Bis zum Eintritt der Reife gehen die Kinder nackt. Die Mädchen werden dann mit einem reichverzierten Karoß bekleidet, dessen Tragen sie fortan als heiratsfähig stempelt. Nach dieser Einkleidung müssen die Mädchen drei Tage lang in einem von fußhohen Stäben errichteten Kreis von etwa einem Meter Durchmesser mit untergeschlagenen Beinen dem Eingang der Hütte gegenüber sitzen, den gespitzten Mund dabei vorgestreckt halten und mit dem Kopfe herausfordernd nicken. Am dritten Tage wird eine junge fette Kuh geschlachtet und ein Schmaus veranstaltet, zu dem der nächste Anverwandte, gewöhnlich ihr ältester unverheirateter Vetter, mit den Nachbarn sich einfindet. Er stülpt ihr den Magen des Rindes über den Kopf und wünscht ihr dabei, so fruchtbar wie eine junge Kuh zu sein und recht viele Kinder zur Welt zu bringen. Die Freunde und Freundinnen schließen sich diesem Glückwunsche an und nehmen ebenfalls an dem Schmause teil, der mit Tanz, Gesang und Bezechtheit infolge allzu reichlichen Genusses von Honigbier endigt.

Mit Erl. der Mariannhiller Mission, Vertretung Würzburg.

Abb. 396. Zulugigerl.

Die Stellung der Frau und auch schon des Mädchens ist bei den Hottentotten eine verhältnismäßig angesehene. Eine besonders hohe Achtung genießt die älteste Tochter innerhalb der Familie; Beweis dafür ist unter anderem die für jeden Mann bindende Versicherung: „So wahr meine Schwester lebt.“ Es darf daher nicht wundernehmen, wenn wir hören, daß das Hottentottenmädchen seinen Lebensgefährten selbst wählt. Bei der Hochzeit geht es hoch her. Der Vater schlachtet ein Rind, es muß dies aber ein tragendes weibliches Tier sein, damit die Ehe auch fruchtbar werde. Auch unfruchtbare Weiber essen davon, um in gesegnete Umstände zu kommen. — Früher war Polygamie erlaubt, heutzutage hat das Christentum damit aufgeräumt.

Abb. 397. Zulumädchen (Natal).

Bei Krankheitsfällen versammeln sich die nächsten Angehörigen um den Kranken und beginnen durch Schreien, Heulen, Klatschen und Stampfen einen Heidenlärm zu machen. Nützt dies nichts und hat es den Anschein, daß es mit dem Kranken zu Ende gehe, dann rütteln und schütteln sie den Sterbenden unter lautem Geschrei und reden ihm mit schmeichelnden Worten zu, noch länger unter ihnen zu verweilen. Hat der Kranke unter solchem Lärm sein Leben ausgehaucht, so versucht man noch einmal, ihn auf dieselbe Weise zurückzurufen, und macht ihm gleichzeitig wegen seines Dahinscheidens schwere Vorwürfe. Hat auch dies keinen Erfolg mehr, dann nehmen das Wehklagen der Frauen und der Lärm noch zu. Früher schlachtete der Sohn des Verstorbenen, sobald es wieder ruhig geworden war, einen Bock und bestrich mit dessen Blute die Leiche. Darauf brachte man sie in Hockerstellung, das heißt man legte sie so, daß ihre Knie an den Bauch, die Ellbogen auf die Knie und die Arme über die Brust gekreuzt zu liegen kamen, band sie mit Lederriemen fest und wickelte sie in den Karoß, den der Verstorbene bei Lebzeiten getragen hatte, oder auch in Felle oder Matten. Heutzutage wird die Leiche einfach von den Weibern gewaschen und ausgestreckt in Felle eingenäht, darauf von drei bis vier Trägern nach dem Grabe außerhalb der Werft geschleppt; die Leiche darf die Hütte aber niemals durch die Tür, sondern nur durch ein zu diesem Zweck durch Wegnahme einer Matte hergestelltes Loch in der Wand verlassen. Die Beerdigung findet möglichst bald nach dem Tode statt. Alle Männer und Weiber, die während der Vorbereitungen sich vor der Hütte versammelt und in zwei Kreisen niedergehockt haben, rufen in einem fort Bo-Bo, das heißt Vater, und folgen sodann unter vielem Lärm in zwei ebenfalls nach Geschlechtern getrennten Gruppen der Leiche. Diese wird zusammen mit den Habseligkeiten des Verstorbenen ohne besondere Zeremonie in einer bald flacheren, bald tieferen Grube beerdigt. Auf das zugeschaufelte Grab wirft man aus den uns bereits bekannt gewordenen Gründen Steine; Vorübergehende pflegen einen neuen Stein hinzuzufügen, so daß schließlich unter Umständen große Haufen entstehen. Nach Beendigung dieser Zeremonie kehren alle Teilnehmer nach dem Dorfe zurück, wobei sie noch einmal den Verstorbenen laut mit Namen rufen; zu Hause setzen sie sich vor seiner Hütte in zwei Kreisen nieder und klagen stunden-, selbst tagelang. Früher gingen nach Beendigung dieser Klagen der Dorfälteste oder zwei alte Leute in beiden Kreisen herum und bespritzten alle Sitzenden mit ihrem Urin, holten sodann von dem Herde in der Hütte, die sie durch das für den Toten gebrochene Loch verließen, eine Handvoll Asche und bestreuten die draußen Sitzenden damit. Diese rieben sich zunächst mit der Asche ein, schrieen wiederum und beschmierten sich sodann noch mit Kuhmist, den die nächsten Anverwandten aus dem Viehkral herbeiholten. Offenbar sollten diese Handlungen zur Reinigung dienen, da allem, was mit den Körperausscheidungen zusammenhängt (Urin, Mist), eine besondere Zauberwirkung zugeschrieben wird. Am nächsten Tage packten die Bewohner des ganzen Dorfes ihre Habe zusammen, brachen ihre Häuser ab — das des Verstorbenen ließen sie stehen, nahmen auch nichts von ihm mit aus Furcht vor seinem Geiste — und zogen von dannen. Ehe man auseinander ging, schlachtete der Erbe noch ein Schaf zu einem Abschiedsschmaus. — Eigenartig sind die Trauerabzeichen bei den Hottentotten. Das Netz des von den Erben geschlachteten Tieres wurde dem Ehegatten oder, falls dieser tot war, dessen ältestem Sohn überlassen, der es zu einem Strick drehte und sich um den Hals band, wo es so lange hängen blieb, bis es von selbst abfiel. Auch Trauerfrisuren werden getragen, besonders von den ärmeren Leuten, die sich kein Schlachttier leisten können. Sie lassen sich das Haar so scheren, daß mitten auf dem Wirbel eine Platte und rund um den Kopf lauter schmale Streifen stehen bleiben. Sogar Körperverstümmlungen scheinen früher üblich gewesen zu sein; es wird berichtet, daß Freunde und Anverwandte sich ein Fingerglied gleichsam als Opfer für den Verstorbenen weghauen ließen und es ihm in das Grab nachwarfen; von anderer Seite wird wieder erzählt, daß nur die Witwe sich dieser Verstümmlung unterzogen habe, weil sie dadurch in den Augen der Hottentotten gleichsam wieder jungfräulich werde. Man konnte dann aus der Zahl der fehlenden ersten Fingerglieder an einer Frau sogleich erkennen, wie oft sie schon verheiratet gewesen war. — Daß die Hottentotten an ein Fortleben nach dem Tode glaubten, dafür dürfen wir den Beweis in ihren Begräbnisgebräuchen erblicken; aber wie sie sich dieses vorstellten, darüber fehlen uns nähere Angaben.

Phot. R. Thiele.