Abb. 18. Rauchende Japanerin.
Der Shintoismus kannte ursprünglich keine Tempel; diese sind erst ungefähr seit Beginn unserer Zeitrechnung aufgekommen und zählen jetzt zu Hunderttausenden. Es sind einfache Gebäude aus glattem weißem Holz, das notdürftig durch Bronze und Eisen zusammengehalten wird, mit einem Strohdach gedeckt. Vor ihnen steht ein Torii, ein Galgentor, das aus zwei Pfosten, die von einem dritten Balken überdeckt werden, besteht.
Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 19. Japaner beim Essen.
Der Shintoismus ist voll von phallischen Vorstellungen; unter seinem Schutze konnte sich daher die Verehrung des männlichen Zeugungsgliedes ausgedehnter Verbreitung erfreuen. Man stellte Nachbildungen von ihm (Phalli) als Wahrzeichen ursprünglich an Wegen auf, die durch Wildnisse führten, und hoffte dadurch einem Unglück vorzubeugen, besonders gegen die bösen Geister den Wanderer zu schützen. Früher begegnete man in Japan ganz allgemein, jetzt noch vielfach in abgelegenen Gegenden der Nachbildung des männlichen Gliedes in Gestalt von hölzernen oder steinernen Phalli auf Landwegen, besonders an Kreuzungen, vor Brücken und Paßübergängen, an Wohnhäusern als Schutzgott für Reisende und die Bewohner; die Vorübergehenden brachten ihnen Opfer von Papierschnitzeln, Kleiderfetzen, Blumen und so weiter dar. Ja schon einfache Naturgebilde, wie Baumwurzeln, aufrechte Steine, die Ähnlichkeit mit einem männlichen Gliede hatten, genossen die gleiche Anbetung von seiten der Shintoanhänger. Man begnügte sich schon damit, die eigenen Geschlechtsteile zu entblößen oder die phallischen Zeichen an das Haus oder an den zu behütenden Gegenstand zu malen, um das Unheil der bösen Geister abzuwehren. Ursprünglich besaßen die phallischen Gottheiten der Japaner keine Tempel; man verehrte sie im Freien, teils offen dastehend, teils mit einem Schirmdach versehen. Das Volk wallfahrte zu ihnen und verrichtete hier seine Andacht. In neuerer Zeit flüchtete sich der Phalluskultus vor der Öffentlichkeit mehr in geschlossene Heiligtümer. In ihnen finden sich glänzendrot oder goldfarbig angestrichene Nachbildungen des Gliedes auf den Altären aufgestellt. Ihnen werden von den Frauen, die sich einen Gatten oder Kinder wünschen, oder von Personen, die von Geschlechtskrankheiten befreit sein wollen, Votivgaben in Gestalt kleiner hölzerner, bronzener oder steinerner Nachbildungen von Phalli dargebracht. Auch werden von den Altären solche Phalli von Kranken ausgeliehen, um als Amulett getragen zu werden. Nach erlangter Genesung bringen die Betreffenden sie wieder zurück und stiften einen neuen Phallus aus Dankbarkeit. Auch zu Geschenken, besonders zu Liebesamuletten, werden allerlei phallische Schnitzereien benutzt. Früher veranstaltete man auch Prozessionen, bei denen ein mächtiger Phallus umhergetragen oder auf einem Wagen mitgeführt wurde. — Neben dem männlichen Gliede war in Japan auch die weibliche Scham vielfach Gegenstand göttlicher Verehrung. Häufig waren es auch hier wieder natürliche Steingebilde, die Ähnlichkeit mit einem weiblichen Geschlechtsteil aufweisen und vom Volke angebetet wurden, in der Hoffnung, durch sie dasselbe zu erlangen wie durch Anbetung des Phallusgottes.
Der gebildete Japaner bekennt sich zur Lehre des Konfuzius, die ungefähr um dieselbe Zeit wie die Buddhas in Japan Eingang fand. Sie stimmt mit dem Shintoismus insofern überein, als auch sie predigt, daß das Wesen des Menschen ursprünglich ein vollkommenes sei, und die Wichtigkeit kindlicher Pietät und der Unterwerfung unter die Obrigkeit ihren Anhängern einschärft, weswegen sie auch gut zum japanischen Lehnsystem paßt und gerade bei den militärischen Klassen ihre Bekenner gefunden hat. Dagegen sind die religiösen Übungen, die im Kaiserpalast abgehalten werden, reiner Shintoismus; der oberste Leiter des Reiches ist auch sein oberster Priester. Der Neujahrstag ist der Hauptfeiertag; dann betet der Kaiser mit allen Prinzen und Beamten die Sonnengöttin an und bringt den Geistern seiner Vorfahren Opfer dar; er richtet seine Gebete gegen die vier Himmelsrichtungen hin für den Frieden und das Wohl seiner Untertanen. Außer dem Neujahrsfest kennt der Japaner noch eine ganze Reihe festlicher Tage, an denen Umzüge und Volksbelustigungen stattfinden ([Abb. 26], [30] bis [33], [37] und die [farbige Kunstbeilage]). Um eine Gottheit zur Erfüllung eines Wunsches gleichsam zu zwingen, geht er viele Male um ihren Tempel herum ([Abb. 38]).
Der japanische Buddhismus, das Mahayana oder „größere Fahrzeug“, unterscheidet sich von dem indischen Buddhismus, dem Hinayana oder „kleineren Fahrzeug“, ganz bedeutend. Während letzterer, die ältere, einfachere Lehre, sich darauf beschränkt, die Gläubigen durch Entsagen von allem Weltlichen zu der Stufe eines Arhat hinaufzuführen und von zahlreichen Wiedergeburten absieht, legt ersterer gerade auf eine Unendlichkeit von ihnen Gewicht, vermöge deren es einem Menschen möglich gemacht wird, über die Stufe eines Arhat hinaus zum Bodhisatwa hinanzukommen, der in seiner nächsten Wiedergeburt dann Buddha selbst wird. Zahlreiche Tempel und Klöster finden sich in Japan, in denen eine Unmasse Götter von den einfachsten Stufen des Arhat bis zu den Bodhisatwa und zum Buddha selbst dargestellt sind. Zahlreiche Sekten, sowohl des Shintoismus wie des Buddhismus, haben sich im Laufe der Zeiten gebildet und auch ihre Anhänger gefunden. Die japanische Regierung übt nämlich die weitgehendste Toleranz auf dem Gebiete der Religionsübung aus.
Der Aberglaube treibt in Japan so viele Blüten wie wohl bei keinem Volke der Erde. Wollte man die Unmasse von Legenden und Gebräuchen aufzählen, die mit dem Aberglauben des japanischen Volkes zusammenhängen, dann würde dies ganze Bände füllen. Tierkunde und animistische Philosophie spielen eine große Rolle darin. Von gewissen Tieren glaubt man, daß sie die Boten bestimmter Götter seien, weswegen man ihnen kein Leid antut und beim Landvolke direkt mit Achtung begegnet. So zum Beispiel gibt der Schiffer, wenn er eine Schildkröte findet, die dem Gott des Meeres heilig ist, ihr zuvor Sake zu trinken, ehe er sie wieder freiläßt.