Phot. P. Klier.
Abb. 438. Unterricht der in den Mönchorden Neuaufgenommenen.
Bei den weniger zivilisierten Birmanenstämmen dagegen trifft man vielfach noch umfangreiche Ehezeremonien an, sie sind hier überall stark mit Brahmanismus durchsetzt. Schon bei den Schan ist dies der Fall, noch mehr aber bei den Katschin. Bei den Katschin wird das Hochzeitsfest damit eingeleitet, daß man Hühner, Schweine, selbst Ochsen oder Büffel schlachtet, den Hausgeistern Opfer darbringt und ihnen unter Gesang und Gebeten für das Wohl der zukünftigen Eheleute die Braut vorstellt. Darauf bereitet man vor dem Hause einen Kamphan vor, das heißt man steckt in einer Länge von etwa hundertfünfzig Zentimetern Bündel von Halmen in die Erde und legt in der Mitte dieser Reihe ein Brett über den Boden. Gegen Mittag erscheinen nun einige Matronen, die noch einen Gatten am Leben haben und eine zahlreiche Kinderschar besitzen, mit einem Gefäß voll Branntwein und einem zweiten voll Bier bei dem Lakya Wa, einem angesehenen Dorfbewohner, zu dem die Braut am Vorabend gebracht wurde, geben ihr davon zu trinken und holen sie ab. Zwei Ehrenjungfrauen folgen ihr, die eine mit Zeremonialhellebarden auf der Schulter, die andere mit Säbeln und anderen Geschenken in ihrem Tragkorb. Sobald man sie ankommen sieht, opfert man beim Kamphan zweien Geistern Hühner, oft auch ein ganzes Schwein und spritzt Blut umher. Sodann führt eine der Matronen die Braut an der Hand mitten durch den Kamphan, dadurch wird sie gereinigt und für die Zukunft von den Hausgeistern, die ihr folgten, befreit. Gleitet sie auf der Planke beim Überschreiten aber aus, dann gilt dies für eine böse Vorbedeutung (kurzes Leben); bleibt ihr Kleid von den Blutspritzern frei, dann glaubt man, daß sie lange leben und eine große Nachkommenschaft haben wird. Nun wird die Braut auf einer neuen Treppe ins Haus geführt; besteigt sie diese mit dem rechten Fuß, dann bekommt sie als erstes Kind einen Knaben, im anderen Falle ein Mädchen. An der Schwelle empfängt sie die Schwiegermutter und legt ihr ein silbernes Halsband als Zeichen der Aufnahme um; im Zimmer der Schwiegereltern legt die Braut die Geschenke nieder, die ihre Brautjungfern mitbrachten, und wird dem Gatten zugeführt, den sie oft jetzt erst zum ersten Male erblickt. Man läßt beide sich auf eine Matte niedersetzen, gibt ihnen Branntwein zu trinken und von einem Stück Tabak zu kauen. Darauf verteilen die junge Frau und die Ehrenjungfrauen an alle Teilnehmer zahlreiche Prims, die die Eltern des Gatten geliefert hatten, und gehen an den Brunnen, wo sich die junge Frau von etwaigen Sünden, die ihr anhaften, reinigt und Wasser schöpft, das sie am Abend beim Zeigen ihrer Kochkünste verwertet. Inzwischen haben einige Mundschenken Bier oder Branntwein herumgereicht und die Köche das Fleisch der Opfertiere und Reis zu Gerichten gekocht, die von den Anwesenden genossen werden. Die Freunde der Familie veranstalten eine Sammlung zur Deckung der Unkosten. Die Eltern der jungen Frau nehmen nicht an diesen Feierlichkeiten teil, am Abend senden ihnen die jungen Leute aber eine Keule und den Schwanz vom Opferschwein und einen Teil des Brautpreises; der Rest wird nach und nach bezahlt. Zur Nacht setzen sich die Festlichkeiten fort. Die junge Frau muß zunächst ihre Talente im Kochen entwickeln; sie stellt einige Gerichte mit Hilfe ihrer Brautjungfern her und verteilt sie an die Festgenossen. Diese kosten sie und pflegen dann auszurufen: „Ah, wie vorzüglich, möge die Jungvermählte lange leben, eine zahlreiche Nachkommenschaft haben“ und so weiter. Wenn alle Welt satt geworden ist, hält ein Dumsa noch die Zeremonie des num lani de ab. An jeder Seite des Herdes im Zimmer der Eltern stellt er zwei Paare von alten Zeremonialwaffen und einen Bambusstab auf, an dem ein Bündel Hirse befestigt ist, und legt davor weibliche Kleider und Schmucksachen, einen Topf, einen Dreifuß, Krüge mit Bier und Branntwein, einen Schweineschlegel und so weiter. Neben dem Herde nehmen die junge Frau und ihr Gefolge Platz. Der Dumsa macht nun allerhand Hokuspokus. Er ladet wohlwollende Geister ein, treibt übelgesinnte aus, erzählt eine Geschichte von dem Ursprung der Ehe, die ganz verschieden ausfällt, je nachdem es sich um einen Mann aus dem Volke oder um einen Vornehmen handelt, und wendet sich schließlich unter Hinweis auf die beim Herde niedergelegten Gegenstände an die junge Frau mit den Worten: „Dies ist alles für euch. Möget ihr hart werden wie diese Waffen, mögest du schön bleiben wie diese Schmuckstücke, gut sein wie dieser Branntwein und dieses Fleisch, möge euch dieser Topf lange zum Kochen des Reises für eure Schwiegereltern dienen und möget ihr euch vermehren wie die Körner der Hirse.“ Nach Beendigung dieser Zeremonie reicht man dem jungen Paar Branntwein, Bier und ein Blatt mit einer Mischung von Reis und Hühnerfleisch. Der Mann reicht der Frau die Tassen mit den Flüssigkeiten an die Lippen, um sie davon kosten zu lassen, und bietet ihr etwas von der Speise an, dasselbe tut die Frau mit dem Ehegatten. Der Rest der Speisen und Getränke wird an die Ehrenjungfrauen und an die Jugend verteilt. Damit ist die Hochzeitsfeierlichkeit beendet. Am anderen Morgen findet Empfang der Vornehmen des Ortes und der Freunde statt, die von den Getränken kosten und ihrerseits den Jungvermählten alles Glück wünschen.
Bei den Karen, wo Endogamie herrscht, bestehen bestimmte Heiratsverbote, die aber nach den verschiedenen Stämmen ganz verschieden ausfallen. Der eine Stamm gestattet die Heirat nur unter nahen Verwandten, ein anderer erlaubt eine eheliche Vereinigung nicht nur außerhalb der Familie, sondern auch außerhalb des Stammes und selbst der Rasse. Bei den Tschinvölkern anderseits treffen wir Exogamie an, das heißt die Heirat ist zwischen Mitgliedern des gleichen Stammes, des gleichen Dorfes oder der gleichen Gruppe verboten. Geradezu beängstigend sind die Eheverbote bei den Bergkaren. Hier sind der Heirat so zahlreiche Schranken gesetzt, daß es viele alte Junggesellen gibt, die deswegen keine passende Frau finden konnten und daher Zeit ihres Lebens in den Junggesellenhäusern zubringen. Diese Einrichtung der Junggesellenhäuser finden wir nicht nur bei den Karen, sondern auch bei verschiedenen anderen birmanischen Volksstämmen, wie den Luschai, Kuki, Padaung. Bei den Bergkaren sind die Junggesellen durch eine besondere Tracht kenntlich gemacht; sie tragen eine Art Muscheljacke mit Samenkörnern oder Muschelgeld besetzt, Halsketten aus farbigen Steinen, Perlen oder Schilfsamen, an denen ein Eberhauer auf die Brust herabhängt, in den Ohren große silberne Tuben und bei manchen Stämmen über der Stirn noch eine mit Muschelgeld und einem Reisstengelbündel verziertes Band. Heiratet ein Junggeselle, dann bekommt zunächst seine Frau den ganzen Schmuck, später geht er auf den ältesten Sohn über.
Phot. R. Grant Brown.
Abb. 439. Die Zeremonie des Haarabschneidens.
Da die Birmanen sich einer ausgezeichneten Gesundheit erfreuen, viel auf dem Lande leben und die Städte, bis auf einen gelegentlichen Besuch, zu meiden pflegen, so haben die Ärzte wenig mit Krankheiten zu kämpfen. Es ist dies auch ein Glück für die Patienten, denn die einheimischen Heilkundigen sind alles andere als wissenschaftlich ausgebildete Mediziner. Man unterscheidet ihrer zwei Arten, die Drogisten und die Deitisten, dazu kommen für ernste Notfälle noch die Geisterdoktoren. Die Drogisten verabreichen, gewöhnlich zum Schaden ihrer Klienten, diesen alle nur denkbaren und unmöglichen Heilmittel, die aus tierischen, pflanzlichen und anorganischen Substanzen zusammengebraut sind. Ein Medikament, das aus hundertsiebenundvierzig Bestandteilen sich zusammensetzt, muß doch eine Wirkung äußern, entweder so oder so. Die Deitisten verlassen sich in der Hauptsache auf Glaubensheilungen und beschränken ihre Verordnungen, wie es scheint, auf Nahrungsvorschriften, die darauf hinauslaufen, daß der Kranke nur solche Lebensmittel genieße, deren Namen mit einem der Buchstaben beginnen, die dem Wochentage zuerteilt sind, an dem er geboren wurde. Der Geisterdoktor ist der gefürchtetste von allen, denn er pufft und knufft den armen Kranken, dem er Beistand leisten soll, nach allen Regeln der Kunst unter dem Vorwande, er treibe den Geist des Fiebers, der Kolik und so weiter, der von seinem Körper Besitz ergriffen habe, aus. Daher ruft man ihn, der am unbeliebtesten ist, erst, wenn es sozusagen Matthäi am letzten steht.