Die Australier leben zerstreut über das Land in kleinen Gruppen zusammen, in Horden von höchstens hundert Mitgliedern, die das Land durchstreifen und deren mehrere sich gewöhnlich zu einem Stamme, allerdings oft genug in ganz losem Zusammenhange aneinandergeschlossen haben. Jede Horde besitzt eine ziemliche Selbständigkeit und erledigt ihre eigenen Angelegenheiten; die Ordnung innerhalb der Gruppe liegt in den Händen älterer Männer, die sich durch große Klugheit, Gewandtheit, Mut und gewisse Zauberkräfte vor den anderen hervorgetan haben und darauf achten, daß die überkommenen Gebräuche streng weiter bewahrt und Übertreter bestraft werden. — Das gemeinsame Band, das die Horden eines Stammes umschlingt, pflegen in erster Linie die gemeinsame Sprache oder Mundart, ferner gemeinsame Gewohnheiten und Anschauungen sowie gegenseitige Heirat und Tauschverkehr zu sein. Der Grund dafür, daß es in Australien zu keiner Bildung größerer Verbände unter den Eingeborenen gekommen ist, liegt darin, daß die trockene, dürre Natur des Landes größere Menschenansammlungen nicht zu ernähren imstande ist. — In ihrer Nahrung sind die Australier nicht wählerisch; sie genießen alles, was sie auf ihren Streifzügen auf dem Lande und zu Wasser erbeuten, hauptsächlich Beuteltiere, wie zum Beispiel das Känguruh und Opossum, ferner Emue, Schlangen, Fische und so weiter, und was ihre Weiber mit Hand und Grabstock an Wurzeln, Früchten, Pilzen, Flechten und kleinem Getier wie Würmern, Larven, Insekten, Ameisen, Heuschrecken, Raupen aus dem Boden ausgraben oder auflesen. Mit großem Geschick verstehen sie sich darauf, der Fährte des Wildes nachzugehen, sich an dasselbe wie ein Raubtier heranzupirschen und aus unmittelbarer Nähe mittels Wurfspießes zu erlegen. Wenn der Wind ungünstig steht, beschmieren sich gewisse Stämme Südaustraliens mit Schlamm, um der Witterung vorzubeugen, oder, wenn es an Deckung fehlt, bedecken sie ihren Körper mit stark beblätterten Zweigen; bei der Jagd auf Wasservögel hüllen sie ihr Haupt in Schilf. Die Fische werden im seichten Wasser entweder mit der Hand direkt ergriffen oder mittels eines flachen Gegenstandes aufs Trockene geschleudert; in tieferen Gewässern benutzt man Schlepp- oder Stellnetze, auch Hürden und Dämme, sowie Fischspeere. — Kleinere Tiere, sowie Wurzeln und Knollen werden roh verzehrt, alles übrige in glühender Asche, auf heißen Steinen oder, wie wir es in Polynesien bereits kennen lernten, in erhitzten Erdgruben geröstet, beziehungsweise gargekocht. Das dazu erforderliche Feuer gewinnt man entweder durch Bohren, Quirlen oder Reiben. Menschenfresserei kam früher häufig vor, war aber wohl kaum allgemein verbreitet. Sie entsprang dem Bestreben, durch Verzehren von Herz und Nieren seines Feindes sich dessen gute Eigenschaften, in besonderem Mut anzueignen, sowie der Rachsucht, Leckerei und in Zeiten der Not auch dem Mangel an Fleisch. Im Innern des australischen Erdteils scheint man dieser Unsitte noch zu frönen; hier bestand auch früher Endokannibalismus, das heißt das Leichenverzehren von Angehörigen.
Aus: Weule, Leitfaden der Völkerkunde.
Abb. 192. Windschirm, den Australiern als Wohnung dienend.
Die Wohnungen der Australier sind, entsprechend ihrer umherschweifenden Lebensweise, die denkbar primitivsten. Zumeist sind sie nicht über einfache Windschirme oder Wetterdächer aus Rindenstücken oder Zweigen hinausgekommen ([Abb. 192]). In Nord- und Zentralaustralien sind dagegen wirkliche Hütten eine keineswegs seltene Erscheinung.
Obwohl das Klima, besonders im Süden, stellenweise recht rauh ist und häufig empfindliche Wetterstürze stattfinden, ist die Bekleidung des Australiers eine nur geringe. Man kann bei ihm mehr von einem Schmuck als von einer Bedeckung sprechen. Die Männer tragen meistens einen Rinden- oder Bastgürtel, ein winziges Band aus gedrehten Menschenhaaren oder ein Stückchen Perlschnur; in den Gegenden, wo das Klima einem schroffen Wechsel unterworfen ist, werden zum Schutze gegen Kälte und Regen kleine Mäntel aus Känguruh- oder Opossumfell oder Matten über den Rücken gehängt. In der gleichen Weise wie die Männer bekleiden sich die Frauen; charakteristisch für sie ist stellenweise ein Mantelsack aus Känguruhfell, in dem sie die Säugekinder mit sich schleppen. In manchen Gegenden aber gehen beide Geschlechter, zumal auf ihren Wanderungen, am liebsten splitternackt. Dagegen legt man allgemein auf reichliche Körperbedeckung bei den Festen und Tänzen Wert.
Phot. W. E. Roth.
Abb. 193. Weiber aus Nordqueensland,