Gespenster, die den Gegenstand vieler Erzählungen bilden, werden meistens als Wesen mit wirren und lose über die abgemagerten Gesichter fallenden Haaren, von durchsichtigem Körper, dessen unterer Teil wie ein Dunst ohne Füße entlang ziehe, geschildert. Allgemein glaubt man, daß die Geister der Verstorbenen aus dem Grabe zurückkehren, um die Angehörigen entweder zu trösten und ihnen Gutes zu erweisen, oder auch die, die ihnen bei Lebzeiten Unrecht zugefügt hatten, zu bestrafen. Man meint sogar, daß allzu starke Liebe oder Haß imstande seien, zu bewirken, daß der Geist eines lebenden Menschen sich vom Körper loslöse, um sich dem Gegenstand seiner Liebe oder seines Hasses zu nahen.
Auch das tägliche Leben des Japaners ist von unzähligen abergläubischen Gebräuchen durchsetzt. Ebenso wird den Vorbedeutungen ein großer Wert beigelegt und bestimmte Handlungen, wie Hochzeit, Umzug, Reise nicht unternommen, ohne einen Wahrsager vorher um Rat gefragt zu haben. Ganz besonders aber herrscht der Aberglaube auf dem Gebiete der Heilkunde. Unsere [Abbildung 34] zeigt eine alte Japanerin, die sich vom Rheumatismus zu heilen sucht, indem sie den bronzenen Stier an der Stelle streicht, an der in ihrem eigenen Körper das Leiden sitzt. Von Kind auf ist ihr diese Heilmethode vertraut. Das bronzene Standbild ist ganz blank von dem jahrhundertelangen Darüberstreichen der Hände.
Phot. Yei Ozaki.
Abb. 23. Buddhistischer Priester.
Die japanische Form des Buddhismus unterscheidet sich wesentlich von der indischen. Gelehrte fanden bemerkenswerte Ähnlichkeiten ihres Ursprungs und ihrer frühen Geschichte mit dem Christentum.
Abergläubische Furcht setzt auch bereits bei dem werdenden Menschen im Mutterleibe ein. Eine Frau, die gern Kinder haben möchte, muß an der Stelle niederknien, wo eben vorher ein Kind geboren wurde. Um sich ihre schwere Stunde zu erleichtern, darf sie über keinen Bambusbesen schreiten, ebensowenig auf Eierschalen treten, die Kochpfanne, aus der man ihr zu essen gegeben hat, nicht abwaschen, sondern muß sie halb mit Wasser gefüllt stehen lassen, auch muß sie eine Kormoranfeder in den Händen halten, ein Stückchen Papier mit der Abbildung des Schutzpatrons der Gebärenden verschlucken, einen Absud von ungeborenen Hirschkälbern trinken und anderes mehr. Früher scheinen die Schwangeren allgemein in besonderen Hütten niedergekommen zu sein, was noch heute auf einzelnen kleinen Inseln üblich ist. Die Geburtshilfe lag vordem und jetzt noch auf dem Lande in den Händen weiser Frauen (Samba-san, das heißt verarmtes Frauenzimmer oder Toriage-baba, das heißt aufhebendes Mädchen genannt), die zur Beschleunigung der Geburt den Unterleib zu kneten (ambuk) pflegten. Der Nabelstrang, der niemals mit einem eisernen Messer abgeschnitten werden darf, sondern nur mit einem Bambusspan, einem Dornen oder Porzellanscherben, wobei siebenmal auf ihn gehaucht werden muß, wird in mehrere Bogen Papier eingewickelt, mit dem Namen der Eltern versehen und dem Familienarchiv übergeben. Stirbt das Kind, dann wird er mitbegraben, erreicht es das erwachsene Alter, dann bekommt es den Nabelstrang zurück und trägt ihn beständig bei sich. In wohlhabenderen Kreisen schneidet man ihn in zwölf Stücke und legt jedes Stückchen in ein aus Zedernholz angefertigtes, mit Kranichen, Schildkröten, Bambus, das heißt mit lauter glückbringenden Dingen bemaltes Tönnchen und vergräbt dieses zusammen mit Reis, Hanf, Stroh und Geld im Hofe in der Richtung der in zwölf Teile eingeteilten Windrose. Die Nachgeburt wird ebenfalls unter dem Hause an einer vom Priester näher bezeichneten Stelle tief vergraben, und zwar die von Knaben zusammen mit einem Schreibpinsel und einem Stückchen Tusche, von einem Mädchen mit einer Nadel und etwas Garn. Am Nabel des Neugeborenen wird eine sogenannte Moxe (Zunder) abgebrannt, was Bauchweh im späteren Leben verhüten soll.
Phot. Yei Ozaki.
Abb. 24. Einsegnung einer Feuerwehrstandarte durch einen Shintopriester,