Die Eingeborenen Australiens bieten in ihrem Äußeren ein im großen und ganzen einheitliches Bild dar, das sie deutlich sowohl von den Schwarzen Melanesiens als denen Afrikas unterscheidet, wenngleich zwischen einzelnen Stämmen manche Abweichungen nicht zu verkennen sind, was in erster Linie wohl mit der verschiedenen Lebensweise, im besonderen der Ernährung, sodann aber auch mit der verschiedenen ethnischen Mischung zusammenhängen dürfte. Sie sind eine Rasse von etwas über Mittelgröße; die Männer werden im Durchschnitt etwa hundertundsechzig bis hundertachtundsechzig Zentimeter hoch, jedoch kommen gelegentlich auch große Leute vor. Trotzdem sie im allgemeinen eine leidlich gut entwickelte Muskulatur besitzen, fallen die Australier doch durch ihre große Magerkeit auf, die nicht selten so hochgradig ist, daß man sozusagen die Knochen durch ihre Haut sehen kann. Fettansatz fehlt ihnen zumeist, wohl infolge ungenügender Ernährung. Dessenungeachtet ist ihr Körper auffällig geschmeidig und ziemlich leistungsfähig. Daneben gibt es aber auch Stämme von kräftiger, muskulöser Gestalt, und zwar dort, wo die Lebensbedingungen günstigere sind. Die samtweich sich anfühlende Haut der Australier wird für gewöhnlich als schwarz beschrieben, in Wirklichkeit aber ist ihre Farbe mehr ein Schokoladenbraun; es kommen aber alle möglichen Schattierungen vom dunkleren Schwarzbraun bis zum Braun des Milchkaffees vor. Vielfach wird eine dunklere Farbe durch Einreiben mit Ocker vorgetäuscht. Der Haarwuchs ist sehr üppig, selbst die Arme sind zumeist mit kurzen, gekräuselten Haaren dicht bedeckt, oft genug auch die ganze Körperoberfläche. Das Kopfhaar ist gewellt oder lockig, und fällt für gewöhnlich bis auf die Schultern herab. Seine Farbe ist ein glänzendes Schwarz mit einem Stich ins Braune oder Rotbraune; etwa vorkommende rötliche Haare rühren vom Färben her. Der Bart pflegt gut entwickelt zu sein. Der Schädel ist von langer, ziemlich hoher Form. Das Gesicht ist niedrig und breit, die Backenknochen stehen etwas vor, die niedrige, schmale Stirn dagegen tritt sehr zurück. Bemerkenswert sind die kräftig entwickelten Augenbrauenwülste, die große, ausdrucksvolle, tiefliegende Augen überschatten. Die Nase ist kurz und dick, besitzt einen gerade verlaufenden Rücken und dicke große Flügel; die Nasenwurzel ist durch eine scharfe Einsattlung von der Stirn abgesetzt. Diese eigenartige Gesichtsbildung verleiht den Australiern etwas ungemein Abstoßendes ([Abb. 190] und [191]).

Die geistigen und sittlichen Eigenschaften der Australier werden vielfach unterschätzt. Sie sollen nach dem Zeugnisse guter Kenner über leichte Auffassungsgabe, scharfes Denken, gutes Vermögen, die Dinge geistig zu verarbeiten, und ein vorzügliches Gedächtnis verfügen und sich durch persönlichen Mut, Standhaftigkeit, Entschlossenheit, Ausdauer, Selbstbeherrschung, Stolz, Zuneigung zu Familienmitgliedern und ein gewisses Gefühl der Stammeszugehörigkeit auszeichnen. Daneben weisen sie aber auch eine Reihe schlechter Eigenschaften auf, wie Habsucht, Gefühllosigkeit, Rachsucht, Undankbarkeit, Mißtrauen, Lügenhaftigkeit, Trägheit und große Unreinlichkeit. Seit der Entdeckung Australiens durch die Europäer und der Besitzergreifung der brauchbaren Landstrecken durch sie ist die eingeborene Bevölkerung in stetem Rückgange begriffen, zumal da die Kolonisatoren rücksichtslos gegen sie vorgegangen sind und epidemische Krankheiten verheerend auf sie eingewirkt haben.

Aus Straß, Naturgeschichte des Menschen.

Abb. 190. Australisches Mädchen.

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 191. Australierin mit Schmucknarben.

Die bei den Eingeborenen als schön geltenden Narben werden ihnen in der Zeit des Wachstums beigebracht.


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