Die Tatsache, daß verschiedene Australierstämme nicht wissen, daß der Mensch aus dem Kohabitationsakte hervorgeht, sondern über seine Entstehung noch ganz primitive Auffassungen haben, gibt uns Anlaß, hierauf etwas näher einzugehen. Entsprechend den ursprünglichen Ansichten der Naturvölker, daß die Geister der Verstorbenen unter anderem in den Wäldern umherstreifen, in den Bäumen und Pflanzen Wohnung nehmen und sich wieder zu Menschen umwandeln können, glauben die Australier, daß ein Pflanzengeist bei der Entstehung eines neuen Menschen in ein Weib fährt und sich in ihm dazu ausbildet, daß es sich also bei der Geburt um eine Inkarnation, Wiederfleischwerdung eines Ahnen handelt. Sie halten daher auch eine Beteiligung des Vaters, das heißt den Geschlechtsverkehr für belanglos, höchstens meinen sie, daß dadurch die Geschlechtswege passierbar für den Austritt des Kindes gemacht werden. Die Arunta bilden sich zum Beispiel ein, daß in gewissen Steinen Kindergeister stecken, die sowohl durch Zauber wie durch eigene Macht in den Körper eines Weibes übergehen, und zwar durch den Nabel in der Größe eines kleinen Sandkornes, das aber bereits vollkommen gestaltete menschliche Wesen, Knaben oder Mädchen, vorstelle und Leben und Seele besitze. Auf einem solchen Steine befindet sich ein kleines rundes Loch, durch das die Geister vermutlich hinausgelangen ([Abb. 194]). Über ihm ist ein schwarzer Strich mit Holzkohle gezogen, und jedermann, der diese Stätte zufällig besucht, erneuert ihn. Dieser Strich trägt den gleichen Namen, wie der Streifen, den dieser Stamm über die Augen eines neugeborenen Kindes zur Abwendung von Krankheiten zeichnet. Wenn Frauen diesen Stein aufsuchen, so tun sie dies, um schwanger zu werden. Ein Mann, der die Kraft und den Willen dazu besitzt, kann die Frauen aus seiner Umgebung dazu bringen, daß sie Kinder bekommen, wenn sie zu diesem Steine gehen und einen Zauberspruch über ihn sprechen. Anderseits, wenn eine junge Frau an diesem Steine vorbei muß, aber keinen Nachwuchs mehr haben möchte, dann sucht sie den Geist des Steines über ihr Alter zu täuschen, indem sie sich als ein altes Weib gibt, ihr Gesicht in Falten zieht, sich vornüber bückt und an einem Stock geht, auch mit bebender Stimme, wie sie alte Frauen haben, ausruft: „Komm nicht zu mir, ich bin eine alte Frau“. Auf diese Weise hofft sie unbehelligt von den Kindergeistern gelassen zu werden. Interessant ist der Glaube, daß irrtümlicherweise auch in einen Mann ein solches Geisterkind hineingehen könne; in diesem Falle stirbt er, obgleich ein geschickter Medizinmann vielleicht imstande ist, ihn zu retten.

Phot. The Royal Colonial Institute.

Abb. 196. Baum mit Mustern,

die für die Borazeremonie eingeschnitten werden.

Wie bereits erwähnt, ist es der Ahnengeist, der die Kinderkeime (ratapa) außerhalb des Mutterleibes entstehen und bei passender Gelegenheit in sie hineintreten läßt. Als Wohnsitz solcher Kinderkeime gelten Bäume, Felsen, Steine, Wassertümpel und die Tschuringa oder das Schwirrholz. Letzteres ist ein flaches längliches Stück Holz oder ein Stein, die an einem Ende durchbohrt und mit einer Schnur versehen sind; wird das Tschuringa rasch und kräftig gedreht, dann gibt es einen sausenden Ton (wie unsere Waldteufel) von sich. Daß diesem Gerät, das übrigens bei den Zeremonien der Australier eine große Rolle spielt, wie wir noch sehen werden, der Wohnsitz eines ratapa zugeschrieben wird, kommt daher, daß nach dem Glauben der Australier die Bäume, aus denen es hergestellt wird, aus dem Körper eines von zwei Hunden zerrissenen geisterhaften Wesens, namens Murtamurta, gewachsen sind. Eine nähere Berührung mit den angeführten Gegenständen hat zur Folge, daß eine Frau guter Hoffnung wird. Badet eine Frau zum Beispiel am Proserpine River (Queensland), so gehen die Kinderkeime der Pandanuswurzel in sie über; hat sie bei einem anderen Stamm nach dem Genuß von Lalitjafrüchten Erbrechen, dann ist dies ein Anzeichen, daß der Lalitjakindeskeim durch ihre Hüften in sie eindrang, oder schlägt sie einen Gummibaum mit einem Beil, dann wird dadurch gleichfalls ein Kinderkeim frei. Diese Kinderkeime gehen nun keineswegs immer sogleich in Menschengestalt in den Leib des Weibes über, sondern auch in der eines Tieres, zum Beispiel eines Regenvogels (Mädchen) oder einer Schlange (Knaben) und anderes mehr, verwandeln sich aber im Mutterleib wieder in einen Menschen. Auch die Berührung einer Frau mit einem Tschuringaholz genügt, um sie in gute Hoffnung kommen zu lassen.

Während der Schwangerschaft ist die Australierin, wie wir es schon von der Melanesierin her kennen, bestimmten Speiseverboten unterworfen, jedoch scheinen diese nicht so umfangreich wie dort zu sein. Sie darf gewisse Fleischspeisen, hauptsächlich vom Ameisenigel, Känguruh, Opossum, Emu und Schlangen, bei anderen Stämmen überhaupt kein Fleisch genießen. Als Grund für diese Einschränkungen wird angegeben, daß entweder die Mutter eine schwere Krankheit davon bekomme, oder das Kind am Mutterleibe anwachse oder sterbe und so weiter. Meistens ist auch der Mann an diese Vorschriften gebunden. Bei den Urubunna geht er während dieser Zeit auch nicht auf die Jagd, denn der Geist des Tieres, von dessen Fleisch er aß, würde ihn begleiten, das Wild warnen und das Wurfgeschoß ablenken.

Phot. W. E. Roth.

Abb. 197. Fadenspiele aus Nordqueensland.