Die Geburt eines neuen Weltbürgers wird von den Eltern, Verwandten und Nachbarsleuten mit großer Freude begrüßt, obgleich man nach der buddhistischen Lehre nicht wissen kann, ob das Kind wirklich das eigene Fleisch und Blut seiner Eltern ist und nicht etwa von einem wildfremden Menschen oder vielleicht auch von einem Tier, dessen Geist zufällig nach Wiedergeburt verlangt hat, abstammt. Dankopfer werden in den Tempeln dargebracht und etwaige Gelübde, die vordem abgelegt wurden, um einen Erben zu erhalten, werden erfüllt. Eine Tochter wird wie überall in den buddhistischen Ländern weniger geschätzt. Stirbt die Mutter kurz vor der Geburt, so wird das Kind durch Bauchschnitt herausgeholt. — Das Neugeborene wird nicht gebadet, sondern mit Butter eingerieben und mehrere Tage lang den Sonnenstrahlen ausgesetzt. Die Nahrung der Säuglinge besteht weniger in Milch, als vielmehr in der Hauptsache in Dsamba mit Suppe vermischt. Talismane werden dem Kinde an sein Kleid gebunden, um den bösen Blick abzulenken oder das Glück zum Eintritt zu zwingen, der Astrologe wird herzugezogen, um dem Neugeborenen das Horoskop zu stellen. Der Name, den das Kind erhält, pflegt oft ein recht hochtrabender zu sein, wie „Der Donnerschlag langen Lebens“ oder „Das unermeßliche Banner“, oder es wird ihm einfach der Name des Wochentages beigelegt, an dem es geboren wurde, wie die „Sonne“ für einen am Sonntag geborenen, oder „Saturn“ für einen am Sonnabend geborenen Knaben. Für Mädchen ist der beliebteste aller Namen derjenige der buddhistischen Mutter Gottes, nämlich „Dōlma“, was also unserem Maria entspricht.

Phot. Captain F. M. Bailey.

Abb. 281. Ein Teilnehmer der tibetischen Prunkspiele in der Tracht eines mittelalterlichen Panzerreiters mit Bogen und Pfeil.

Die Rüstung besteht aus Eisenplatten, die durch Riemen aus Büffelhaut miteinander verbunden sind.

Die tibetischen Frauen sind im allgemeinen recht fruchtbar; sie bringen im Durchschnitt etwa zehn bis zwölf Kinder zur Welt, von denen allerdings die Hälfte wieder stirbt. Von drei bis vier Söhnen einer Familie wird mindestens einer zum Lama bestimmt. Die Lama sind aber zum Zölibat verurteilt, und daher übersteigt die Zahl der unverheirateten Mädchen weitaus die der Jünglinge, die heiraten dürfen. Obwohl daher ein junger Mann bei seiner Brautwahl eine ungewöhnlich große Auswahl hat, so nimmt er doch für gewöhnlich eine Frau, die älter als er ist. Da zwischen den Geschlechtern die weitgehendste Vertraulichkeit erlaubt ist, so sind echte Werbungen und Liebesheiraten nichts Ungewöhnliches. Die formelle Verlobung indessen wird zumeist von einem Zwischenträger zustande gebracht, der ein Freund des Bewerbers ist und als Geschenk eine seidene Zeremonialschärpe mit überreicht. Diese, Chadak genannt, spielt eine sehr wichtige Rolle im gegenseitigen Verkehr, sobald eine Gefälligkeit erbeten oder ein Besuch gemacht wird. Sie dient als Zeichen der Begrüßung, der Freundschaft und des Glückwunsches und wird mit einer Verbeugung in der Weise überreicht, daß man sie gefaltet über beide parallel gehaltene Hände hinhält, worauf der andere sie auf seine ebenso vorgestreckten Hände übergleiten läßt, ohne die Finger dabei zu Hilfe zu nehmen. Um wieder auf die Werbung zu kommen, so wird die Antwort der Eltern dem Vermittler an einem festgesetzten Tage zuteil, an dem die Angehörigen der Braut und er, der dann eine große Menge Wein zur Bewirtung der Gesellschaft mitbringt, eingeladen werden. Wenn das Mädchen und ihre Eltern mit dem Vorschlage einverstanden sind, dann trinken sie den Wein und nehmen jeder einen Chadak an, worauf der Vermittler der Braut einen mit Türkisen besetzten Kranz, das Verlobungsgeschenk des Bewerbers, auf die Stirn setzt und noch andere Geschenke überreicht.

Phot. The Moravian Mission.

Abb. 282. Hochzeitsfeier in Nordwesttibet.

Das Brautpaar, das hohe Hüte und eine Zeremonialschärpe um den Hals trägt, hockt auf einem Teppich neben einem Tisch, auf dem ein Gefäß mit Wein steht, während ein Lamapriester an einem Tisch mit Teetopf und Tassen sitzt.