Bei der nunmehr folgenden Hochzeit finden keine religiösen Zeremonien statt, denn die Heirat ist in Tibet wie in anderen buddhistischen Ländern nichts als ein Zivilvertrag, der nur öffentlich bekannt gegeben zu werden braucht, um Gültigkeit zu besitzen. Nachdem die Astrologen einen günstigen Tag festgesetzt haben, werden Einladungsschärpen an alle Verwandten und Freunde gesandt, wofür man erwartet, daß sie das Geschenk durch ein Kleidungsstück oder einen anderen praktischen Gegenstand erwidern. Mehrere Freunde des Bräutigams holen die Braut ab und werden von den Angehörigen mit anderen Gästen festlich bewirtet. Alle Festgenossen sind aufs feinste angezogen; die Reicheren tragen Gewänder aus chinesischem Seidenbrokat, die Männer ihre Amtshüte, die Frauen sind mit schwerem Schmuck (silbernen und goldenen, mit Türkisen besetzten Amulettkästchen) förmlich überladen und tragen auf dem Haupte Tiaren. Besonders ausgeputzt ist natürlich die Braut, sie erhält ihren Platz zwischen ihren Eltern auf einem recht hohen Kissen, daneben nehmen Freunde und Verwandte in regelmäßiger Reihenfolge Platz. Nach Beendigung der Festtafel werfen Vater und Mutter der Braut je eine Schärpe ([Abb. 282]) um den Hals und wünschen ihr dabei reichen Kindersegen, während die übrigen Anwesenden Getreidekörner über sie ausschütten und sie sodann zum Hause des Bräutigams begleiten. Hier finden für gewöhnlich keine Zeremonien mehr statt. Braut und Bräutigam setzen sich nun nebeneinander nieder, essen und trinken Wein oder Tee, erheben sich darauf und nehmen die Glückwünsche der Gäste und die Schärpen entgegen; die letzteren legen sie sich zum Teil um den Hals oder häufen sie neben sich auf. Gelegentlich liest auch noch ein Priester etwas aus den heiligen Schriften vor und spendet seinen Segen. Die Gäste werden sodann noch einmal bewirtet. Nach der Hochzeit wandert das glückliche Paar noch drei Tage lang, aufs schönste gekleidet, umher, macht bei den Freunden Besuche, ißt und trinkt bei ihnen und beteiligt sich an sonstigen Lustbarkeiten. Wie bei allen feierlichen Gelegenheiten, so werden auch bei der Hochzeitsgratulation ausgesuchte Höflichkeiten ausgetauscht. Diese bestehen darin, daß man sich verbeugt und gegenseitig (wie beim Gruße überhaupt) die Zunge herausstreckt ([Abb. 283]). So sonderbar uns diese Sitte anmutet, ist sie doch die vornehmste aller Höflichkeitsformen.

Phot. L. A. Waddell.

Abb. 283. Eine Begrüßung in Tibet.

Der Tibeter nimmt beim Grüßen zuerst den Hut ab, biegt dann das linke Ohr nach vorn und reckt die Zunge heraus. Dies wird als die vornehmste Art des Grüßens betrachtet.

Eine in Tibet weit bis in die neuere Zeit hinein verbreitete Sitte war die Polyandrie oder Vielmännerei; heutigentags ist sie bereits im Aussterben begriffen. Hiernach gehört eine Frau gemeinsam allen Brüdern einer Familie ([Abb. 284]); der älteste heiratet sie. Wenn einer der jüngeren Brüder seine ehelichen Pflichten ausüben will, verläßt der älteste das Haus und geht für gewöhnlich auf Reisen; zum Zeichen dessen hängt der augenblickliche Gatte seine Schuhe, seinen Gürtel und seine Beinkleider vor der Tür des Hauses auf. Die Polyandrie der Tibetaner scheint im wesentlichen ein Ausfluß des Gesetzes der Erstgeburt zu sein, das in Tibet besteht. Diesem zufolge wird der älteste Sohn, sobald er sich verheiratet, der alleinige Besitzer aller Ländereien, Sklaven, des Hauses und sonstigen Zubehörs seiner Eltern; diese werden auf das Altenteil gesetzt, die jüngeren Brüder von dem ältesten unterhalten. Daher wird die gemeinsame Frau offiziell nur die des ältesten, und etwaige Kinder gelten nur als die seinigen.

Aus: Ploß-Renz, Das Kind.

Abb. 284. Polyandrische Ladakhfamilie.

Wird ein Tibeter krank, dann nimmt man an, daß ein böser Geist von ihm Besitz ergriffen habe, und holt einen Lama herbei, um diesen auszutreiben. Erweist sich dessen Kunst als unzulänglich, dann macht man sich mit dem Gedanken vertraut, daß der Kranke sterben muß, und läßt ihn im Stich. Ist der Tod eingetreten, dann darf niemand den Körper berühren, bevor nicht der Priester mit seiner Seele fertig geworden ist. Er wird sofort gerufen, denn es besteht der Aberglaube, daß die Seele des Verstorbenen mindestens noch vier Tage lang in dem toten Körper weile und nur von einem erfahrenen Priester hinausgeleitet werden könne, der deswegen auch der „Seelenbeförderer“ heißt. Bei seiner Ankunft verweist der Priester alle Menschen aus dem Sterbezimmer, schließt Fenster und Türen zu und setzt sich zu Häupten der Leiche nieder. Er ermuntert die Seele, den toten Körper nunmehr zu verlassen, und reißt, um ihr einen Weg zu bahnen, dem Toten ein paar Kopfhaare aus, in dem Glauben, daß durch die Poren der Haarwurzeln die Seele nun einen Ausgang finde. Er ermahnt sie dann weiter, die Gefahren, die ihr auf dem Wege zum Paradies drohen, zu meiden, und wünscht ihr gute Reise. Die ganze Zeremonie dauert ungefähr eine Stunde; der Lama erhält dafür einen ungewöhnlich großen Lohn an Geld und anderen Geschenken, dessen Höhe von der Hinterlassenschaft des Verblichenen abhängt; bei ganz reichen Leuten kann diese Gebühr beinahe die Hälfte des Nachlasses ausmachen. Sobald der Priester erklärt hat, daß die Seele von dem Toten gegangen sei, darf letzterer berührt werden. Die Männer, die die weiteren Handlungen mit ihm vornehmen, müssen unter dem gleichen Planeten wie der Verstorbene geboren sein; sie werden mit einem Tabu belegt. Durch Horoskop wird der geeignetste Tag für das Begräbnis und für die Gebete, die für die Sicherheit der Überlebenden vorgeschrieben sind, festgestellt. Der Tote wird, mit Stricken in Hockerstellung gebunden, in einen Sack aus rohem Fell oder in eine viereckige Kiste gesteckt und in einer Ecke des Zimmers oder in einem unbenutzten Raum hingestellt. Abwechselnd halten Priester Tag und Nacht Wache neben der Leiche; sie lesen Gebete vor und murmeln heilige Sprüche, so lange, bis der Tote aus dem Hause gebracht wird. Um ihn herum brennen Kerzen, von acht bis einhundertundacht an der Zahl, und die Verwandten, die sich im Nebenraum aufhalten, bringen ihm Speise und Trank auf niederen Tischen dar. Vor dem Begräbnis essen und trinken auch die Angehörigen im Hause; sobald aber der Tote aus ihm entfernt worden ist, genießt keiner darin einen Monat lang etwas von einer Speise oder einem Getränk, aus Furcht vor dem bösen Geist. Unter Umständen, so bei rauher Witterung, namentlich im Winter, bleibt der Tote wochen- und selbst monatelang unbeerdigt, bis sich eine günstige Gelegenheit dazu bietet, die aber immer erst von dem Astrologen vorausgesagt werden muß. Die Priester ([Abb. 286]) gehen im Leichenzuge voran, sie singen Zauberformeln aus indischen Schriften, andere stimmen unheimliche Totenlieder auf Hörnern an, die von Trommelschlag und Handglockengeläut begleitet werden ([Abb. 285]). Hierauf folgen die Verwandten — ist der Hauptleidtragende eine Frau, dann begleitet sie den Zug nicht — und zuletzt der Sarg, den ein Hauptpriester an einer langen seidenen Schärpe (wohl dem „Seelenbanner“ der Chinesen entsprechend) unter Anschlagen einer Schädeltrommel ([Abb. 287]) führt. Menschenknochen wird bei Andachtsübungen eine große Bedeutung beigelegt; so finden Schalen aus Menschenschädeln als Becher ([Abb. 288] und [289]) bei Altaropfern Anwendung, Trommeln aus ebensolchen und Trompeten aus Oberschenkelknochen ([Abb. 290]) dienen bei der Teufelbeschwörung, Fingerknochen zu Rosenkränzen und so weiter.