der auf ein ziemliches Alter zurückblicken kann.

Afghanen wie Beludschen sind Anhänger des Islams, die ersteren aber viel fanatischer als die letzteren. Dafür sind diese aber um so abergläubischer. Sehr verbreitet ist unter den Beludschen der Glaube an den Mamm; es ist dies der gewöhnliche braune Bär, dem man aber die Eigenschaften eines Werwolfs oder Vampirs zuschreibt. Von vielen Frauen nimmt man an, daß sie in Wahrheit Mamms sind, die eine solche Gestalt nur angenommen haben, um Männer in die Falle zu locken, ihr Blut auszusaugen oder sie durch ihre Liebesumarmungen zu Tode zu drücken. Eine besondere Merkwürdigkeit der Beludschen, die von ihren Nachbarn, den Afghanen, nicht geteilt wird, ist ihre Abneigung gegen Fische, offenbar ein Überbleibsel aus alten totemistischen Gebräuchen. Sie essen niemals Fisch. Ebenso meiden sie Eier. An Teufel glauben die Beludschen zwar nicht, wohl aber an allerlei Geister. Die Hazara stellen aus diesem Grunde bei der Geburt eines Kindes stets Speise für einen solchen Dschinn an die Seite der Kreißenden. Auch Feuerproben werden von den Beludschen vorgenommen, im besonderen das uns schon von anderwärts her bekannte Feuerlaufen.

Phot. A. O’Brien.

Abb. 341. Eselwettrennen.

Wettrennen zwischen Kamelen oder Eseln sind unter den Beludschen beim Mittelstande sehr beliebt. Der Häuptling will das Zeichen zum Start geben.

Abb. 342. Musikanten vom Domstamme.

Sie sind indischer Herkunft, tragen aber Beludschenkleidung. Einer von ihnen spielt gerade auf der Sarinda mittels eines mit Roßhaaren bespannten Bogens.

Die Beludschen haben in viel höherem Grade noch ihre Ursprünglichkeit bewahrt als die Afghanen. Sie sind ein Volk von Reitern und Pferdezüchtern. Leidenschaftlich interessieren sie sich daher auch für Pferdewettrennen ([Abb. 340] und [341]); gelegentlich wetteifert dabei ein Stamm gegen einen anderen. Nach ihrer Überlieferung ist dies eine alte Neigung, die vor vielen Jahrhunderten einmal zu Bürgerkriegen und Spaltungen in feindliche Parteien innerhalb des Volkes führte. Bei allen größeren Festen oder Versammlungen finden solche Pferderennen statt, die auch immer von Tänzen begleitet sind. Am ausgebildetsten zeigen ihren Nationaltanz noch die Bergstämme. Die Tänzer, die lange, wallende weiße Gewänder tragen, fassen sich bei den Händen, bilden einen Kreis, in dessen Mitte die Musik — Trommeln und zwei weitere, unserem Violoncell und unserer Gitarre ähnliche Instrumente — aufspielt, und setzen sich mit leicht federndem Schritt in Bewegung, den Kreis bald enger ziehend, bald ihn vergrößernd. Allmählich werden ihre Bewegungen, die anmutig und gemessen begannen, immer schneller, die Tänzer machen sich oft voneinander los und drehen sich allein, schließlich endet das Ganze in einen wilden Taumel. Die Umstehenden werden ebenfalls von der Lust zu tanzen erfaßt und fallen unter wüstem Geschrei ein (siehe die [farbige Kunstbeilage]). — Unter den berufsmäßigen Kameltreibern ist ein ähnlicher Tanz üblich. Sobald sie dabei in Aufregung geraten, nehmen sie ganz seltsame und groteske Stellungen ein: sie kauern sich nieder, hüpfen umher, springen wie Frösche und stoßen ein wildes Geheul aus, grunzen oder geben andere eigenartige Töne von sich. — Der Tanz der Afghanen ist ein Schwertertanz. Zumeist halten nämlich die Tänzer ein Schwert in beiden Händen, manchmal ein solches nur in der einen und eine Flinte in der anderen Hand. Sie kreisen um einen Pfosten, schwenken das Schwert um den Kopf und werden nach und nach so erregt, daß sie in wilden Bewegungen umherspringen und nicht selten ihre Gewehre abschießen. Die Musikanten halten sich hier außerhalb des Kreises auf. Aus anderen freudigen Anlässen tragen bei den Beludschen berufsmäßige Sänger Lieder, im besonderen alte Balladen vor. Jedoch sind dies keine eigentlichen Beludschen, sondern Domen, das heißt Männer des Zigeunerstammes, die die Lieder gleichzeitig auf den schon erwähnten Musikinstrumenten begleiten ([Abb. 342]). Die Beludschen verfassen auch noch mancherlei Dichtungen, aber keiner von ihnen gibt sich dazu her, selbst sein Erzeugnis öffentlich vorzutragen; er lehrt es einen Dom, und dieser singt es vor dem versammelten Volke. Die Bergbewohner üben auch Gesänge, kurze Liebeslieder und kleine lyrische Gedichte, ein und begleiten sie mit der Flöte. Diese Gedichte atmen mitunter einen recht romantischen Geist, besonders wenn die Liebe mitspricht. Denn Flirten und Hofmachen kommt unter den jungen Leuten recht häufig vor. Im großen und ganzen erfreuen sich die Frauen der Beludschen ziemlicher Freiheit, wenngleich bei der Auswahl des Gatten ihre Stimme wenig ins Gewicht fällt. Dafür entschädigen sich die Frauen aber durch Liebeleien nach der Hochzeit. Daß jungverheiratete Frauen sich von ihren Liebhabern aus anderen Stämmen oder Familien entführen lassen, kommt sehr häufig vor. Ein solches Vergehen hat den Tod der Frau oder des Liebhabers, meistens beider zur Folge, wenn es dem Paare nicht gelingt, sich auf das Gebiet eines anderen Stammes zu flüchten, denn hier verbietet das Gesetz der Gastfreundschaft ihre Auslieferung. Frauen dürfen bei Fehden unter den einzelnen Stämmen nicht getötet werden, ebensowenig Knaben bis zur Pubertät. Sobald sie aber die Reife erlangt haben, werden sie mit Hosen bekleidet, wie sie die erwachsenen Männer tragen, gelten dann für Männer und dürfen wie diese fortan mit Fug und Recht umgebracht werden.