Aus „Globus“.

Abb. 309. Zeichnung eines jukagirischen Mädchens auf Birkenrinde, um ihre Liebe zu einem jungen Manne zu bekunden.

Figur abcdef stellt eine Hütte vor, die Figuren oj einen jungen Mann, kh ein junges Mädchen (durch größere Breite in der Hüfte xz und den Zopf tv gekennzeichnet), xt und zt die Arme. Die Verbindungslinien rs, tu und r′t′ sollen andeuten, daß die beiden Personen sich lieben, die Linie ji, die bei dem Kopf der männlichen Figur beginnt und über den der weiblichen hinübergeht, ebenso die Linie hg, die in entgegengesetzter Richtung geht, drücken die Umarmung aus. Also ein Liebesbrief des Inhalts: „Ich liebe dich mit meiner ganzen Seele.“

Abb. 310. Idole der Golde.

Die Hochzeitszeremonien sind bald ziemlich komplizierte, wie bei den Golde und den Jakuten, bald wieder ganz bescheidene wie bei den Tschuktschen, Giljaken und Ostjaken. Bei letzteren wird die reich geschmückte Braut im Schlitten von den Werberinnen abgeholt und nach der Behausung der Eltern ihres Bräutigams gefahren, wo diese sie empfangen und von ihr Geschenke, die meistens in Tüchern bestehen, erhalten; bevor der Schlitten sich in Bewegung setzt, tritt einer der Jurtenbewohner hervor und verlangt ein Lösegeld. — Bei den Tschuktschen wachsen die Kinder, die später als Mann und Weib leben sollen, schon von früher Jugend an miteinander auf; sobald der Jüngling imstande ist, sich selbst zu ernähren, tun beide sich als Ehepaar zusammen. — Bei den Golde erwartet der Bräutigam im reichen Jagdkostüm ([Abb. 312]) seine mit dem Boot eintreffende Zukünftige. Sobald er ihrer sichtbar wird, springt er schnell in ihr Boot und kämpft um sie ungefähr eine halbe Stunde lang, bis Friede zwischen den Parteien geschlossen wird. Hierbei haben wir es offenbar mit einem Überrest des Brautraubes zu tun. Darauf begibt sich der Bräutigam mit dem Schwiegervater ins Haus, während die Braut und ihre Mutter mit ihren nächsten Angehörigen am Strande warten und erst auf eindringliche Einladung von seiten der Mutter und Schwestern des Bräutigams das Haus betreten. Hier wird die Braut sogleich auf ihren Ehrenplatz geführt und sodann in die neue Hausgenossenschaft aufgenommen. Der Vater breitet einen neuen Teppich auf der Erde aus, läßt das Brautpaar niederknien und reicht seinem Sohne ein Glas Branntwein, das dieser wieder seiner Braut darbietet und sodann die Runde unter den Gästen machen läßt. Hierauf begrüßt die nunmehrige junge Frau den Hausgott und verteilt Tabak an die Teilnehmer, während diese sie beschenken. Den Schluß bildet der Hochzeitschmaus, bei dem der Branntwein wiederum eine große Rolle spielt. Die junge Frau wechselt hierbei ihren Hochzeitstaat mit einem Arbeitsanzug und geht Wasser holen. Damit erreicht das Fest sein Ende. — Sehr zeremoniell geht es bei einer Jakutenhochzeit zu. Hier erscheint der Bräutigam hoch zu Roß in Begleitung seiner Angehörigen im Hause der Braut und bringt viel Fleisch für das Hochzeitsmahl mit. Beim Empfang im Hofe hält ihm der Schwiegervater den Steigbügel. Während nun alle Gäste sich im Hause versammeln, bleibt der Bräutigam vorläufig allein draußen, verbeugt sich nach Osten und begrüßt die aufgehende Sonne, bis er von seinem Vetter mit einer Peitsche ins Haus hineingetrieben wird. Die Schwiegereltern gehen ihm hier mit Heiligenbildern entgegen und segnen ihn; gleichzeitig erfaßt sein eigener Vater ihn von hinten und zwingt ihn, dreimal vor deren Füßen sich niederzulassen. Darauf wird das Fleisch hineingebracht und vom Bräutigam ausgewickelt; er selbst nimmt von einem bereits gekochten Pferdekopf drei Stückchen Fett unter den Augen heraus und wirft sie ins Feuer. Sodann wird er in die rechte Ecke des Raumes geführt und muß sich hier mit dem Gesicht nach der Wand zu niedersetzen. In entsprechender Weise nimmt seine Braut in der linken Ecke Platz. So verharren beide eine bestimmte Zeit, bis das Festmahl beginnt. Bei diesem werden ein Ochse und ein Pferd geschlachtet und vor sämtlichen Gästen gekocht; diese selbst nehmen auf der frisch abgezogenen Haut der Tiere Platz. Dabei werden Trinksprüche ausgebracht und auf die neue Verwandtschaft mit den Worten getrunken: „Wir sind jetzt miteinander verwandt geworden und wollen daher in Freundschaft und Eintracht leben.“ Die gleiche Szene wiederholt sich an den folgenden Tagen. Die Weiber werden zur Tafel nicht zugelassen; sie nehmen ihre Mahlzeit in den Ecken des Zimmers ein. Am vierten Tage endlich besteigen die fremden Gäste wieder ihre Pferde und machen sich auf den Heimweg; zuvor aber wird ihnen das übrig gebliebene Fleisch zugesteckt, damit sie es ihren Angehörigen, die nicht an dem Mahle teilnehmen konnten, mitbringen.

Einer eigenartigen Erinnerung an den Brautraub begegnen wir bei den Burjäten. Hier schließt sich die Braut am Hochzeitstage mit ihren Freundinnen in einer Jurte ein. Diese machen ihre Zöpfe auf und verflechten sie mit denen der Braut, so daß die Haare aller zusammen gleichsam ein Ganzes bilden. Aufgabe des hinzukommenden Bräutigams ist es nun, die Gefährtinnen von seiner Auserkorenen zu trennen und letztere zu veranlassen, daß sie ihm in sein Haus folgt.

Phot. Fr. Alexander.