Phot. R. C. Bolster.

Abb. 344. Das Grab eines Heiligen oder Pir,

das aus Steinen errichtet und durch Stangen mit Kleiderfetzen als Fahnen weithin sichtbar gemacht ist. Rechts obenauf liegen Hörner des wilden Schafes oder Urtels.

Russisch-Turkistan. Turkistan mit Buchara, Chiwa und Transkaspien bildet einen Teil von Russisch-Asien, der sich nördlich von Afghanistan und östlich von Persien bis zu den großen Binnenseen (Kaspisee, Aralsee und Balchaschsee) erstreckt. Seine Bevölkerung bietet ein recht buntes Bild, das allerdings in der Hauptsache aus Angehörigen der mongolischen Rasse besteht, die aber hinsichtlich ihrer Tracht, Sitten und Gewohnheiten ziemlich voneinander abweichen, so daß eine erschöpfende Schilderung auf Schwierigkeiten stoßen dürfte. Die geographische Lage Turkistans und der westlich anstoßenden Gebiete, die den innerasiatischen Stämmen im Laufe der Jahrtausende gleichsam als Einfallstor nach Europa dienten, gibt uns die Erklärung für dieses Völkergemisch. Mongolen, Arier, Juden ([Abb. 346]), Araber und Türkenvölker haben sich hier im Laufe der Zeiten zusammengefunden und sind miteinander Kreuzungen eingegangen, deren heutiges Produkt bald den einen, bald den anderen Typus mehr hervortreten läßt. Es ist in verschiedener Hinsicht praktisch, die Bevölkerung der uns interessierenden Gebiete in die Städtebewohner und in die Nomaden zu teilen; beide Gruppen unterscheiden sich nämlich voneinander nicht nur in kultureller, sondern auch in anthropologischer Hinsicht. Die ansässige Bevölkerung heißt Sarten; es sind stattlich gewachsene Leute von bräunlicher Hautfarbe, die sich von den Mongolen durch diesen ihren hohen Wuchs, mehr länglichen Schädel, edlere Züge und stärkeren Haarwuchs unterscheiden. Zum großen Teil zu seßhafter Lebensweise sind die Uzbegen übergegangen, wohingegen die Turkmenen im Westen, die Kirgisen im Osten Turkistans noch reine Nomaden sind. Sie, besonders die letzteren, weisen in ihrem Äußeren noch ziemlich reinen Mongolentypus auf.

Phot. R. C. Bolster.

Abb. 345. Das große Grabmal zu Sakhi Sarwar.

Es ist auf einem Felsvorsprung angelegt; die Steinstufen sind aus dem natürlichen Felsen herausgehauen. Auf ihnen versammeln sich zahlreiche Pilger aus Beludschistan und dem Pandschab, um den unten stattfindenden Spielen und Wettrennen zuzusehen.

Die Tracht der Sarten ist eine recht charakteristische und erinnert im ersten Augenblick an weibliche Gewandung. Das kommt von dem langwallenden (bis zum unteren Drittel des Unterschenkels reichenden), schlafrockähnlichen Oberkleid, dem Chalat, her, das zumeist noch offen getragen wird und daher hinterherschleppt. Darunter sitzt ein zweiter Chalat, der aber durch einen Gürtel aus baumwollenen Tüchern geschlossen gehalten wird; der Gürtel dient gleichzeitig als Behältnis für Tabaksdose, Geld, Speisen und so weiter. Baumwollene oder leinene Beinkleider, schwarze Lederstrümpfe, große gelbe Stiefel und ein Turban vervollständigen die Kleidung. Während das Tragen eines Turbans bei den Persern nur den Mullah gestattet ist, geht ein Sarte niemals ohne einen solchen aus. Die Tracht der Frauen ist im großen und ganzen der der Männer gleich. Sobald sie das Haus verlassen, was nur äußerst selten der Fall ist, hüllen sie sich in einen dichten Roßhaarschleier und in ein graues Gewand, das lange, eng auslaufende Ärmel hat und sie vom Kopf bis zu den Füßen bedeckt ([Abb. 347] u. [348]). Reiche und Arme kleiden sich auf dieselbe Weise, nur unterscheiden sich die Frauen der oberen Klassen von ihren ärmeren Mitschwestern durch die bessere Qualität des Stoffes und die größere Sauberkeit des Gewandes.