Bei Erkrankungen eines Menschen pflegt man den Schamanen zu rufen, der durch Beschwörung (wie wir oben schilderten) versucht, die entwichene Seele wieder einzufangen und zurückzubringen. Ist seine Kunst vergeblich und steht der Tod des Kranken zu erwarten, dann schrecken die Tschuktschen nicht davor zurück, ihn auf gewaltsame Weise aus dem Wege zu räumen. Wenn der Kranke in Schlummer verfallen ist, legen sie um seinen Hals einen Riemen und schnüren ihm damit die Kehle zu ([Abb. 314]). Nach Eintritt des Todes wird die Brust geöffnet und die Luftröhre durchschnitten. Es kommt auch vor, daß alte Leute, die des Lebens überdrüssig geworden sind, ihre Angehörigen angehen, sie ins Jenseits zu befördern; diesem ihrem Wunsche wird dann auch entsprochen. An demselben Tage noch wird der Leichnam in Felle eingehüllt und auf einem Renntierschlitten auf eine Hochebene oder in die Wildnis gefahren, wo man ihn vollkommen nackt mit nach Nordosten gerichtetem Kopfe einfach auf den Boden hinlegt und den Tieren zum Fraße überläßt ([Abb. 315]). Der Schlitten, der ihn dorthin brachte, wird zerhackt, die Renntiere, die ihn zogen, werden getötet und einige Streifen ihres Fleisches über den Toten gelegt. Meistens umgibt man den Toten noch mit einer Steinumwallung in Form eines Rechtecks und setzt einen kleinen Napf mit etwas Wegzehrung für die Reise ins Jenseits neben ihn, ferner einige Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens, wie seine Pfeife und sein Messer, damit er sich ihrer auch dort bediene, wie hier auf Erden. Nie wieder wird die Begräbnisstätte von den Angehörigen betreten.
Mit Erl. des American Museum of Natural History, New York.
Abb. 313. Heidnische Krankenheilung bei den Tschuktschen durch Suggestion (Auflegen eines Stabes auf den Kopf).
Nach dem Tode eines Ostjaken zündet man im Tschum um die Leiche ein Feuer an und läßt den Schamanen kommen, damit er den Toten frage, auf welchem Friedhofe er beerdigt sein will. Dies geschieht in der Weise, daß man den Ort nennt und den Kopf der Leiche zu erheben sucht. Das Einverständnis erkennt man daran, daß der Tote dieses zuläßt; im anderen Falle würden drei Männer nicht imstande sein, seinen Kopf zu heben. Die Frage muß solange wiederholt werden, bis der Tote einwilligt. Darauf wird die festlich gekleidete Leiche entweder in einen Sarg oder in ein Boot gelegt; das letztere zerschneiden sie zu diesem Zwecke in zwei Hälften, in die eine kommt die Leiche zu liegen, mit der anderen wird sie zugedeckt. Sodann wird sie in einer Grube beigesetzt, wobei der Sarg erst mit Birkenrinde und dann mit Erde bedeckt wird.
Aus „Globus“.
Abb. 314. Kamitok bei den Tschuktschen.
Das Grab wird überdacht nach Art eines Hauses oder einer Jurte, doch bleibt in dem Dache eine Öffnung, um dem bösen Geist einen Ausweg zu lassen. Durch die gleiche Öffnung reicht man dem Verstorbenen Speise und Branntwein. Auf das Dach werden allerlei Gegenstände gelegt, ein Schlitten, ein Stein, Körbe, ein kleines Täschchen, ein Ruder und anderes mehr, unter das Dach stellt man auf das Grab eine Schale und einen Löffel, um den Verstorbenen bei Gelegenheit seines Gedächtnismahles zu speisen. Ein solches wird nämlich fünf Tage nach dem Tode eines Mannes und vier nach dem eines Weibes abgehalten; dabei werden Renntiere geopfert und verspeist, sowie Branntwein dazu getrunken. Nach dem Leichenmahle spießt man die Schädel der Opfertiere auf Pfähle ([Abb. 316]) und behängt letztere mit deren Geschirr, sowie mit kleinen Glocken. Der Schlitten, der die Leiche nach dem Friedhof brachte, wird zerschlagen. Zum Zeichen der Trauer tragen die Weiber einige Tage ihre Zöpfe aufgelöst. Eine Ostjakenehefrau zerkratzt sich beim Tode ihres Gatten das Gesicht mit den Nägeln, reißt sich die Haare aus und wirft sie auf die Leiche. Außerdem zieht sie einem hölzernen Block, dem man annähernd die Gestalt ihres Mannes gegeben hat, die Kleider ihres Gatten an, stellt ihn an den Ort, wo er zu sitzen pflegte, nimmt ihn nachts mit auf ihr Lager und küßt ihn; so treibt sie es ein volles Jahr lang, worauf sie den Klotz unter Tränen begräbt.
Bei den Jakuten wird der Verstorbene am dritten Tage in einem mit einem weißen Tuche vollständig bedeckten Sarge auf einem von Ochsen (niemals von Pferden) gezogenen Schlitten zur Grabstätte hinausgebracht. Niemand begleitet ihn außer den Trägern und Totengräbern; die letzteren schaufeln in größter Hast das Grab aus und eilen dann schnell nach Hause, bei der Heimkehr dürfen sie sich aber auf keinen Fall umsehen. Zu Hause führen sie dann die Tiere, die die Leiche zogen, durch ein Feuer, das sie aus den Abfällen des Sarges und dem Stroh, auf dem der Tote lag, entzünden. Die Spaten und auch die sonstigen Werkzeuge, mit denen sie beim Grabe hantierten, werden an diesem zurückgelassen; bei einem Kinde dagegen legt man dessen Spielzeug auf das Grab und hängt seine Wiege nebenan an einem Baume auf. Ist ein Schamane beerdigt worden, dann werden seine Zaubertrommel und sein Kostüm ebenfalls am Grabe aufgehängt. Man begräbt diese Leute bei Nacht oder wenigstens am Abend in großer Eile und meidet späterhin ihre Stätte ängstlich.