Phot. Sir George Scott.

Abb. 436. Szene aus einem Tanz der Padaungmänner.

Einer schlägt die Trommel zum Ton einer Flöte und ein anderer geht dabei auf und ab oder setzt sich nieder und steht abwechselnd auf zwischen Trommelfell und Trommelschläger. Eine Strafe muß von ihm bezahlt werden, wenn er dabei von diesem berührt wird. Das Ganze ist mehr ein Trick als ein Tanz.

Mit dem Augenblick der Aufnahme in den Orden ist der Knabe zum Mann, mit dem Augenblick der Ohrdurchbohrung das Mädchen zur Frau geworden. Es hat jetzt das Recht erworben, Juwelen zu tragen und die Lehrzeit im Spinnen, Weben, Kochen und Wassertragen überwunden. Zum Zeichen dessen, daß sie nun erwachsen sind, eröffnen die meisten Mädchen im Basar oder auf dem Markte ihres Heimatsdorfes eine Verkaufsbude. Hier verkaufen sie alle nur denkbaren Gegenstände (Drogen und Medikamente ausgenommen); die reicheren handeln mit Vorliebe mit Seide. Der Verkehr mit dem Publikum schärft ihren kaufmännischen Blick, fördert ihre Auffassungsgabe und läßt sie Kenntnisse sammeln, die sie später zu der fähigeren Ehehälfte machen. Außerdem hat dieser Umstand noch den Vorteil, daß die Mädchen mit den Jünglingen Bekanntschaften anknüpfen. Hat das Mädchen einen weiten Weg zu ihrem Verkaufsladen, so geht es im einfachen Hauskleid dorthin und putzt sich erst an Ort und Stelle. Da der Stand ringsum offen ist, so kann jedermann Zeuge von der Vornahme ihrer Toilette sein. Zu allererst gibt sich das Mädchen Teint, indem es Thanaka, eine Paste aus feingemahlener Borke und der Wurzel eines Strauches, auf das ganze Gesicht und den Hals aufträgt. Da die Paste ungefähr eine Stunde zum Eintrocknen gebraucht, so benutzt es die Zwischenzeit, um ihr Haar in Ordnung zu bringen. Sie kämmt und flechtet es, salbt es mit Kokosnußöl ein und befestigt es mit einer Nadel. Bei erwachsenen Mädchen ist das Kopfhaar ziemlich lang; man bemißt es nur nach Armlängen. Aber bei jüngeren muß dem Chignon durch Flechten nachgeholfen werden, die zumeist von dem abgeschnittenen Haar der Brüder herstammen. Nach Beendigung der Haarfrisur wird auf das inzwischen trocken gewordene Gesicht eine Art Schmelz in die Haut eingerieben. Zum Schluß werden noch die Augenbrauen nachgezeichnet und eine gelbe Blume, eine Rose oder eine Orchidee, in das glänzende, rabenschwarze Haar gesteckt. Ein graziös um Hals und Schultern geschlungener Schal vervollständigt die Toilette, und ein Blick in den Spiegel überzeugt das junge Mädchen, daß es sich sehen lassen kann. Es zündet sich nun eine Zigarre an und plaudert lustig mit seinen Nachbarinnen, den Vorübergehenden und den Käufern. Dabei benimmt es sich aber durchaus dezent, spricht ungezwungen und harmlos mit jedermann und nimmt gelassen und leidenschaftslos die Komplimente entgegen, geradeso als wüßte es nur zu gut, daß es im Besitze der „fünf Schönheitspunkte der vollendeten Frau“ ist. Einem Birmanen kommt es niemals in den Sinn, einem Mädchen öffentlich den Hof zu machen; er sagt ihm wohl im Vorübergehen gelegentlich Komplimente, die sie mit einem verächtlichen Hintenüberwerfen des Kopfes und einem Blick aus den schwarzen Augen quittiert, er denkt aber nicht daran, vor oder in der Bude herumzustehen und einen Flirt zu beginnen. Alle Klatschmäuler des Ortes würden sonst ihre Köpfe zusammenstecken und über ihn herfallen. Der rechte Ort für eine Werbung ist die Wohnung des Mädchens, wofür auch nach altem Brauche eine bestimmte Stunde festgesetzt ist. „Burschen-gehen-Werbezeit“, „Treu-Liebender-Stelldichein“ ist die landesübliche Bezeichnung für den Zeitraum zwischen acht und zehn Uhr abends. Wer ernste Absichten hat, wählt diese Zeit aus. Indessen geht alles dabei in Ehren zu. Sogar feste Grundsätze herrschen über diese Zusammenkünfte. Jedes Dorf oder jedes Stadtviertel hat nämlich einen sogenannten Junggesellenführer, dem die Aufgabe zufällt, solche Zusammenkünfte für Liebende zusammenzubringen. Die Jünglinge treffen sich auf Verabredung und marschieren unter Führung dieser Personen geschlossen durch den Ort; wo ein Verehrer seine Liebste wohnen hat, bleibt er zurück und gibt durch ein besonderes Kennzeichen zu verstehen, daß er angekommen sei. Manche spielen die Flöte, andere klatschen sich mit der rechten Hand auf den linken Arm oder husten, noch andere rufen „Ma Meit (Fräulein Liebchen), bist du da?“ und so weiter. Die Erlaubnis zum Betreten der Wohnung, in der das junge Mädchen angeputzt und siegesbereit dasitzt, wird fast niemals verweigert. Die Eltern sind in der Regel zunächst anwesend, nachdem sie aber lange genug über das Wetter, die Ernte oder irgendein anderes Ereignis geplaudert haben, schützen sie Müdigkeit vor und ziehen sich zurück. Indessen können sie, wenn sie es wollen, von ihrem Schlafzimmer aus durch Gucklöcher das Treiben des jungen Paares beobachten, und erörtern manchmal mit hörbarer und staunenswerter Offenheit das Äußere des Jünglings. Dieser bringt die Bewerbung seiner Angebeteten vor, zumeist in ganz poetischer Form, wie er es selbst vermag oder aus Liederbüchern gelernt oder auf der Bühne gesehen hat. Das Mädchen beschränkt sich für gewöhnlich aufs Zuhören oder auf kurze Antworten. Ein Küssen während der Brautzeit gilt für sehr unschicklich, auch schon das Sich-die-Händegeben für unfein. Der Dauer des Besuches wird nach der schicklichen Zeit von dem Junggesellenführer draußen durch krampfhaftes Husten oder, wenn dies nicht genügt, durch deutlichere Bemerkungen eine Grenze gesetzt.

Die Birmanin hat völlige Freiheit in der Wahl ihres Lebensgefährten, und die Eltern treten keineswegs hindernd dazwischen. Sie regeln aber doch die Einzelheiten der an sie zu zahlenden Summe, lediglich eine von früher her überkommene Sitte. Entführungen sind durchaus keine seltenen Erscheinungen und werden von den Eltern auch zumeist geduldet. Alles, was die Frau in die Gemeinschaftsehe mitbringt, bleibt ihr Eigentum. Bei einer Trennung steht ihr das Recht zu, es wieder mit sich zu nehmen, desgleichen die Hälfte dessen, was gemeinsam erworben wurde, sowie eine etwaige Erbschaft, die ihr während der Ehe zufiel.

Phot. D. A. Ahuja.

Abb. 437. Birmanenjunge beim Rauchen.

Die birmanische Heirat ist eine rein bürgerliche Zeremonie, nur das Öffentliche dabei macht sie bindend. Nachdem im Elternhause das Brautgemach hergerichtet worden ist, werden alle Verwandten und Freunde zu einem großen Feste eingeladen, bei dem die eigentliche Trauung nur eine unbedeutende Rolle spielt. Sobald ein Astrolog den Augenblick für günstig erklärt hat, legt das Paar seine Hände flach aneinander und steckt sich gegenseitig Reiskörner aus einer Schüssel in den Mund. Damit ist der Zeremonie Genüge geleistet. Viel wichtiger ist noch die Übergabe des bei der Verlobung ausbedungenen Geldes und der Geschenke durch die Eltern des Bräutigams.

Auf dem Lande herrscht noch der Brauch, daß Junggesellen in der Hochzeitsnacht Steine auf das Dach der Neuvermählten werfen. Diese Sitte, von der man sich durch ein paar Rupien loskaufen kann, scheint nicht unflätigen Motiven entsprungen zu sein, sondern ihre Entstehung der folgenden Sage zu verdanken. Zu Anfang der Welt hatte es fünf Männer und nur vier Frauen gegeben; als sie sich nun zu Paaren zusammengeschlossen hatten, konnte der übrig bleibende Junggeselle seinen Groll und seine Gefühle nicht meistern und hatte in der Nacht seinem Unwillen in der geschilderten Weise Ausdruck gegeben.