Mit Erl. des American Museum of Natural History, New York.

Abb. 315. Begräbnisplatz der Tschuktschen auf einer Hochebene in den Tschannbergen.

Die Frau eines Golde legt sich des Nachts neben den verstorbenen Ehemann und deckt sich mit dem gleichen Tuche wie die Leiche zu; sie glaubt nämlich, daß seine Seele noch nicht fortgegangen sei, sondern so lange im Hause weile, bis der Schamane sie ins Jenseits geführt hat. Auch nach dem Begräbnis geht die Witwe von Zeit zu Zeit nach dem Grabe des Gatten und legt sich hier nieder. Am nächsten Tage nach dem Tode wird die Leiche durch das Fenster gehoben und auf der Straße in den Zedernholzsarg gelegt; unter ihren Kopf legen die Frauen aus Papier geschnittene Tierfiguren und unter die Füße einen Stein; dies ist nötig, um ins Jenseits zu gelangen. Auf dem Wege zur Grabstätte wird mehrere Male haltgemacht und der Sarg jedesmal mit Branntwein begossen; dabei ruft man dem Toten noch die Worte zu: „Trinke, gute Reise in das Land der Seelen; komm nicht wieder und nimm keines deiner Kinder und Tiere mit.“ Der Sarg wird in einer Grube beigesetzt und über ihm eine Hütte errichtet, in die man die Jagdgeräte und Lieblingsgegenstände des Toten legt. Währenddessen zünden die Frauen neben der Grabstätte ein großes Feuer an und bitten den Toten noch einmal, daß er nicht wieder kommen und niemand nach sich ziehen möge. Hierauf wird ein Hund getötet, an einem Baume aufgehängt und mit Hirschfell bedeckt. Zu Hause wäscht sich die Witwe Hände und Gesicht und verbrennt wohlriechende Kräuter. Sodann werden die Vorratsräume, die, solange der Tote noch im Hause lag, geschlossen waren, wieder geöffnet und ein Totenmahl abgehalten.

Aus: Brehm, Vom Nordpol zum Äquator.

Abb. 316. Ein Begräbnis bei den Ostjaken.

Nach einigen Monaten findet sich ein Schamane ein, um die Seele des Verstorbenen mit Hilfe des Vogels Koori (eines aus Holz geschnitzten, mit rotem Rehfell überzogenen Vogels von der Gestalt eines Kranichs) und des Schutzgeistes Butschtschu (einer gleichfalls mit Rehfell überzogenen geflügelten menschlichen Figur mit krummen Beinen) auf ihrem Wege ins Jenseits zu begleiten, zu dem sie nicht allein den Weg kennt, sondern auch die Namen der Orte, die die Seele zu passieren hat — es sind achtzehn Stationen — und die Gefahren, die sich ihr auf dem Wege entgegenstellen. Der Schamane macht im Geiste bei seiner Beschwörung alle die furchtbaren Qualen angeblich mit durch und kehrt nach dem Erwachen aus seinem Dämmerzustand völlig erschöpft auf dem Vogel Koori und im Gefolge des Geistes Butschtschu wieder heim. Bis der Schamane ihre Führung übernimmt, hält sich die Seele des Abgeschiedenen in einem kleinen viereckigen Kissen auf, das man zu diesem Zwecke anfertigt. Man behandelt dasselbe wie eine lebende Person; man spricht mit ihm, gibt ihm zu essen und zu trinken und bedeckt es von Zeit zu Zeit mit den neuen Kleidern des Verstorbenen. Sobald aber die Seele ins Jenseits hinüber befördert worden ist, wird das Kissen zerrissen und ins Feuer geworfen. Damit sind alle Beziehungen zu dem Toten für immer aufgehoben, und die Witwe kann jetzt wieder heiraten.

Phot. Major P. M. Sykes.