaffen, bedarf es nur des Beisammenwohnens. Da aber manche Eltern natürlich das Verlangen haben, die Hochzeit ihres Kindes zu einem Ereignis zu machen, so spielt sie sich in sehr vielen Fällen wenigstens zum Teil mit Feierlichkeiten verknüpft ab. Wenn man die Zeremonie in ihrem vollen Umfange betrachtet, findet die Hochzeit im Hause der Braut statt und dauert zwei Tage. Freunde und eine bezahlte Musikbande geben dem Bräutigam das Geleite dorthin, wo die Freunde sich versammelt haben und sich in den Empfangsräumen an Essen, Trinken und Betelkauen gütlich tun, während die Eltern das von beiden Teilen beigesteuerte Kapital für das junge Paar nachzählen und prüfen. Sobald das Brautpaar erscheint, wird es mit einer geweihten Schnur zusammengebunden, kniet nieder, wird mit Reis beschüttet und von den Gästen aus einer Seemuschel mit Weihwasser begossen. Darauf werden beide getrennt; der Bräutigam bringt seiner Geliebten mit Hilfe einer Kapelle die Nacht über ein Ständchen. Am nächsten Morgen werden die amtierenden Mönche festlich bewirtet, und den ganzen Tag über herrscht eine ausgelassene Lustbarkeit. Am Abend endlich wird die Braut in aller Form zum Hochzeitsgemach geleitet. Das junge Paar lebt lange mit der Familie der Frau zusammen, oft bis zur Geburt des ersten Kindes.