Phot. Henri D’Allemagne.
Abb. 323. Szene aus der Prozession am Mohurrumfeste.
Alle Gläubigen tragen während der Feier Trauerkleidung.
Die Pilger ziehen in großen Karawanen unter der Obhut eines Chausch oder Führers, der für ganz besonders tapfer und umsichtig gilt, dorthin; reiche Leute lassen sich von einem Mullah oder Priester begleiten, der ihnen Gebete oder Stellen aus den Passionsspielen vorliest, worauf manchmal alle Teilnehmer des Pilgerzuges antworten, so daß die Wüste von ihren Gesängen und Gebeten widerhallt. So wandern die Pilger Tag und Nacht weiter, alle fünfzehn Meilen etwa machen sie halt, und wenn sie aus dem südlichen Persien kommen, schrecken sie nicht einmal vor den Gefährlichkeiten des Lut, des schrecklichen „Toten Herzens“ Irans, zurück, wo die Nahrungsmittel sehr knapp sind und das Wasser salzig und schwer zu bekommen ist und wo außerdem Räuberbanden den unbewaffneten Wanderern auflauern. Wer diese Schrecknisse überwunden hat und an dem „Berge des Heils“ angelangt ist, für den bedeutet es dann das höchste Glück, auf die in grünen Gärten gebettete heilige Stadt mit dem goldenen Glanz ihrer Kuppeln und Türme hinabzuschauen und mit Freudentränen in ein Gebet einzustimmen. Nach einem Reinigungsbad legt der Pilger einen neuen Anzug an und betritt die „heilige Schwelle“ durch eine Pforte, über der Ketten hängen, zum Zeichen, daß er seine Füße auf geweihte Erde setzt. Sein Weg führt ihn zunächst über einen alten Hof, dessen Häuser mit ausgesucht feinen Ziegeln bedeckt sind, und dann weiter durch ein reich mit Gold bekleidetes Portal zu einer sehr geräumigen Halle, die unter dem Namen „Ort der Größe“ bekannt ist; von hier aus vermag er durch ein Gitter bereits in die Grabkammer hineinzusehen, muß aber noch eine zweite Halle durchschreiten, bis er die Freude erlebt, sich in Andacht auf der Schwelle des goldenen Tores niederzuwerfen. Geläutert erhebt er sich nach inbrünstigem Gebet, nähert sich dem reichen Gitterwerk und küßt das Schloß. Von dem Reichtum der Grabkammer kann man sich kaum eine Vorstellung machen. Das Grab ist durch drei Gitter geschützt, von denen das mittlere aus Silber angefertigt und mit Edelsteinen besetzt ist; darüber hängen sehr kostbare Reiherbüsche, mit Juwelen besetzte Schwerter und Dolche, vielfach Geschenke von Fürsten. Am Fuß des Grabes befindet sich eine mit Goldplatten bedeckte und ebenfalls mit Edelsteinen reich verzierte Tür, kurz gesagt, das ganze Gemach flutet sozusagen in einem Meer von Glanz. Die Pilger umkreisen das Grab dreimal; dabei fluchen sie allen Feinden des Imams, im besonderen dem Harun al Raschid, worauf sie zum Schluß noch zu Allah beten.
Eine auf den Straßen Persiens beinahe alltägliche Erscheinung sind die Derwische ([Abb. 325]), Bettelmönche, die nicht nur durch ihre sonderbaren Manieren, sondern auch durch ihre phantastische Tracht auffallen. Auf dem Kopf tragen sie eine weiße, mit Koransprüchen oder den Namen der zwölf Imame bestickte spitze Mütze, um Hals und Brust Glasperlen in allen Farben, sowie hölzerne Kugeln und über den Schultern noch ein Wolfs- oder Pantherfell, in der Hand meistens eine Stahlaxt, die mit goldenen und silbernen Einlegearbeiten versehen ist, oder wenigstens einen mit Nägeln und eisernen Knöpfen oder Spitzen besetzten schweren Knüppel; an Messingketten hängt ihnen vom Arme die Opferschale herab. Mit einem Horn künden sie ihr Erscheinen an und blasen vor einem Haus so lange, bis man ihnen eine Gabe spendet.
Phot. Henri D’Allemagne.
Abb. 324. Selbstverstümmelung fanatischer Teilnehmer am Mohurrumfeste
durch Einschneiden in die Kopfhaut, bis Blut über ihre Kleider fließt.